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Coronavirus

Europa im Krisenmodus: Mehr als fünf Millionen bestätigte Fälle

Die Zahl an Corona-Neuinfektionen steigt europaweit. Nach den jüngsten Zahlen der EU-Agentur ECDC steckten sich  binnen 14 Tagen je 100.000 Einwohner in Tschechien rund 859, in Belgien 757, den Niederlanden 535 und in Frankreich 415 Menschen mit dem Virus an. Die Länder reagieren unterschiedlich, die Regeln reichen von mehr Maskenpflicht bis hin zu Ausgangssperren.

red/Agenturen

In der EU und ihren wichtigsten europäischen Partnerstaaten haben sich mittlerweile mehr als fünf Millionen Menschen nachweislich mit dem Coronavirus angesteckt. Bis Dienstag wurden dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) insgesamt 5,039.783 Fälle aus dem Europäischen Wirtschaftsraum zuzüglich Großbritannien gemeldet. Das sind rund 130.000 mehr als am Vortag, wie aus einer täglich aktualisierten Übersicht des ECDC hervorgeht.

Die mit Abstand meisten Corona-Fälle haben demnach Spanien (974.449), Frankreich (910.277) und Großbritannien (741.212) verzeichnet. Dahinter folgen Italien (423.578), Deutschland (373.167), die Niederlande (235.954) und Belgien (230.387). In der gesamten Region hat es bisher rund 202.000 Todesfälle in Verbindung mit einer Covid-19-Erkrankung gegeben.

Italien: Lombardei und Kampanien planen Ausgangsverbote 

Die Zahl der Corona-Infektionen in Italien ist wieder über die 10.000er-Schwelle gestiegen. Nachdem am Montag 9.338 neue Ansteckungen registriert wurden, gab es am Dienstag 10.874 Fälle. Außerdem wurden 89 weitere Todesopfer registriert, am Vortag waren es 73 gewesen. Die Zahl der Corona-Toten in Italien seit Beginn der Epidemie im Februar stieg somit auf 36.705. Innerhalb eines Tages wurden 144.000 Tests durchgeführt.

Die Zahl der bestätigten aktiven Fälle kletterte am Dienstag auf 142.739, jene der in Spitälern behandelten Covid-19-Patienten erhöhte sich gegenüber Montag von 7.676 auf 8.454, teilte das italienische Gesundheitsministerium mit. In Quarantäne befanden sich 133.415 Personen. Auf den Intensivstationen lagen 870 Patienten, am Vortag waren es 797 gewesen.

Die italienischen Provinzen Lombardei und Kampanien planen wegen drastisch steigender Corona-Zahlen nächtliche Ausgangsverbote. In der Lombardei im Norden sollen sie am Donnerstag beginnen. Nach Medienberichten dürfen die Bürger dann zwischen 23 Uhr und 5 Uhr ihr Haus nur noch aus wichtigem Grund wie Arbeit oder Krankheit verlassen. Die Lombardei, die auch bei der ersten Corona-Welle im Frühjahr stark betroffen war, habe eine solche Verschärfung der Maßnahmen bei der Regierung in Rom beantragt, schrieb die Zeitung „Corriere della Sera“.

Der Regionalpräsident von Kampanien, Vincenzo De Luca, kündigte am Dienstag ähnliche Maßnahmen an. Sie sollten in der Region im Süden, zu der Neapel gehört, am Freitagabend starten.

Italiens Gesundheitsminister Roberto Speranza hatte am Montagabend mitgeteilt, er sei grundsätzlich einverstanden mit „restriktiveren Maßnahmen“ in der Lombardei. Er habe mit dem Regionalpräsidenten Attilio Fontana und dem Bürgermeister der Metropole Mailand, Giuseppe Sala, darüber gesprochen. Der Minister nannte keine konkreten Punkte. „Wir werden in den nächsten Stunden gemeinsam daran arbeiten“, schrieb er. Rom hatte am Wochenende einige Anti-Corona-Maßnahmen verschärft. Regierungschef Giuseppe Conte betonte jedoch, ein nationaler Lockdown wie im Frühjahr solle vermieden werden. Einige Regionalpolitiker kritisierten das Vorgehen Roms als zu zögerlich.

Den Berichten zufolge soll in der ökonomisch starken Lombardei mit rund zehn Millionen Einwohnern auch ein Teil des Einzelhandels, der keine Lebensmittel verkauft, an Wochenenden geschlossen werden. Der für Gesundheit zuständige Regionalkommissar Giulio Gallera warnte nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa am Dienstag im Radio vor einer erneuten Überlastung der Krankenhäuser. Wenn der Trend nicht gestoppt werde, könnten Ende Oktober rund 4000 Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern der Region liegen. Derzeit sind es rund 1.100 Menschen.

Insgesamt registrierte das 60-Millionen-Einwohner-Land am Montag etwas weniger als 10.000 Neuansteckungen. Die höchsten Werte hatten die Lombardei und Kampanien.

