Coronakrise

Deutsche Ärztevertreter begrüßen Corona-Lockerungen und mahnen zur Vorsicht

Vertreter der Ärzteschaft haben sich positiv zum Beschluss von Bund und Ländern geäußert, die Corona-Eindämmungsmaßnahmen schrittweise zurückzufahren. Das Vorgehen sei „aus wissenschaftlich-epidemiologischer Sicht berechtigt“, sagte Ärztekammerpräsident Klaus Reinhardt. Der Präsident der Intensivmediziner-Vereinigung Divi, Gernot Marx, mahnte die Politik zugleich, die Menschen nicht in falscher Sicherheit zu wiegen.

red/Agenturen

Die Spitzen von Bund und Ländern hatten am Mittwoch beschlossen, die meisten Corona-Kontaktbeschränkungen bis zum 20. März schrittweise abzuschaffen - „wenn die Situation in den Krankenhäusern dies zulässt“. Bestimmte Maßnahmen wie die Maskenpflicht sollen länger möglich sein. Dafür muss noch das Infektionsschutzgesetz geändert werden.

„Die Omikron-Welle bricht, die Lage in den Kliniken ist beherrschbar, und mit steigenden Temperaturen ist eine weitere Entspannung wahrscheinlich“, beschrieb Reinhardt die Lage medial. Der Präsident der Bundesärztekammer mahnte zugleich die Bürger zur Vorsicht: „Mit dem Wegfall gesetzlicher Beschränkungen kommt dem eigenverantwortlichen Umgang der Menschen mit möglichen Ansteckungsrisiken eine noch größere Bedeutung zu.“

Als Beispiele für ein umsichtiges Vorgehen nannte Reinhardt neben der Impfung freiwillige Schnelltests vor privaten Feiern. Solche Tests seien vor allem sinnvoll, „wenn ältere Familienangehörige oder Menschen mit Vorerkrankungen anwesend sind“, betonte er. Auch das Tragen von FFP2-Masken etwa im Nahverkehr und bei größeren Menschenansammlungen bleibe sinnvoll.

„Größere Lockerungen verfrüht“

Marx urteilte, die beschlossenen Lockerungen erfolgten „schrittweise, mit Augenmaß, und sind daher aus unserer Sicht angemessen“. Umfangreichere Lockerungen wären seiner Meinung nach falsch: „Wir überschreiten gerade erst den Höhepunkt der Omikron-Welle, deshalb wären größere Lockerungen zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht“, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi).

Seit Ende Januar gebe es einen moderaten Anstieg der Intensivpatienten, „inzwischen verstärkt auch bei den über 70- und über 80-Jährigen“, sagte Marx zur Begründung. „Wichtig ist auch, klar zu kommunizieren, dass die Pandemie trotz der vielen Lockerungen noch nicht vorbei ist.“ Die Menschen müssten sich weiterhin an die Maskenpflicht und Abstandsregeln halten, um das Risiko einer Infizierung zu reduzieren.

Nach jedem Öffnungsschritt müsse außerdem geprüft werden, ob die Fallzahlen erneut ansteigen oder weiterhin sinken, sagte Marx. „Sollte es mehr Neuinfektionen geben, müssen Maßnahmen auch wieder zurückgenommen werden, um ein erneutes Ausbreiten des Coronavirus zu verhindern.“

Karagiannidis rechnet nicht mit einer Überlastung der Intensivstationen

Der wissenschaftliche Leiter des Divi-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, nannte die Lockerungsbeschlüsse „verantwortbar. Das stufenweise Vorgehen ist sehr gut.“ Im Krankenhaus und auf den Intensivstationen werde die Spitze der Corona-Fälle erst in wenigen Wochen zu sehen sein, „aber ich rechne nicht damit, dass es zu einer Überlastung kommt“, sagte der Intensivmediziner.

Ob Deutschland eine Woche früher oder später Maßnahmen beende, „spielt keine große Rolle mehr am Ende des Marathons. Wir sind fast am Ziel der akuten und einer bis dato sehr langen Phase“, sagte Karagiannidis.

Die Sieben-Tage-Inzidenz bei den Corona-Neuinfektionen in Deutschland sank am Donnerstag erneut leicht. Sie lag nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) bundesweit bei 1385,1. Am Mittwoch hatte sie bei 1401,0 gelegen, am Donnerstag vergangener Woche noch bei 1465,4.