Coronakrise

Forscher bei Öffnungen optimistisch, aber für Bremsautomatik

Der Virologe Andreas Bergthaler sieht Österreich nun „in eine neue Phase eintreten, in der es vermehrt um Öffnungen geht“. Genährt ist dies durch die Hoffnung auf den saisonalen Effekt und die breitere Durchimpfung, was den Forscher „grundsätzlich optimistisch“ stimmt. Gleichzeitig müssten neue „Fluchtmutationen“ schnell erkannt werden.

red/Agenturen

Weiters brauche es zeitnahe und adäquate Konsequenzen basierend auf wissenschaftlichen Beurteilungen, so der Molekularbiologe Ulrich Elling.

Bei all der Aufbruchstimmung im Land auch im Vorfeld der heutigen Beratungen der „Öffnungskommission“ dürfe man, „nicht übersehen, dass wir weiter achtsam sein müssen“. Klar sei, dass weitere Mutationen auftreten werden, die mitunter den Impfschutz oder eine durch Erkrankung aufgebaute Immunität unterlaufen können: „Je weniger wir jetzt aufpassen, umso größere Probleme haben wir potenziell im Herbst“, sagte der am Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) tätige Bergthaler. „Mit jeder Fluchtmutation setzt das Virus unserer Impfstrategie etwas entgegen.“

Tirol mit neuer Mutante

Letztlich werde bei der Varianten-Überwachung immer noch viel Zeit liegen gelassen. Vom Probenaustausch und der Datenübertragung angefangen bis zu den verwaltungstechnischen und politischen Abläufen. Das neueste Beispiel ist das Umsichgreifen der Variante „B1.1.7+E484K“ in Tirol.

Die beiden Wissenschafter und ihre Teams führen die Sequenzierungen zur Virenvariantenanalyse federführend durch. Um dies weiter zu verbessern, brauche man systematisch über das ganze Land verteilte Proben zur Analyse des Viren-Erbguts, aus denen sich ein wiederkehrendes Bild über die Situation in Österreich zeichnen lässt. Diese Ergebnisse bräuchten dann „eine sofortige wissenschaftliche Begutachtung der gefundenen Mutationen und dann automatisierte Konsequenzen und nicht politisches Hickhack über Wochen“, sagte Ulrich Elling vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der ÖAW. Idealerweise gäbe es ein wissenschaftliches Gremium, das die vorhandenen nationalen Mutationsanalysen von CeMM, IMBA, dem Forschungsinstituts für Molekulare Pathologie (IMP) und Universitäten sowie die internationalen Analysen und Publikationen regelmäßig zu einer systematischen Beurteilung der Risikolage für Österreich zusammenfasst und Empfehlungen ausgibt.

Öffnung nur mit niedrigen Zahlen

Wie jeder andere auch, wünsche er sich Öffnungen sehnlichst herbei, man müsse dafür aber zuerst seine „Hausaufgaben“ machen. Sprich, die Zahlen insgesamt reduzieren, um mit Massentestungen und effektivem Kontakttracing möglichst lange über die Sommermonate niedrige Zahlen zu verzeichnen. „Wenn die Ziele erreicht sind, kann man öffnen“, so Elling. In einigen Landesteilen sehe es aktuell auch gut aus, in anderen weniger. Nicht zuletzt sehe man in der Öffnungs-Modellregion Vorarlberg, dass die Zahlen wieder deutlich steigen. Die Spielregeln diktiere hier leider das Virus und nicht das individuelle oder politische Wollen.

Nimmt man weiter die Situation auf den Intensivstationen als Zielgröße zur Bewertung der Gesamtsituation, komme man zwangsläufig in eine Situation, in der am Ende nur noch der maximale Eingriff in die Freiheit mittels Lockdowns zur Verfügung steht. Dazu brauche es laut Elling „das kategorische Unterbinden jeder Mutation, die eventuell die Impfstrategie zum Rohrkrepierer macht.“