Tschechien: Auch im Auto gilt Maskenpflicht

Im Kampf gegen massiv steigende Corona-Zahlen führt Tschechien wieder eine Maskenpflicht im Freien ein. Sie gelte von Mittwoch an innerhalb des bebauten Gebiets von Städten und Gemeinden, gab Gesundheitsminister Roman Prymula nach einer Kabinettssitzung am Montag bekannt.

Ausnahmen gelten unter anderem, wenn ein Abstand von mehr als zwei Metern eingehalten werden kann, sowie beim Sport. In Innenräumen ist die Mund-Nasen-Bedeckung ohnehin Pflicht - neuerdings auch im Auto, wenn familienfremde Personen mitfahren.

Eine Maskenpflicht im Freien galt bereits einmal von Mitte März bis Mitte Juni während der ersten Phase der Pandemie im Frühjahr. In Tschechien war die Zahl der Corona-Neuinfektionen zuletzt stark angestiegen. Nach den jüngsten Zahlen der EU-Agentur ECDC steckten sich binnen 14 Tagen 858,6 Menschen je 100.000 Einwohner mit dem Virus an – der höchste Wert unter allen EU-Mitgliedstaaten. Seit Beginn der Pandemie starben mehr als 1.500 Menschen in Verbindung mit einer Covid-19-Erkrankung. Tschechien hat knapp 10,7 Millionen Einwohner.

Belgien: Fast 8.500 neue Infektionen pro Tag 

Die Corona-Infektionszahlen in Belgien schnellen weiter in die Höhe und erreichen nun fast 8.500 neue Fälle pro Tag. In der Woche bis zum 16. Oktober registrierte das staatliche Gesundheitsinstitut Sciensano im Durchschnitt täglich 8.422 neue Ansteckungen. Das bedeutet ein Plus von 69 Prozent im Vergleich zur Woche davor.

Am Dienstag lagen 2.774 Patienten mit Covid-19 in den belgischen Kliniken, davon 446 auf Intensivstationen, wie die Nachrichtenagentur Belga meldete. Täglich kommen im Schnitt knapp 267 Patienten neu in die Klinik, 95 Prozent mehr als in den sieben Tagen vorher. Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion steigt ebenfalls, wenn auch nicht so stark: Täglich sterben rechnerisch 32 Menschen in dem 11,5 Millionen Einwohner-Land an oder mit dem Virus, 15 Prozent mehr im Vergleich zur Vorwoche.

Mehr als 2.000 Intensivpatienten in Frankreich

Nach dem massiven Anstieg der Corona-Fälle in Frankreich hat sich auch die Zahl der auf den Intensivstationen befindlichen Menschen stark erhöht. Auf 2.090 Intensivbetten liegen derzeit Corona-Patienten – 1.441 mehr als vor einer Woche, wie die Gesundheitsbehörden am Montag bekannt gaben. In den vergangenen 24 Stunden starben demnach 146 Menschen an den Folgen einer Corona-Erkrankung. Zuletzt wurden im Mai mehr als 2.000 Menschen auf Intensivstationen behandelt.

Auf dem Höhepunkt der Pandemie im April lagen mehr als 7.000 Patienten auf den Intensivstationen des Landes. Frankreich hat nach Angaben von Gesundheitsminister Olivier Véran insgesamt 5800 Intensivbetten. Besonders angespannt ist die Situation derzeit in Paris und Umgebung. Dort stieg die Auslastung der Intensivbetten auf 50 Prozent.

Frankreich ist mit mehr als 33.600 Corona-Toten eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder Europas.
 

Portugal überschritt Marke von 100.000 Infektionen

Portugal hat die Marke von 100.000 bestätigten Corona-Infektionen überschritten. Binnen 24 Stunden seien 1.949 neue Ansteckungen mit dem Virus SARS-CoV-2 registriert worden, teilte die Gesundheitsbehörde DGS am Montag in Lissabon mit. Das sind 966 Fälle mehr als am Vortag. Erst am Freitag war mit 2.608 neuen Fällen die bisher höchste Tageszahl gemeldet worden.

Die Gesamtzahl der bisher nachgewiesenen Infektionen in dem 10,3-Millionen-Einwohner-Land belief sich am Montag den amtlichen Angaben zufolge auf 101.860. Die Zahl der Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19 stieg um 17 auf 2.198. Portugal war lange Zeit relativ gut durch die Corona-Krise gekommen, doch das Virus macht dem beliebten Urlaubsland seit einigen Wochen immer mehr zu schaffen.

Nach den jüngsten Zahlen der EU-Agentur ECDC steckten sich in Portugal binnen 14 Tagen 210,8 Menschen je 100.000 Einwohner mit dem Virus an.

Wegen der steigenden Infektionszahlen rief die sozialistische portugiesische Regierung von Ministerpräsident Antonio Costa am vorigen Donnerstag zunächst für zwei Wochen den nationalen Notstand aus. Die bisher geltenden Einschränkungen und Maßnahmen wurden verschärft. Cafes, Bars und Diskotheken müssen zum Beispiel spätestens um 23.00 Uhr schließen. Im öffentlichen Raum darf kein Alkohol konsumiert werden. Einen Lockdown –  womit in der Regel Ausgangsbeschränkungen wie im Frühjahr gemeint sind – schloss der für Gesundheit zuständige Staatssekretär Antonio Lacerda Sales am Montag allerdings aus.

