Coronakrise

Corona-Exit: Die USA und ihr Patchwork-Szenario

Die USA haben nach Darstellung von Präsident Donald Trump das Gröbste der Corona-Krise überstanden und planen Lockerungen der Maßnahmen, je nach Bundesstaat unterschiedlich. „Nun, da unsere Experten glauben, dass die schlimmsten Tage der Pandemie hinter uns liegen, freuen sich die Amerikaner auf eine sichere und schnelle Wiedereröffnung des Landes“, so Trump bei einer Veranstaltung im Weißen Haus. In den USA hat es Wissenschaftlern zufolge seit Beginn der Corona-Pandemie bereits mehr als eine Million nachgewiesene Infektionen mit dem neuartigen Virus gegeben.

red/Agenturen

Trump äußerte sich just am Tag, an dem die Zahl der nachgewiesenen Infektionen in dem Land besagte Millionenmarke überschritt und die Zahl der Todesopfer nach einer Zählung der Nachrichtenagentur Reuters jene der im Vietnam-Krieg getöteten US-Soldaten (das sind 58.220) übertraf.

Die USA haben damit inzwischen mehr bekannte Coronavirus-Infektionen als jedes andere Land der Welt. Mehr als 58.000 Menschen starben nach einer Infektion. Ende Februar prognostizierte Trump noch, die Zahl der Coronavirus-Fälle werde von damals 15 bald wieder auf „nahe Null“ zurückgehen. Trump machte am Dienstag Experten für seine falsche Einschätzung verantwortlich, als er angesichts der jüngsten Gesamtzahl an bestätigten Infektionen von einem Reporter auf seine frühere Aussage angesprochen wurde.

„Viele sehr gute Experten, auch sehr gute Leute, haben gesagt, dass (das Virus) niemals die Vereinigten Staaten betreffen würde, dass es nicht Europa betreffen würde, dass es nichts außerhalb von China betreffen würde“, sagte Trump. „Wir haben auf Experten gehört und wir werden immer auf Experten hören, aber die Experten haben es falsch eingeschätzt, viele Leute haben es falsch eingeschätzt, viele Leute hatten keine Vorstellung davon, dass es so ernst sein würde.“

Hotspot New York mit stabilen Zahlen

Im besonders heftig von der Coronavirus-Pandemie betroffenen US-Bundesstaat New York ist die Zahl der neu in Krankenhäusern aufgenommenen Patienten seit dem Höhepunkt des Ausbruchs Anfang April nunmehr um mehr als 70 Prozent gesunken.

Am Montag seien erstmals seit mehr als einem Monat an einem Tag weniger als 1000 Infizierte neu in den Krankenhäusern des Bundesstaats mit rund 19 Millionen Menschen aufgenommen worden, sagte Gouverneur Andrew Cuomo bei seiner täglichen Pressekonferenz am Dienstag. Am 7. April waren es beispielsweise mehr als 3000 gewesen.

Die Zahl der Todesopfer lag am Montag weiter relativ stabil bei 335. Auf dem Höhepunkt des Ausbruchs starben in New York fast 800 Menschen pro Tag nach einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus. Insgesamt sind in New York bereits mehr als 17.000 Menschen gestorben, rund 300.000 haben sich infiziert.

Der Bundesstaat sei „durch die Hölle gegangen und wieder zurückgekommen“, sagte Cuomo. Die Krise habe viele Missstände in dem Bundesstaat offenbart, etwa in der Tele-Medizin, der Online-Bildung oder dem Gesundheitssystem. All das müsse nun bedacht werden, wenn an einer Zeit nach der Krise gearbeitet werde.

