Corona-Pandemie

Deutschland in der Zwickmühle

Angesichts der wieder leicht sinkenden Corona-Inzidenz hat der Virologe Klaus Stöhr vor voreiligen Schlüssen gewarnt. Die Verwendung eines bundesweiten Mittelwertes sei „ein Anfängerfehler der Epidemiologie“, sagte Stöhr in einem Interview. „Die große regionale Diversität der Pandemiesituation sollte nun aber auch dem Letzten auffallen.“ In Deutschland brauche es eine lokal spezifische Betrachtung bei der Risikoeinschätzung genau wie bei der Bekämpfung.  Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat unterdessen vor der Bund-Länder-Runde zu Corona-Maßnahmen die Notwendigkeit von Einschränkungen für Ungeimpfte betont.

red/Agenturen

Die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche ist nach Angaben des Robert-Koch-Instituts vom Donnerstag den dritten Tag in Folge gesunken. Sie liegt nun bei 439,2. Binnen 24 Stunden infizierten sich 73.209 Menschen.

Die Corona-Lage werde sich ganz unterschiedlich entwickeln, prognostizierte der frühere Direktor der Weltgesundheitsorganisation (WHO). „In den Hotspot-Regierungsbezirken mit dünner Impfdecke sehen wir wie vorhergesagt bald eine leichte Entschärfung der Situation“, sagte Stöhr. „Nach rasantem Anstieg flacht sich die Kurve ab, weil in der Region nicht mehr 'genügend' empfängliche Personen 'erreichbar' sind.“

Dies sei aber kein Grund zur Entwarnung. Inzidenz und Hospitalisierung würden im Winter auf hohem Niveau verbleiben, weil Kontakte häufig und Mobilität hoch seien. Außerdem bräuchten die Impfkampagne und danach die Immunität Zeit, um Wirkung zu entfalten.

In den anderen Regionen werde sich der Anstieg „auf niedrigerem Niveau noch ein bis zwei Wochen fortsetzen und dann etwas verlangsamen“, erwartete Stöhr. Auch dort aber bleibe der Infektionsdruck durch die Wintersituation weiter „sehr hoch“.

Virologe für Impfpflicht

Kurzfristig könnten die Kontaktbeschränkungen zur Abmilderung beitragen. Mittelfristig, bis Februar oder März, würden die gegenwärtigen Booster- und Erstimpfungen neben den Kontaktbeschränkungen über den weiteren Verlauf entscheiden. „Eine Impfpflicht ab diesem Zeitpunkt wäre deshalb für mich nicht geeignet, das aktuelle Problem effizient zu lösen“, gab Stöhr in Bezug auf die Pläne von Ampel-Regierung und Bund und Ländern zu bedenken.

Dass die Pandemie - etwa durch Masken in Schulen - auch im Sommer eingedämmt worden sei, räche sich jetzt, sagte der Forscher weiter: „Man hat durch sehr konservative Maßnahmen sehr viele nicht vermeidbare natürliche Immunisierungen aus dem Sommer in den Winter verschoben.“ Dieser Nachholeffekt falle „uns jetzt auf die Füße“ und unterscheide Deutschland etwa von Portugal, Spanien, Schweden oder der Schweiz.“ In Deutschland seien wahrscheinlich viel weniger Menschen natürlich immun.

Massive Kontaktbeschränkungen nötig

Gesundheitsminister Jens Spahn betont unterdessen die Wichtigkeit weiterer Maßnahmen: „Was tatsächlich wichtig ist, ist quasi ein Lockdown für Ungeimpfte“, sagte der CDU-Politiker am Donnerstag im ZDF-„Morgenmagazin“. Die große Zahl an Ungeimpften sei das, was „das Gesundheitssystem vor eine Herausforderung stellt“. „Wenn Sie auf die Intensivstationen schauen, wenn Sie schauen: Wo ist die Dynamik überhaupt auch bei den Infektionen, dann ist das bei dieser zu großen Zahl an Ungeimpften.“ Deswegen seien Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte wichtig.

Zudem nannte der Minister 2G (also Zugang nur für Geimpfte und Genesene) „konsequent in fast allen Lebensbereichen“, das Absagen oder deutliche Reduzieren von Großveranstaltungen sowie Schließungen von Bars, Clubs und Diskotheken. „Wir sehen ja, in den Regionen in Deutschland - in Sachsen, in Bayern - wo sehr weitgehende Maßnahmen ergriffen wurden, scheint sich die Lage zu stabilisieren und zu verbessern“, sagte Spahn. „Die Maßnahmen wirken.“

Man brauche „massive Kontaktbeschränkungen und Reduzierungen, um jetzt diese Dynamik auch rauszubringen“. Er warnte zudem: „Selbst wenn es ab morgen keine Infektionen mehr in Deutschland gäbe, werden wir trotzdem wahrscheinlich über 6000 Covid-19-Intensivpatienten in Deutschland noch den nächsten Tagen sehen.“

Bund und Länder wollen am Donnerstag härtere Maßnahmen im Kampf gegen Corona auf den Weg bringen. Dazu beraten die Ministerpräsidenten und -präsidentinnen in einer Schaltkonferenz (11.00 Uhr) mit der geschäftsführenden Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und dem designierten Kanzler Olaf Scholz (SPD) über ein umfangreiches Maßnahmenpaket.

 

Bundesgesundheitsminister Deutschland
Deutschlands Gesundheitsminister Jens Spahn muss sich für weitere Corona-Maßnahmen entscheiden, für welche konkret, ist noch unklar.
BMG / Thomas Ecke