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Coronakrise

Gesundheitsministerium klar gegen Schulschließungen

Die Front gegen Schulschließungen wird breiter. Unter anderem der Sonderbeauftragte im Gesundheitsministerium und Co-Vorsitzende der Corona-Ampelkommission, Clemens Martin Auer, hat sich im Ö1-Morgenjournal am Mittwoch klar gegen Schließungen von Kindergärten und Schulen ausgesprochen. Das sei wirklich die Ultima Ratio, sagte er Mittwochfrüh. Die Zahl der Neuinfektionen sei nach wie vor sehr hoch, die Lage sehr, sehr ernst. Bildungsminister Faßmann will unterdessen keine Garantien für offene Schulen geben.

red/Agenturen

Die Front gegen mögliche Schulschließungen wächst weiter an. Am Mittwoch haben sich u.a. die Kinder- und Jugendanwaltschaften, die Caritas sowie die Wirtschaftskammer gegen eine Ausweitung von Distance Learning ausgesprochen. Stattdessen sollten gegebenenfalls flexiblere Lösungen wie Klassenteilungen, eine Mischform aus Präsenz- und Fernunterricht sowie zusätzliche Räume bzw. Lehrer angestrebt werden, so etwa die Kinder- und Jugendanwältinnen und -anwälte in einer Aussendung.

Die Wirtschaftskammer verwies auch auf die Folgewirkungen für zahlreiche Betriebe: „Schließungen von elementaren Bildungseinrichtungen sind sowohl aus wirtschaftlicher als auch aus gesellschaftspolitischer Sicht abzulehnen“, betonte Vizepräsidentin Martha Schultz in einer Aussendung. Sie brächten sowohl für die Kinder als auch Betriebe und Beschäftigte gravierende Nachteile. So wären etwa viele der rund 130.000 österreichischen Unternehmerinnen von einer derartigen Maßnahme, die wieder intensive Betreuungspflichten bzw. Distance Learning und Home Schooling mit sich bringen würden, massiv betroffen. „Rund zwei Drittel aller weiblichen Selbstständigen sind Ein-Personen-Unternehmen (EPU), also im Job auf sich alleine gestellt. Wir wissen zudem aus aktuellen Umfragen, dass es nach wie vor zumeist die Frauen sind, die die Doppelbelastung von Job und Familie bzw. betreuungspflichtigen Kindern stemmen müssen“, so Schultz.

Nur teilweise aufholbarer Bildungsrückstand

Auf die Erfahrungen des Frühjahrs verwies Caritas Generalsekretärin Anna Parr. „Viele Kinder und Jugendliche haben während des ersten Lockdowns Bildungsrückstände aufgebaut, das haben wir auch in unseren Lerncafés in ganz Österreich beobachtet. Die Kinder konnten das in den Sommerschulen nur teilweise aufholen“, so Parr in einer Aussendung. Sozial benachteiligte Kinder würden während Schulschließungen besonders auf der Strecke bleiben: In vielen Familien müssten sich mehrere Kinder einen Laptop oder ein Tablet teilen, oft gebe es auch keinen ruhigen Ort in der Wohnung, an den sich Kinder zum Lernen zurückziehen können. Statt Schließungen sollte an den Schulen selbst die Maßnahmen nachgeschärft werden - etwa durch Unterricht in Kleingruppen, Aufteilung auf Vormittags- und Nachmittagsgruppen oder auch die Ausweitung der Mund-Nasen-Schutz-Regelungen.

