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Coronakrise

Bundesweiter Lockdown für Ungeimpfte steht vor der Tür

Für jene, die sich nicht gegen Corona impfen lassen, wird es noch ungemütlicher: Für Salzburg und Oberösterreich wurde am Freitag angesichts der dramatischen Situation ein Lockdown für Ungeimpfte ab Montag fixiert. Dabei dürfte es aber nicht bleiben, denn die Bundesregierung will dies auch für den Rest Österreichs verfügen. Am Sonntag gibt es noch ein Gespräch mit den Ländern, am Abend soll das Parlament grünes Licht geben. Zudem kommt eine Impfpflicht für Gesundheitsberufe.

red/Agenturen

Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) fixierte Freitagmittag bei einem Krisengipfel per Video mit den Landeshauptmännern von Oberösterreich, Thomas Stelzer, und Salzburg, Wilfried Haslauer (beide ÖVP) die Ausgangsbeschränkungen für jene, die weder geimpft noch genesen sind. Nach anfänglichem Zögern noch Mittwochabend hatte Stelzer am Donnerstag eingelenkt und sich für einen regionalen Lockdown ausgesprochen, Salzburg dagegen wollte es weiterhin bei gelinderen Maßnahmen belassen. Mückstein konnte dann in einer Pressekonferenz nach dem Gipfel am Freitag verkünden, dass der Lockdown für Ungeimpfte ab Montag doch in beiden Bundesländern umgesetzt wird.

Doch damit nicht genug: Auch in den anderen Bundesländern soll es diesen Lockdown für Ungeimpfte ab kommender Woche geben. Dies tat Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) ziemlich zeitgleich und offenbar ohne Absprache bei einem Pressetermin in Tirol kund und stiftete damit zwischenzeitlich Verwirrung. Der Grüne Gesundheitsminister Mückstein ist aber ebenfalls für einen bundesweiten Lockdown für Ungeimpfte, also geht es nur mehr ums Prozedere. Bei einer virtuellen Konferenz will man Sonntagmittag noch mit allen Landeshauptleuten reden, für Sonntagabend um 18 Uhr wurde bereits eine Sitzung des Hauptausschusses einberufen - die entsprechende Verordnung muss nämlich vom Parlament abgesegnet werden.

Klare Absage an generellen Lockdown - also auch für Geimpfte und Genesene

Dieser Lockdown für Ungeimpfte ist die höchste Eskalationsstufe im Stufenplan der Bundesregierung. Sie sah ursprünglich vor, dass bei einer Intensivstations-Auslastung von über 600 Betten (bzw. 30 Prozent), in der die als „kritisch“ geltende 33-prozentige Auslastung der Intensivkapazitäten mit Covid-Patienten nahezu erreicht wäre, „Ausgangsbeschränkungen“ für Ungeimpfte kommen. Damit soll für all jene, die weder eine Impfung noch einen aufrechten Genesungsstatus vorweisen können, das Verlassen des eigenen privaten Wohnbereichs nur noch in Ausnahmefällen gestattet sein. Erlaubt ist etwa noch die Grundversorgung (wie Einkäufe) oder der Weg zur Arbeit. Das Szenario wird nun vorgezogen. Am Freitag lagen 436 Corona-Patienten auf Intensivstationen.

Einem generellen Lockdown - also auch für Geimpfte und Genesene - erteilte Schallenberg einmal mehr eine klare Absage: Es müssten nämlich diejenigen geschützt werden, die sich auch selbst gegen das Virus durch eine Impfung geschützt hätten. Eine „Solidarität“ mit den Ungeimpften im Sinne eines Gangs in den Lockdown dürfe es nicht geben.

Wie genau der Lockdown für Ungeimpfte ausgestaltet sein wird und wie das kontrolliert werden soll, ist noch nicht bekannt. Die Kontrollen sollen „stichprobenartig“ vorgenommen werden, meinte Schallenberg. Die Wohnung verlassen könne man dann, wenn man der Arbeit nachgehen, notwendige Besorgungen machen müsse und sich „die Füße vertreten“ wolle. Engmaschigste Kontrollen könne es logischerweise nicht geben, erklärte der Bundeskanzler: „Wir leben ja nicht in einem Polizeistaat und können und wollen nicht an jeder Straßenecke kontrollieren“.

Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP), derzeit Vorsitzender der Landeshauptleutekonferenz, sagte, dass er bei den anderen Landeshauptleuten „Zustimmung“ für einen Lockdown für Ungeimpfte orte. „Ich kann diesem Vorschlag des Bundeskanzlers viel abgewinnen“, meinte er. Am Sonntag werden die Länder mit der Regierung eine „gemeinsame Linie„ finden.

Länder uneins

Man müsse aber „alles daran setzen, dass die Bevölkerung nicht noch mehr verunsichert ist“, sagte der Landeshauptmann. Er wiederholte, dass er für bundeseinheitliche Lösungen eintrete. „Wir haben alle dasselbe Problem“, hielt er fest. Immerhin habe man das bei Einführung der 2G-Regel ja auch geschafft.

Für Oberösterreich kündigte Landeshauptmann Stelzer neben dem Lockdown für Ungeimpfte an, dass in einer eigenen Landesverordnung bis 6. Dezember alle Veranstaltungen untersagt werden - mit Ausnahme der Veranstaltungen im „professionellen Kultur- und Sportbereich“. Adventmärkte können stattfinden, es gelte aber Maskenpflicht und ein Konsumationsverbot. Takeaway ist möglich. Außerdem kommt ab Montag eine generelle Maskenpflicht indoor, in der Gastronomie gilt diese bis zum Sitzplatz. Discos und Nachtlokale müssen jedoch bis 6. Dezember schließen.

Haslauer „akzeptiert“ Lockdown für Ungeimpfte in Salzburg

Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) hat am Freitag mit dem auch für sein Bundesland angekündigten Lockdown für Ungeimpfte augenscheinlich wenig Freude gehabt. In einer Pressekonferenz nach dem Gespräch mit Mückstein und Stelzer kündigte er jedoch an, die Verordnung mittragen zu wollen. Entscheiden müsse dies aber zuvor der Hauptausschuss des Nationalrats am Sonntag.

„Man kann nicht von einem Landeshauptmann verlangen, dass er mit einem Federstrich einzelnen Leuten ihre Grund- und Freiheitsrechte entzieht“, sagte Haslauer. Es gebe beim Lockdown für Ungeimpfte eine bestehende Bundesregel. Voraussetzung für Stufe fünf im Stufenplan erfordere eine Belegung der Intensivbetten von 30 Prozent - und diese sei in Salzburg mit derzeit 18 Prozent noch nicht erreicht. „Wenn der Bund die Regeln ändert, dann muss er das in einem demokratisch legitimierten Weg machen. Das muss ich dann akzeptieren - und das wird dann entsprechend umgesetzt."

Haslauer ging heute davon aus, dass die Verordnung am Sonntag wohl für ganz Österreich entsprechend geregelt werde, nicht nur für Salzburg und Oberösterreich. Darüber hinaus ging er detailliert auf die Maßnahmen ein, die Salzburg unabhängig von der Verordnung des Bundes bereits gestern ab 15. November angekündigt hat. Herzstück sind dabei intensive Bemühungen um Erst- und Auffrischungsimpfungen und eine FFP2-Maskenpflicht für zahlreiche Bereiche des Lebens.

Dazu kommt ein Ausschankverbot von Alkohol auf Märkten und Christkindlmärkten. In der Gastronomie dürfen Speisen und Getränke nur mehr im Sitzen konsumiert werden, was vor allem Stehbars und Nachtlokale treffen wird. Die Salzburg-Maßnahmen sind dabei bis Ende des Monats vorgesehen. „Mit einer Option auf Verlängerung, je nach Entwicklung. Die nächsten 14 Tage werden die kritischen Tage werden. Es braucht eine gewisse Zeit, bis die Maßnahmen auch greifen."

Parallel kündigte Haslauer verstärkte Kontrollen der Polizei an, er machte aber auch keinen Hehl daraus, dass er einen Lockdown für Ungeimpfte für unkontrollierbar hält. „Man kann die Polizei nicht überfordern. Der wesentlich effizientere Teil ist die Maskenpflicht."

