Spitäler am Limit

„Das ist erst die Spitze des Eisbergs!"

Personalmangel, zu wenig Zeit für Patient:innen und Forschung, fehlende Investitionen und nicht zuletzt eine Pandemie, die die Spitäler seit zwei Jahren in Atem hält: Das Gesundheitspersonal in den heimischen Krankenhäusern arbeitet am Anschlag. medinlive hat Johannes Kastner, Vorsitzenden des Betriebsrats für das wissenschaftliche Personal der Medizinischen Universität Wien/AKH, zur aktuellen Stimmungslage befragt und wollte wissen, an welchen Schrauben man drehen könnte, um die Situation der Ärzt:innen zu verbessern.

Eva Kaiserseder

medinlive: In einer rezente Umfrage aus dem Sommer 2021 sagten rund zwei Drittel der Ärzt:innen der MedUni Wien/AKH, dass es ihnen in der Arbeit nicht gut geht. Wo steht man momentan, wo sind die größten Baustellen?

Johannes Kastner: Natürlich ist eine große Müdigkeit da nach zwei Jahren Corona, die ja in vielen Bereichen spürbar ist, im Gesundheitsbereich aber besonders. Durch die Pandemie hat sich herauskristallisiert, dass der Personalmangel vor allem auch im Pflegebereich akut ist. Viele Krankenstände haben die Problematik zusätzlich gesteigert, durch Corona verkomplizierte Prozesse erschweren die Arbeit, es ist einfach eine besondere Belastung und mittlerweile merkt man auch, dass sich im ärztlichen Bereich das Feld der Mitarbeiter ausdünnt, nicht nur in der Pflege.

medinlive: Was sagen die jungen Mediziner:innen, die gerade in den Job einsteigen, zum Status Quo?

Kastner: Wir merken, die Jungen sind unzufrieden, aber sie haben noch keine andere Option. Früher war es selbstverständlich, dass die Leute an der Uni bleiben, ihre Karriere machen und sich auf ihre universitäre Karriere gefreut haben. Das nimmt ab, vielfach sagen die Ärzt:innen heute direkt nach der Ausbildung, sie gehen jetzt in die Niederlassung. Einen extrem kritischen Bereich haben wir bekanntlich bei der Kinder- und Jugendpsychiatrie erreicht. Hier droht in manchen Häusern, der Betrieb zusammenzubrechen und die Thematik wird sich noch weiter verschlechtern. Das ist die Spitze des Eisbergs, auch in anderen Bereichen gehen die Fachärzte aus dem Spital verstärkt in die Niederlassung.

medinlive: Mein Eindruck ist: Die Spitalsärztin, der Spitalsarzt ist momentan ein sehr unattraktiver Job.

Kastner: Ich würde sagen, der Job der Ärzt:innen im Spital war früher deutlich attraktiver, ja. Es gab geregelte Arbeitszeiten in der Anstellung, während die Ordination eher eine unternehmerische, eben freiberufliche Tätigkeit war. Derzeit ist es oft so, dass Spitalsärzte mehr Dienste und Wochenenddienste machen müssen, als sie eigentlich wollen, um ein Beispiel zu nennen. Die Niederlassung hat an Attraktivität zugelegt, egal ob Kasse oder Wahlarzt. Man hat geregelte Arbeitszeiten, verdient sehr gut, deutlich über den Löhnen im Spital, und im Unterschied zu früher sind die Plätze leichter zu bekommen. Durch die Ärzteschwemme vor 20, 30 Jahren sah das damals ganz anders aus als heute, es war deutlich schwerer, eine verfügbare Planstelle zu bekommen. Im Gegensatz dazu gibt es Fächer, wo heute gar nicht mehr alle Planstellen besetzt werden können. Tendenziell befinden sich Spitäler und Niederlassung also in einem starken Wettbewerb um die Mediziner:innen.

medinlive: Was wären Anreize, Mediziner:innen ins Spital zu holen bzw. daran zu binden?

Kastner: Ich glaube, zu den größten Schrauben, an denen man drehen muss, gehört die Arbeitszeit. Es braucht Arbeitszeitmodelle, die flexibler und familienfreundlicher gestaltbar sind. Natürlich wird es immer Leute geben, die gerne 60,70 Stunden arbeiten, auch das soll machbar sein, aber diejenigen, die so etwas nicht leben möchten, für die muss es Alternativen geben. Und der zweite Bereich, wo sich etwas tun muss, sind die Einkommen an den Spitälern. Wir an der MedUni haben das im Rahmen der Betriebsvereinbarung ausverhandelt, allerdings ist diese Betriebsvereinbarung eine, die vorerst nur auf zwei Jahre angedacht ist, 2023 muss sie nachgebessert werden. Bis dahin konnten wir für das ärztliche Personal eine einmalige Prämie in in der Höhe von 3.000 Euro ausverhandeln. Jedenfalls muss hier etwas getan werden, denn die Dreierkombination aus der derzeit attraktiveren Niederlassung, der Abwanderung ins Ausland und vielen Ärzt:innen, die sich langsam dem Pensionsalter annähern und uns fehlen werden, ist sehr belastend.

medinlive: Wie sieht ein familienfreundliches Modell aus?

Kastner: Ich glaube, man muss vor allem flexibler sein. Wenn jemand zum Beispiel die nächsten sechs Monate nur 30 Stunden arbeiten möchte, muss das möglich gemacht werden. Es braucht mehr Durchlässigkeit. Auch eine Kinderbetreuung vor Ort macht Sinn, die gibt es zwar schon teilweise, aber das ist ausbaufähig.

medinlive: Wie sieht es in Sachen Ausbildung aus, wo sind hier die großen Baustellen?