Ähnlich äußerten sich auch die Österreichische Gesellschaft für Kinderschutz Medizin (ÖGKiM) und das Institut für Ethik und Recht in der Medizin (IERM) der Universität Wien. Es brauche auch während der COVID-19-Pandemie keine Schulschließungen, wenn die Schutzmaßnahmen streng eingehalten werden, hieß es in einer Aussendung. „Dies betrifft konkret ein durchgehendes Tragen von MNS Masken, auch in der Klasse. Zudem gelingt es sicher in vielen Klassen auch, die Schultische möglichst weit auseinanderzustellen und bei Reihen darauf zu achten, dass zwischen den Schülerinnen und Schülern der Mindestabstand von einem Meter besteht.“ Klassenlehrer würden die Kinder kennen und auch entscheiden können, welche Kinder sowieso eng befreundet sind und darauf achten, dass diese zwei oder drei möglichst zusammensitzen und andere getrennt sind. „Selbstverständlich“ sei es aber auch, dass kranke Kinder und Jugendliche daheimbleiben müssen.

Auch die Ärztekammer plädierte am Mittwoch in einer Aussendung für ein Offenhalten der Schulen. Kinder würden sich seltener infizieren, weniger häufig symptomatisch erkranken und das Virus seltener weitergeben als Erwachsene, verwies man auf eine Stellungnahme der Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ). Statt weitere Schulen zu schließen, solle daher auf weitere Präventionsmaßnahmen gesetzt werden, etwa eine Maskenpflicht der Lehrer außerhalb der Klassen, höhere Mindestabstände, flexible Schulstart- und -endzeiten oder auch das Anbringen von Plexiglasscheiben.

Distance learning mit Vorsicht zu genießen

„Fernlehre hat nicht den gleichen Effekt und funktioniert nur in sehr kleinen Gruppen gut“, argumentiert der Erziehungswissenschafter Rudolf Egger, Dekan der Umwelt-, Regional- und Bildungswissenschaftlichen Fakultät an der Uni Graz, in einer Aussendung gegen eine Umstellung auf Distance Learning an weiteren Schulen. Gerade im Pflichtschulbereich müsse Präsenzunterricht aufrechterhalten werden, selbst wenn nur im Schichtbetrieb. Längere Schulpausen würden nicht nur Lernerfolge beeinflussen, sondern könnten auch soziale Ungleichheiten verstärken, warnte er. Außerdem wüssten Lehrer in der Regel kaum, ob Schüler etwa ein eigenes Zimmer, einen Schreibtisch, unterstützende Eltern oder eine stabile Infrastruktur hätten. Er wünscht sich eine umfassende Erhebung der Lernvoraussetzungen, um daraus Maßnahmen abzuleiten. Auch SPÖ und NEOS haben ihre Forderung nach offenen Schulen und Kindergärten am Mittwoch wiederholt.

Das Gesundheitsministerium teile die Position des Unterrichtsministeriums, wonach ein Ende des Präsenzunterrichts für die Primar- und Sekundarstufen solange verhindert werden soll, solange es irgendwie geht, sagte der Sonderbeauftragte im Gesundheitsministerium und Co-Vorsitzender der Corona-Ampelkommission, Clemens Martin Auer.

Die Entwicklung der Infektionszahlen und jene in den Krankenhäusern sieht Auer nach wie vor als sehr ernst an. Gefragt, ab welchen Zahlen an einem echten Lockdown kein Weg mehr vorbeiführen würde, sagte Auer, das könne er heute Mittwoch noch nicht beurteilen.

„Alles tun um echten Lockdown zu verhindern“

„Die Zahlen sind nach wie vor sehr hoch, sie stabilisieren sich vielleicht ein bisschen auf sehr, sehr hohem Niveau. Die Lage ist nach wie vor sehr, sehr ernst. Der starke Wachstum hat sich verlangsamt, aber ich beobachte weit und breit keinen Rückgang der Zahlen. Zwar hätten sich die Krankenanstalten mittlerweile gut eingestellt und alle Alarmpläne aktiviert. Aber auch dort - das wissen wir - geraten wir langsam an die Grenzen.“ so Auer weiter.

Die entscheidende Grenze sei, ob wir weiterhin rasant wachsen. „Wie weit es mit den Zahlen runtergeht, das können wir sicherlich am Freitag noch gar nicht sagen. Wir müssen alles tun, um genau das (einen echten Lockdown, Anm.) zu verhindern. Niemand will das, aber wenn sich die Zahlen anders entwickeln, dann ist es so wie es ist.“ erklärte er.