Die Lage in Salzburg sei besorgniserregend. Es gelte darum die Aufnahmebereitschaft der Krankenanstalten aufrecht zu halten und einen kompletten Lockdown zu verhindern. Dieser sei zwar virologisch die effizienteste Maßnahme. „Aber die Epidemiologen und Soziologen sagen uns, dass damit eine Konterkarierung der Impfbemühungen verbunden wäre - eine Abnahme der steigenden Impfbereitschaft.“ Viele, die sich bereits impfen haben lassen, würden dann sagen: „Wenn eh alles nichts nützt, brauchen wir uns nicht impfen lassen."

In dem Zusammenhang wollte Haslauer heute auch seine Äußerung von Mittwoch noch einmal klarstellen, dass Virologen Menschen aus Schutz vor einer Infektion am liebsten einsperren würden. Es sei gar keine Frage, dass es Aufgabe der Virologen sei, auf ihre Sicht der Dinge hinzuweisen. „Aber wir haben auch die langfristigen Auswirkungen miteinzubeziehen. Ich habe das pointiert zum Ausdruck gebracht, die Reaktion darauf war genauso pointiert, indem man mir Wissenschaftsfeindlichkeit vorgeworfen hat.“ Dies sei keineswegs der Fall. „In der Empörungskultur, die in Österreich zurzeit herrscht, kann man keine pointiert formulierte Aussage treffen“, so der Landeshauptmann.

Steiermark trägt bundesweiten „Lockdown für Ungeimpfte“ mit

Der steirische Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer (ÖVP) trägt den angekündigten bundesweiten Lockdown für Ungeimpfte mit: „Ich habe mich immer für bundeseinheitliche Maßnahmen ausgesprochen. Wir müssen an einem Strang ziehen, um die Corona-Pandemie zu bekämpfen“, hielt er am Freitagnachmittag gegenüber der APA fest. Niederösterreich befürwortet generell eine bundesweite Regelung. In Kärnten will man hingegen noch die Gespräche mit der Bundesregierung abwarten.

Der Rektor der Medizinischen Universität Graz, Hellmut Samonigg, hatte in einem „Standard„-Interview (Freitag-Ausgabe) angeregt, „das Volk über die Frage einer Impfpflicht abstimmen zu lassen“. „Eine Volksabstimmung zur Impfpflicht würde zu lange dauern - da ist die Pandemie schon wieder vorbei. Vielmehr sollten wir uns mit der Frage auseinandersetzen, ob eine sektorale Impfvoraussetzung für Berufsgruppen, die direkt am Menschen arbeiten, wie etwa in der Pflege, im Krankenhaus, in Ordinationen, im Kindergarten oder in der Schule sinnvoll ist“, hielt Schützenhöfer dazu fest und blies damit ins selbe Horn wie Mückstein, der eine Impfpflicht für Gesundheitsberufe ankündigte.

Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) sprach sich ganz allgemein für eine österreichweite Regelung aus: „Die noch zu geringe Impfquote führt zu Überlastungen in den Spitälern. Daher ist es vernünftig, bundeseinheitlich diesen Schritt zu setzen - und nicht über einen Lockdown für alle zu spekulieren. Denn die mangelnde Impfbereitschaft einiger darf nicht zu Einschränkungen aller führen.“

In Kärnten will man in der Diskussion um einen möglichen Lockdown für Ungeimpfte die Sitzung am Sonntag abwarten. Aktuelle Bestrebungen, zuvor selbst über einen Lockdown zu entscheiden, gebe es bis dahin nicht, hieß es aus dem Büro von Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ): „Es braucht aber ganz klar noch einmal eine Diskussion, wie man der steigenden Zahlen der Neuinfektionen und der Intensivpatienten Herr werden kann.“

Rendi-Wagner fordert offensivere Strategie

Angesichts der jüngsten Corona-Höchstwerte sieht SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner indessen eine „Bankrotterklärung“ der Bundesregierung. „Was hat die Regierung im Sommer gemacht?“, fragte sie bei einer Pressekonferenz und ortet schwere Versäumnisse. „Ich wünschte, man hätte die Vorschläge, die ich und viele Expertinnen und Experten seit 20 Monaten gemacht haben, aufgegriffen, dann wären wir heute nicht in dieser Situation, dann müssten wir die Lockdown-Frage nicht mehr stellen.“

„Warum gab es im Sommer keine Impfkampagne? Warum hat man die Impfungen für das Gesundheits- und Pflegepersonal nicht beworben? Warum hat man sich nicht um die Schaffung von Teststrukturen an Schulen gekümmert? Warum nicht die Teststraßen eingerichtet, die jetzt fehlen?“ fragte die Oppositionspolitikerin. Die Bundesregierung sei im Corona-Management gescheitert, das spüre nun die Bevölkerung: Armutsgefährdete Menschen seien stärker betroffen, aber auch Unternehmer - und besonders werde es die Zukunft der Kinder betreffen.