Kastner: Es hat sich in der Ausbildung viel getan, keine Frage, es gab eine Ausbildungsreform. Aber negativ auswirken könnte sich meiner Meinung nach die neu geregelte Ausbildungsverantwortung. Früher wurde die Entscheidung, wieviele Ausbildungstellen anerkannt werden von der Ärztekammer getroffen. Nun obliegt diese Entscheidung seit letztem Jahr den Ländern, die gleichzeitig auch die Spitäler betreiben. Und das war, wie ich finde, keine gute politische Entscheidung. Die Befürchtung steht im Raum, dass die Länder hier ihren eigenen Interessen entsprechend agieren werden.

medinlive: Was fehlt den jungen Mediziner:innen momentan am Meisten?

Kastner: An der MedUni vermissen sie vor allem Zeit für die Forschung. Wer hier eine Stelle annimmt, will dort forschen und wissenschaftlich arbeiten. Aus der Umfrage im Sommer wissen wir, momentan ist das eher eine Freizeitbeschäftigung. Es würde zwar zu den Dienstpflichten gehören, die ja Forschung, Lehre und Klinik umfasst, aber in der Realität ist das mit den Leistungen in der medizinischen Versorgung kaum vereinbar. Ansonsten gehören zu den Hauptkritikpunkten etwa fehlendes Personal, zu viel Administratives oder eine unzureichende EDV.

medinlive: Wie hat sich der oft erwähnte Personalmangel in den letzten zehn Jahren entwickelt?

Kastner: Früher gab es einen Riesenandrang an MedUni und sämtliche Stellen wurden problemlos besetzt, heute gibt es Bereiche, wo man wirklich froh sein muss, jemanden zu finden. Fächer wie die Kardiologie sind nach wie vor sehr beliebt, aber auch hier dünnt es sich langsam aus. Die Spitäler an der Peripherie kennen die Problematik in noch viel größerem Ausmaß, da gibt es Häuser, die etwa einen derartigen Mangel an Anästhesisten haben, dass es schwer ist, ihr OP-Programm zu bespielen.

medinlive: Zum Aufnahmetest für die Medizinuniversitäten gibt es ja regen Zulauf, vor rund zwei Jahren gab es auch die Debatte, den Studierenden-Schlüssel an den Universitäten zu erhöhen. Warum gibt es trotzdem zu wenige Ärzt:innen?

Kastner: Theoretisch könnten wir genügend Leute ausbilden, aber in der Praxis bleiben lange nicht alle bei uns im System. Wir haben ja eine Quotenregelung mit der EU, das heißt, ein Teil der Studierenden kommt aus dem Ausland und wird für das Ausland ausgebildet, denn die Studierenden gehen großteils wieder zurück. Zudem wandern auch österreichische Studierende ins Ausland ab. Mit der einfachen Rechnung „Wir bilden mehr Ärzt:innen aus, dann haben wir auch mehr Ärzt:innen!“ ist es also nicht getan. Insgesamt muss man den Beruf wieder attraktivieren, vor allem den des Spitalsarztes. Was zudem deutlich häufiger geworden ist als vor rund fünf bis zehn Jahren: Leute im mittleren Alter verlassen das Gesundheitssystem, seien es Pflege oder der ärztliche Bereich.

medinlive: Wie steigert man die Motivation wieder?

Kastner: Ein vernünftiges Einkommen kann nur die Basis sein, es geht vorrangig um die Arbeitsbedingungen, die sich bessern müssen. Die Menschen sollen, um jetzt für die MedUni zu sprechen, Zeit zum Forschen finden, sie dürfen nicht an der Klinik verheizt werden. Zustände, das man bis abends im OP und auf der Station arbeitet und in seiner Freizeit forschen muss... so etwas ist kontraproduktiv. Es sollte die Möglichkeit geben, sich Tage für das Labor und wissenschaftliches Arbeiten zu reservieren. Auch wichtig sind Vorgesetzte, die die Ideen ihrer Mitarbeiter fördern, nicht abblocken, sondern sie aktiv mitgestalten lassen. Kinderbetreuung ist auch ein Thema das immer wiederkehrend ist, etwa beim Thema Nachtdienste.

medinlive: Zuerst haben wir kurz die Prämie für die Mitarbeiter von AKH und MedUni angesprochen. Hat das etwas mit der geforderten Coronaprämie für das Gesundheitspersonal insgesamt zu tun?

Kastner: Nein, das ist eine ausverhandelte Prämie im Rahmen der neuen Betriebsvereinbarung. Formal gilt es deshalb als Corona-Prämie, weil es dafür eine Steuerbefreiung gibt und das Personal natürlich zwei Jahre untern den Coronabedingungen gearbeitet hat. Rechtlich ist das also logischerweise in Ordnung. Es wurde dann nur missverständlich als Corona-Prämie ausschließlich für das Persona der Medizinischen Universität Wien/AKH aufgefasst. Also, nein, das gehört zu unserer neuen Betriebsvereinbarung. Wir werden allerdings an vielen Themen dranbleiben und 2023 neu verhandeln müssen.

medinlive: Ich bedanke mich für das Gespräch!

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Johannes Kastner (hier bei der Pressekonferenz zur Umfrage der Arbeitszufriedenheit unter den Ärzt:innen an der Wiener MedUni/AKH) fordert unter anderem mehr Flexiblität vom Dienstgeber ein.
Stefan Selig