Deutschland

Jeder Zweite unzufrieden mit digitalem Fortschritt im Gesundheitswesen

Zu langsam geht es unseren Nachbarn zum Beispiel bei der Einführung einer elektronischen Gesundheitskarte. Mehr als jeder Dritte stuft die Digitalisierung in diesem Bereich gar als „rückständig" ein. Experten mahnten ein schnelleres Tempo an.

red/Agenturen

Das ist das Ergebnis einer Studie des deutschen Marktforschungsinstituts Ipsos im Auftrag der Unternehmensberatung Sopra Steria Consulting.

Die Studie nimmt neben Deutschland auch weitere europäische Länder in den Blick. In Frankreich und Spanien sind die Menschen ähnlich unzufrieden mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen wie in Deutschland. Es bestehen jedoch größere Unterschiede bei einzelnen Vorhaben. Während in Deutschland 27 Prozent der Befragten mit einer elektronischen Krankenakte zufrieden wären, sind es in Frankreich und Spanien etwa doppelt so viele.

In Großbritannien sehen demnach 57 Prozent der Befragten eine Verschlechterung der medizinischen Versorgung innerhalb der vergangenen zehn Jahre. Nur jeder Vierte bezeichnet allerdings das Angebot digitaler Gesundheitsstrategien als unterdurchschnittlich.

Norwegen gilt als „Musterschüler“ für systematische Digitalisierung

Für die länderübergreifende Studie wurden zwischen Juli 2018 und März 2019 insgesamt 1200 Menschen aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Norwegen und Spanien sowie 35 Gesundheitsexperten befragt. In Deutschland wurden 200 Menschen online und fünf Experten telefonisch interviewt.

In Norwegen und Belgien sind die Befragten im Schnitt zufriedener mit dem digitalen Ausbau ihres Gesundheitswesens. Laut befragten Experten leitete Belgien die digitale Transformation der Gesundheitsversorgung systematisch ein. Norwegen gelte als „Musterschüler“ für systematische Digitalisierung.

In Deutschland wird nach Ansicht der Experten hingegen häufiger bei Reformen gezögert. Als Digitalisierungsbremse nannten sie das föderale System. Insellösungen stünden einer flächendeckenden Einführung digitaler Anwendungen im Weg. Hinzu kämen Bedenken bei der Datensicherheit. Die Barrieren ließen sich durch Kontrollen der Anbieter überwinden.

Die Experten mahnten ein schnelleres Tempo an. Weiteres Zögern könne den Verlust der Souveränität über die Daten an Technologiekonzerne wie Google oder Apple zur Folge haben. Noch sei das Vertrauen der Bevölkerung in die Gesundheitsexpertise der Konzerne gering. Fünf Prozent der Bundesbürger schenkten Gesundheitshinweisen der Firmen Vertrauen. Hingegen vertrauten 68 Prozent den Ratschlägen von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen.

Der Druck der Bevölkerung auf die Akteure im Gesundheitswesen nimmt laut Studie zu. Drei von vier Befragten gehen davon aus, dass digitale Lösungen die Diagnose, Behandlung und Prävention von Krankheiten signifikant verbessern können. Mehrheitlich wurden in der Befragung Verbesserungen in der Digitalisierung gewünscht. Priorität haben soll der Austausch der Daten zwischen Kliniken, Hausärzten und Krankenkassen.

73 Prozent der Befragten würden deutlich mehr Daten ihrer digitalen Krankenakte zur Verfügung stellen, wenn es eine zufriedenstellende Lösung dafür gäbe. „Die Deutschen sind längst bereit für digitale Angebote in der Gesundheitsversorgung“, erklärte Tina Wulff von Sopra Steria Consulting. Die Technik sei vorhanden, nun müssten die Akteure nachziehen.