Deutschland: Masken-Pflicht für belebte Straßen in Berlin beschlossen

Zur Eindämmung der Corona-Pandemie sollen die Menschen in Berlin verstärkt eine Maske tragen. Der Senat der deutschen Hauptstadt beschloss am Dienstag eine Maskenpflicht für Bereiche, in denen ein Mindestabstand von 1,5 Meter nicht einzuhalten sei. Das betrifft Wochenmärkte, besonders belebte Einkaufsstraßen, Shoppingmalls und Warteschlangen.

Seit kurzem gilt bereits, dass sich zwischen 23.00 und 6.00 Uhr nur noch maximal fünf Menschen gemeinsam im öffentlichen Raum aufhalten dürfen – oder Angehörige zweier Haushalte. Eine Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes greift bisher schon in Geschäften, Bussen und Bahnen, in Büros, in Gaststätten abseits des Tisches oder in Schulen – hier allerdings nur außerhalb des Unterrichts und auch nicht auf dem Pausenhof.

In Berlin mit seinen rund 3,7 Millionen Einwohnern war das Corona-Infektionsgeschehen zuletzt kontinuierlich gewachsen. Die Zahl der Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen kletterte auf inzwischen 89,2 (Stand Montag). Damit liegt die deutsche Hauptstadt deutlich über dem kritischen Schwellenwert von 50.

Niederlande: Fast 8.200 Corona-Neuinfektionen 

In den Niederlanden sind bei den Gesundheitsbehörden 8.182 Corona-Neuinfektionen in 24 Stunden gemeldet worden. Das sind 170 mehr als am Vortag und ein neuer Höchstwert, wie das Institut für Gesundheit und Umwelt RIVM am Dienstag mitteilte. Die Niederlande gehören zu den Ländern in Europa, die von der zweiten Welle der Corona-Pandemie am stärksten betroffen sind.

Die Kurve der Neuinfektionen steige aber weniger schnell an, teilte das RIVM mit. In der vergangenen Woche waren insgesamt 55.587 neue Infektionen gemeldet worden, 27 Prozent mehr als in der Vorwoche. In den Wochen zuvor waren Anstiege von rund 60 Prozent pro Woche verzeichnet worden. 6.814 Menschen sind nachweislich an dem Virus gestorben. Am 13. Oktober war in den Niederlanden ein Teil-Lockdown verhängt worden und unter anderem alle Gaststätten geschlossen worden.

Auch die Zahl der Patienten in Krankenhäusern und auf Intensivstationen steigt schnell an. Fast jedes dritte Bett auf den Intensivstationen ist mit einem Covid-19-Patienten belegt. Inzwischen werden Patienten bereits auf andere Kliniken verteilt. Auch Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen hatten angeboten, Patienten aus den Niederlanden aufzunehmen.

Slowakei: Regierung will fast das ganze Volk testen

Wer sich nicht auf Corona testen lässt, muss in Quarantäne: Die slowakische Regierung hat am Dienstag ein drastisches Vorgehen bei ihren geplanten Massentests angekündigt. Der Regierungsplan sieht vor, dass an den kommenden drei Wochenenden jeweils von Freitag bis Sonntag alle über zehn Jahre alten Bewohner des Landes einem Antigen-Schnelltest unterzogen werden sollen.

Das Vorgehen sorgte für Irritation und Rätselraten in den Medien. Der populistisch-konservative Regierungschef Igor Matovic hatte das Vorhaben am Wochenende überraschend angekündigt, ohne vorher seine Koalitionspartner zu informieren.

Obwohl bereits am kommenden Freitag die erste Phase der Massentests beginnen soll, beantwortete Matovic erst am Dienstag die Frage, ob die Tests freiwillig oder verpflichtend sein sollten: „Die Tests werden mit sehr großer Wahrscheinlichkeit freiwillig sein – aber mit der Einschränkung, dass jeder, der keinen negativen Test vorweisen kann, für die nächsten zehn Tage in Quarantäne gehen muss.“

Abgesehen von rechtlichen Bedenken und Warnungen vor mangelnder Zuverlässigkeit der Schnelltests kritisierten Gesundheitsexperten, dass dafür das Personal fehle. Die Armee will zwar rund 8.000 Soldaten zur Unterstützung der Tests bereitstellen, aber Gesundheitsminister Marek Krajci musste einräumen, dass medizinisch geschultes Personal noch gesucht werde. Er hoffe auf Freiwillige und Medizinstudenten, sagte er am Dienstag.

Landkarte von Europa
Ausgangssperren, Maskenpflicht oder großangelegte Test - die europäischen Länder reagieren mit unterschiedlichen Maßnahmen auf die steigenden Corona-Zahlen.
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