Rendi-Wagner verwies auf ihren gestern eingebrachten Vorschlag, die Auffrischungsimpfungen („Booster“) für alle Geimpften ab vier Monate nach der zweiten Impfung anzugehen. Das wäre eine „offensive Strategie“, die innerhalb weniger Tage die Impfdurchbrüche reduzieren könnte und eine „Bremse“ für die vierte Welle darstellen würde. Auch die Erstimpfungen sollte man forcieren, die Wirkung würde aber erst später eintreten, so die SPÖ-Chefin und Ärztin Rendi-Wagner.

Regierung für Kickl „von allen guten Geistern verlassen“

Erwartungsgemäß völliges Unverständnis herrscht bei den Freiheitlichen angesichts der am Freitag angekündigten Corona-Maßnahmen. „Diese Bundesregierung ist von allen guten Geistern verlassen“, kommentierte FPÖ-Chef Herbert Kickl die Pläne für einen möglicherweise österreichweiten Lockdown für Ungeimpfte sowie die Impfpflicht für Gesundheitsberufe. SPÖ und NEOS orteten wiederum Chaos der Regierung, nicht zuletzt in der Kommunikation der Maßnahmen.

Mit der Corona-Impfpflicht für Mitarbeiter im Gesundheitsbereich breche die Regierung das oftmals abgegebene Versprechen, wonach es zu keiner Impfpflicht in Österreich kommen werde, meint Kickl, für den die Maßnahme „an Absurdität nicht zu überbieten“ ist. Im Gesundheitsbereich fehlten Hunderte Mitarbeiter, mit der Impfpflicht würden weitere das Handtuch werfen, „weil sie sich nicht in eine Impfung treiben lassen wollen“, befürchtet der FPÖ-Obmann.

SPÖ-Bundesgeschäftsführer Christian Deutsch kritisierte abermals das seiner Meinung nach katastrophale Corona-Management der Regierung. Dass Schallenberg und Mückstein sich bei einem so wichtigen Thema wie beim Lockdown offen widersprechen, zeige, dass die Regierung auch nach 20 Monaten Pandemie-Erfahrung nicht gescheiter geworden und heillos überfordert sei.“

NEOS orten „Lockdown-Chaos“

Schallenberg setzt mit seinen Lockdown-Plänen die Sündenbock-Politik von Sebastian Kurz fort“, meinte Deutsch zudem und weiter: „Statt Verantwortung für das eigene Versagen, für den verschlafenen Sommer, die abgedrehte Impfkampagne und die Fake-News von der gemeisterten Pandemie zu übernehmen, gibt die ÖVP wahlweise der Bevölkerung, den Ländern oder den Expert*innen die Schuld. Das ist einfach nur letztklassig.“

Ein „Lockdown-Chaos“ der Regierung orten auch die NEOS. Schallenberg und Mückstein stünden nun „vor dem Scherbenhaufen, den sie gemeinsam mit ihren Vorgängern zu verantworten haben“, meinte deren stellvertretende Klubchef Gerald Loacker in einer Aussendung und: „Alleine, dass sich heute Kanzler und Gesundheitsminister widersprechen, zeigt das türkis-grüne Chaos deutlich.“

Zum Lockdown für Ungeimpfte meinte Loacker, dass die bereits jetzt geltende 2G-Regelung einem Freizeit-Lockdown für Ungeimpfte gleich komme. „Ausgangssperren sehen wir aber auch für Ungeimpfte weiterhin sehr kritisch, auch weil sich die Frage stellt, wie die Behörden diesen kontrollieren sollen.“

Lockdown für Geimpfte für ÖGK-Chef wohl notwendig

Der Generaldirektor der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK), Bernhard Wurzer, befürchtet, dass ein Lockdown für alle, also auch für die Geimpften notwendig sein wird. Im Gespräch mit der APA meinte Wurzer, dass ein Lockdown nur für die Ungeimpften sehr schwierig zu administrieren sein werde. Wenn das nicht gelinge, „wird man auch von den Geimpften einen weiteren Beitrag einfordern müssen“, sagte der ÖGK-Generaldirektor.

