Digitalisierung als Mittel zur „Patienten-Ermächtigung"

Der rund um die Uhr mögliche Zugang zu Daten und die Auswertung riesiger Informationspools per EDV inklusive Künstlicher Intelligenz wird das Gesundheitswesen verändern. Sie werden - potenziell - den Patienten mehr Einfluss geben und können das Fachpersonal von Routine entlasten, stellten Fachleute bei einem Seminar im Rahmen der Praevenire-Gesundheitstage in Seitenstetten fest.

 

red/Agenturen

Mehr als zwei Dutzend Experten aus den verschiedensten Bereichen des Gesundheitswesens diskutierten für das von der Praevenire-Initiative geplante „Weißbuch Gesundheit" Chancen, Möglichkeiten und Risiken der Digitalisierung und von Big Data. „Die Vorteile für die Patienten liegen vor allem in der Selbstermächtigung. Sie werden durch Zugang zu ihren Gesundheitsdaten besser und aktuell überblicken können, wie es um sie steht", sagte der Moderator des Workshops, Reinhard Riedl, Leiter des Instituts „Digital Enabling" der Berner Fachhochschule (BFH). Das objektive Detailwissen über die Charakteristika des eigenen Lebensstils könne auch dazu führen, Lebensstiländerungen zum Positiven zu unterstützen.

Daten liefern Hinweise auf typische Fehler

Auch das medizinische Fachpersonal werde durch die Digitalisierung im Gesundheitswesen im günstigen Fall entlastet werden. „Die mit der Digitalisierung einhergehende Automatisierung von Routineabläufen wird wohl dazu führen, dass die Ärzte mehr Zeit für das persönliche Gespräch mit dem Patienten haben. Gleichzeitig wird der verbesserte Wissenszugang auch der niedergelassenen Ärzte zu einer Qualitätssteigerung führen", betonte Riedl.

Die Personalisierung der Medizin werde aber auch noch auf einer zweiten Ebene erfolgen. „Bei manchen Seltenen Erkrankungen werden Diagnose und Therapieauswahl nur noch via Digitalisierung und Big Data-Analyse erfolgen können, weil diese Aufgaben für Menschen zu komplex sind", sagte der Experte. Ein Beispiel wären Bild-Analyse-Verfahren, die zur Bestimmung der aktuellen Situation von Patienten eingesetzt werden. Bei chronisch Kranken könnten Analyseverfahren zum Beispiel zu automatisierten und dem Arzt vorgeschlagenen Therapieempfehlungen oder Empfehlungen zur Anpassung der Behandlung an den aktuellen Krankheitsverlauf führen.

Der Zugang zu den im Gesundheitswesen für den einzelnen Patienten wichtigen Daten könne aber auch dazu führen, Fehler zu entdecken. Beispiel: Wenn auf einen Blick erkennbar ist, dass ein Patient innerhalb von einem oder zwei Jahren Dutzende verschiedene Ärzte aufgesucht hat, könnte das ein Hinweis auf eine nicht erkannte seltene Erkrankung sein, an der buchstäblich per Zufall "herumgedoktert" wird.

„80 bis 90 Prozent der Fehler - auch der Fehler in der Medizin - sind 'typisch'. Werden sogenannte Anti-Pattern, also Muster, entdeckt, welche 'normalerweise' zu Fehlern führen, lassen sie sich leichter vermeiden", sagte Riedl.