USA überlegt Ausweitung des Einreiseverbotes

Kritiker werfen Trump unterdessen weiterhin vor, zu zögerlich auf das weltweite Ausbruchgeschehen reagiert und die USA nicht auf das Virus vorbereitet zu haben. Dagegen wehrt sich der Präsident immer wieder und lässt keine Gelegenheit aus, die Arbeit seiner Regierung zu loben. Er habe Reisen aus China gestoppt, obwohl ihm Experten davon abgeraten hätten, und damit unzählige Leben gerettet, sagte er am Dienstag erneut. „Ich denke, wir haben großartige Arbeit geleistet.“

Trump zeigte sich zuversichtlich, dass das Virus vor dem Herbst „verschwinden“ würde. Sollte es dann in modifizierter Form zurückkommen, „werden wir damit umgehen können“. Man sei gut darauf vorbereitet, sagte Trump.

US-Vizepräsident Mike Pence sah sich unterdessen Kritik ausgesetzt. Er trug bei einem Krankenhausbesuch im Bundesstaat Minnesota als einziger keine Atemschutzmaske. Und das, obwohl die Klinik dies mittlerweile sowohl von Patienten als auch von Besuchern verlangt, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Auch die Gesundheitsbehörde CDC empfiehlt gesunden Menschen das Tragen von Stoffmasken in der Öffentlichkeit. Pence sagte zu seiner Verteidigung, als Vizepräsident werde er regelmäßig auf das Coronavirus getestet, ebenso wie sein Umfeld.

Die USA haben infolge der Pandemie bereits Einreiseverbote für ausländische Reisende aus China und Europa verhängt. Wegen der sich verschärfenden Corona-Epidemie in Brasilien prüft die US-Regierung nun auch eine ähnliche Maßnahme für das südamerikanische Land. Eine solche Maßnahme werde derzeit ernsthaft erwogen, sagte Trump am Dienstag im Weißen Haus bei einem Treffen mit dem Gouverneur des Bundesstaates Florida, Ron DeSantis. Florida hat traditionell viele Flug- und Geschäftsverbindungen mit den Ländern Südamerikas. DeSantis sagte, es sei vielleicht auch möglich, Passagiere vor ihrem Abflug mit Hilfe von Schnelltests auf das Coronavirus zu untersuchen.

Bundesstaaten mit völlig unterschiedlichem Lockerungs-Tempo

Apropos Tests: Eine Ausweitung der Test-Kapazitäten im Land gilt als Voraussetzung für die Wiedereröffnung der Wirtschaft. Doch weiterhin mangelt es daran vielerorts, weswegen Trumps Regierung in der Kritik steht. Trump kündigte Anfang der Woche an, die Test-Kapazitäten in den kommenden Tagen dramatisch auszuweiten. Die Regierung geht davon aus, dass genug Tests vorhanden sind, damit Bundesstaaten in die erste Phase der Lockerung der Schutzmaßnahmen eintreten könnten. Die Bundesstaaten sind derzeit unterschiedlich stark von der Pandemie betroffen und gestalten die Lockerungen des Shutdowns demzufolge auch unterschiedlich. Trumps Regierung hat dabei zwar einen Drei-Stufen-Plan mit Richtlinien für eine Lockerung der Corona-Einschränkungen vorgelegt, der lässt den 50 US-Staaten aber viel Freiraum.

Besonders eilig hatte es Georgia: Dort durften schon vergangene Woche Friseure, Fitnesscenter und sogar Tattoo-Studios öffnen. Das ging selbst Trump zu schnell, der konservative Gouverneur Brian Kemp zog seinen Plan aber durch. Seit Wochenbeginn können in Georgia Restaurants wieder Gäste bewirten, das gilt auch für den Nachbarstaat Tennessee.

Einen extrem weitgehenden Schritt plant Texas: Dort sollen am Freitag Geschäfte, Restaurants, Kinos, Einkaufszentren, Museen und Büchereien wieder öffnen dürfen - wenn auch nur mit einer Kapazität von zunächst 25 Prozent. Auch Bundesstaaten wie Alaska, Oklahoma, Minnesota, Mississippi, Colorado und South Carolina bereiten eine Lockerung der Ausgangsbeschränkungen und Geschäftsschließungen vor.

