Alpbacher Gesundheitsgespräche

Defizite bei Seltenen Erkrankungen

In Österreich wird die Zahl der Sozialversicherungsträger durch Fusionen von 21 auf fünf gesenkt. Diese Strukturreform ändere aber nichts in der Qualität der medizinischen Versorgung der Versicherten, hieß es am Rande der Alpbacher Gesundheitsgespräche bei einem Expertenmeeting der „Praevenire“-Initiative.

red/Agenturen

Von der Schnittstellenproblematik im österreichischen Gesundheitswesen mit getrennter Finanzierung und Organisation von Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten sind chronisch Kranke besonders betroffen. Speziell problematisch ist das bei Menschen mit Seltenen Erkrankungen.

„Die Versorgung mit Medikamenten wäre ja super. Es hapert aber an der Diagnosestellung und an der Behandlung beim Spezialisten“, sagte Evelyn Groß von der Österreichischen Morbus Crohn/Colitis ulcerosa-Vereinigung. Die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen entstehen oft bereits im Kindes- und Jugendalter. Fehlende Kinderärzte in der niedergelassenen Praxis und mangelnde Expertise in der Diagnose würden zur oft viel zu späten Entdeckung dieser Krankheiten führen. Das lebenslange Management zwischen Hausarzt, niedergelassenen Fachärzten, Spezialambulanzen etc. gestalte sich schwierig. Die Problematik betrifft in Österreich beispielsweise 60.000 bis 80.000 Patienten mit solchen Leiden.

Kassenfusion allein ändert an Situation der Betroffenen noch nichts

Johannes Zschocke von der Sektion für Humangenetik der MedUni Innsbruck verwies auf ein grundsätzliches Problem: „Netzwerkstrukturen sind besonders wichtig für chronische Erkrankungen.“ Man benötige lokale Strukturen genauso wie hoch spezialisierte Fachleute an Kliniken.

Die Strukturreform der österreichischen Krankenkassen selbst dürfte an der Situation der Betroffenen wenig ändern. „An den Landeszielsteuerungskommissionen soll nicht gerüttelt werden. Wir müssen schauen, dass den Patienten nichts fehlt“, sagte Martin Schaffenrath, Arbeitnehmervertreter im Überleitungsausschuss der Österreichischen Gesundheitskasse.

Zwar habe es eine massive Verschiebung der Macht von den Arbeitnehmern in Richtung Arbeitgebervertreter gegeben, an einem wesentlichen Manko habe sich aber im Sozialversicherungs- und Krankenkassenwesen damit nichts geändert, kritisierte NEOS-Gesundheitssprecher Gerald Loacker: „Der Patient hat im österreichischen System nichts zu sagen. Die Krankenkassen-Funktionäre vertreten jeweils die Kammer, die sie entsendet.“

Gerade für Patienten, die mit Seltenen Erkrankungen zunächst einmal Spezialisten benötigen und nach erfolgreichem Therapiebeginn schließlich eine funktionierende lokale Versorgung brauchen, wäre noch viel zu tun. „Wir haben da ein Navigationsproblem“, sagte der Gesundheitsökonom Thomas Czypionka (IHS). Laut den Fachleuten müsste ein adäquates Versorgungssystem auch Bundesländer-übergreifend sein. Dies wird in gesundheitspolitischen Debatten seit langem und immer wieder als Defizit angeführt.