Zu einem möglichen Impfstoff äußerte sich Auer optimistisch: „Wir haben bereits viele Verträge mit Herstellern in der EU abgeschlossen. Sobald eine Zulassung vorliegt würden alle EU-Länder gleichzeitig und gleichmäßig beliefert werden. Im Idealfall könnten wir zu Jahresbeginn, Jänner, Februar, bereits 600.000 Menschen impfen.“

„Keine Garantien möglich“

Für Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) dürfen unterdessen Schulschließungen nur die „ultima ratio“ sein, betonte er auch am Mittwoch am Rande einer Pressekonferenz. Als einzelner Fachminister könne er aber keine Garantien abgeben, dass nach den Oberstufen nicht weitere Schulen zur Eindämmung des Coronavirus geschlossen werden. Dies sei „nicht eine Angelegenheit des Bildungsministers, sondern eine Sache des Gesundheitsministers in Zusammenarbeit mit der Regierungsspitze“, betonte er.

Die Entscheidung werde sich orientieren an den Neuinfektionen, den Kapazitätsgrenzen in den Krankenhäusern vor allem im intensivmedizinischen Bereich und daran, ob der seit einer Woche wirksame Lockdown schon eine Veränderung der Dynamik bei den Infektionszahlen bewirkt habe. Die aktuelle Entwicklung sei jedenfalls besorgniserregend und man sehe auch, dass manche Verhaltensmaßnahmen nicht so eingehalten werden wie im Frühjahr. Ende der Woche müsse man wissen, wie es weitergeht - auch um entsprechende Planungsschritte setzen zu können.

Faßmann schloss nicht aus, dass am Freitag die Schließung weiterer Schulen bereits ab Montag beschlossen werden könnte. „Das ist nicht meine Entscheidung alleine. Aber ich würde dafür plädieren, dass wir eine gewisse Vorbereitungszeit brauchen, sowohl im Sinne der Eltern als auch im Sinne des Bildungssystems.“ Sollte es zu weiteren Schulschließungen kommen, müssten diese jedenfalls eingebettet sein in weitere Maßnahmen. Es mache keinen Sinn, nur die Schulen zu schließen, „weil dann haben wir das Treffen irgendwann, irgendwo, ohne weitere Kontrolle“.

Aus Faßmanns Sicht müsse jedenfalls diskutiert werden, ob man die Schulen etwa nur für die Zehn- bis 14-Jährigen schließe und die Volksschulen offen lasse oder ob auch alle gelinderen Mittel wie ein Ausdünnen der Klassen, gestaffelter Schulbeginn oder verstärkter Mund-Nasen-Schutz als Maßnahme ausreichen könnten. „Das ist alles Teil eines derzeitigen Diskussionsprozesses.“

Ob eine mögliche Schließung eher zwei Wochen oder zwei Monate dauern würde, könne man im Voraus schwer beantworten, da die Wirksamkeit nur anhand von Indikatoren wie den Infektionszahlen beobachtet werden könne. Auch ob die Oberstufenschüler vor Weihnachten noch einmal in ihre Klassen zurückkehren, ist deshalb für Faßmann nur schwer abzuschätzen. Er selbst plädiert allerdings für die „Rückkehr zu einer gewissen Form der Präsenzlehre“, eventuell auch als Mischung aus Präsenzunterricht und Distance Learning. Wenn die Schüler zu lange weg seien, könne man auch schlechter Lernprozesse „kontrollierend begleiten“. Außerdem habe man im Sommersemester gesehen, dass vor allem Schüler aus bildungsfernen Familien eher verloren gingen. Man müsse darauf achten, dass die Bildungsschere nicht aufgehe.

 

 

Schule Schulklsase
Immer öfter wird aufgrund der steigenden Coronavirus-Zahlen über eine Schließung aller Schulen diskutiert. Auch die Experten sind sich nicht einig, ob der Bildungslockdown notwendig ist.
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