Meist sind es Gouverneure von Trumps Republikanischer Partei, die eine rasche Rückkehr zur Normalität einläuten wollen. Sie argumentieren wie der Präsident, der wirtschaftliche Schaden der Einschränkungen nehme überhand, die Wirtschaft müsse wieder angekurbelt werden. Gleichwohl wäre es zu einfach, republikanische Gouverneure mit laxen Anti-Corona-Maßnahmen gleichzusetzen. Ohios Landesvater Mike DeWine etwa gehörte zu den ersten Gouverneuren, die im Kampf gegen eine Ausbreitung des Virus hart durchgriffen.

Grundsätzlich gehen aber die Gouverneure der Demokratischen Partei vorsichtiger vor. Das liegt auch daran, dass viele der besonders früh und hart betroffenen Bundesstaaten wie Kalifornien, Illinois, New York und New Jersey mit ihren großen Ballungsgebieten von Demokraten regiert werden. In dem um sich greifenden Wiedereröffnungs-Fieber gehört New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo zu den prominentesten Mahnern. „Wir müssen smart sein, sonst kehrt die Infektionsrate dorthin zurück, wo sie war“, warnt der Demokrat.

Zwar zeigen Umfragen einen breiten Rückhalt in der Bevölkerung für die strikten Maßnahmen. Allerdings zehrt das Gefühl des Eingesperrtseins zunehmend an der Substanz - und die Menschen zieht es angesichts frühlingshafter Temperaturen ins Freie. Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom zeigte sich zu Wochenbeginn alarmiert über Gedränge an Stränden: „Das Virus macht am Wochenende keine Pause.“

Virologe Fauci bleibt der große Mahner

Auch viele Experten warnen davor, jetzt ungeduldig zu werden und die Krise vorschnell für beendet zu erklären. Der angesehene Virologe und Regierungsberater Anthony Fauci wird nicht müde zu erklären, die Ansteckungskurve könne sehr schnell wieder in die Höhe schießen. Harvard-Wissenschaftler mahnen, in den meisten Bundesstaaten gebe es noch keine ausreichenden Test-Kapazitäten, um eine Lockerung zu begleiten.

Trump will solche Zweifel nicht gelten lassen. „Das Testen wird überhaupt kein Problem sein“, versichert der Präsident. Viele Bundesstaaten würden ihre Wirtschaft derzeit „sicher und schnell“ wiedereröffnen - so wie er es sich im Wahljahr 2020 wünscht.

Insgesamt nimmt die Zahl der nachgewiesenen Neuinfektionen pro Tag derzeit aber ab. Die Johns-Hopkins-Universität verzeichnete am Freitag noch rund 36.200 neue Fälle, für Montag wiesen die Forscher 22.400 aus.

Die US-Wirtschaft befindet sich dabei seit der Zuspitzung der Coronavirus-Pandemie im März im freien Fall. Die US-Notenbank Federal Reserve will am Mittwoch ihren weiteren Kurs im Kampf gegen die wirtschaftlichen Verwerfungen der Coronavirus-Pandemie festlegen. Experten warnen, dass den USA der stärkste Wirtschaftseinbruch seit fast 100 Jahren bevorsteht. Schon jetzt haben mehr als 26 Millionen Menschen ihren Job infolge der Pandemie verloren. Zahllose Geschäfte, Restaurants und Fabriken bleiben wegen der von den Bundesstaaten verhängten Ausgangsbeschränkungen leer. Ein führender Wirtschaftsberater von Präsident Trump, Kevin Hassett, warnte jüngst, die Arbeitslosenquote könne nach rosigen 3,5 Prozent im Februar für April bei dramatischen 16 bis 17 Prozent liegen.

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In den USA breitet sich das neuartige Virus seit einigen Wochen wieder verstärkt aus. Betroffen sind vor allem Bundesstaaten im Süden und Westen.
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