Auch die noch immer relativ niedrige Impfquote führte Wurzer als Argument an. „Wenn man die Ungeimpften nicht zur Impfung bewegen könne, „dann wird nichts anderes übrig bleiben“ als ein genereller Lockdown. Deshalb richtete er neuerlich einen dringenden Appell, sich impfen zu lassen. „Es ist fünf vor 12.“ Angesichts der hohen Infektionszahlen und der steigenden Auslastung der Intensivstationen sei Österreich „in einer sehr heiklen Situation“ und da seien „manchmal unangenehme Maßnahmen nötig“.

Gartlehner: Auch Ungeimpften-Lockdown kann zu wenig sein

Welche Wirkung ein Lockdown für Ungeimpfte, wie er in Oberösterreich und Salzburg vor der Tür steht, tatsächlich entfalten kann, ist für den Epidemiologen Gerald Gartlehner schwer abschätzbar. Es gebe für eine solche Maßnahme kein Beispiel und keine Evidenz. In den beiden genannten Ländern mit ihren "sehr hohen Zahlen" glaubt der Experte im Gespräch mit der APA aber, "dass es zu wenig ist". Gartlehner würde hier für ein Aussetzen von Veranstaltungen für vier Wochen plädieren.

Käme der Ungeimpften-Lockdown österreichweit, glaubt der Experte für Evidenzbasierte Medizin von der Donau-Universität Krems, dass sich in Bundesländern wie dem Burgenland, der Steiermark oder Wien dadurch die Covid-19-Infektionslage stabilisieren kann. Eine Stabilisierung bringe aber Oberösterreich und Salzburg wenig, "weil das Gesundheitssystem das auf die Dauer nicht aushalten würde. Die müssen schauen, dass die Zahlen rasch und drastisch nach unten gehen".

Gegenüber den erst kürzlich gesetzten 2G-Regelungen käme durch den Lockdown für Ungeimpfte nicht sehr viel mehr an Einschränkung dazu. "Abgesehen davon ist mir schleierhaft, wie das Ganze kontrolliert wird", so Gartlehner: "Der Zusatznutzen ist zu klein, dass Oberösterreich und Salzburg aus diesem Schlamassel herauskommen." Für die beiden Länder werde es nun "richtig schwer".

Vorziehen von Drittimpfungen wichtig

Wenn in Oberösterreich und Salzburg ein Lockdown auch für Geimpfte und Genesene mit seinem bekannten Effekt auf die Kontaktreduktion aus nachvollziehbaren politischen Gründen nicht möglich sei, "sollte man Veranstaltungen für Geimpfte und Ungeimpfte zumindest für die nächsten vier Wochen einmal absagen", so Gartlehner. So könnten sich Kontakte merklich reduzieren, so die Einschätzung des Experten, für die es aufgrund der neuartigen Situation aber keine hinreichenden Belege gebe. Oberösterreich setzt etwas in der Art auch tatsächlich ab Montag bis 6. Dezember um, in dem Veranstaltungen mit Ausnahme von Events im "professionellen Kultur- und Sportbereich" untersagt werden.

Für den Rest Österreichs stellt sich die Frage, ob die Zahlen tatsächlich stabilisiert werden können, oder ob auch andere Bundesländer vielleicht nur zwei oder drei Wochen hinter der dramatischen Entwicklung zurückliegen und die gleichen Probleme auftauchen. Sehr positiv beurteilt Gartlehner, dass es nun endlich eine Impfpflicht im Gesundheits- und Pflegesektor geben soll. Diese war "überfällig" und sollte auf jeden Fall bundesweit umgesetzt werden, um Abwandern von Impfunwilligen Gesundheitsbediensteten zu vermeiden.

Relativ kurzfristig etwas an der sich zuspitzenden Situation ändern könne jedenfalls ein Vorziehen von Drittimpfungen. "Ich würde das für sehr sinnvoll halten, weil man doch innerhalb einer Woche bzw. zehn Tagen die Leute wieder auf eine hohe Immunität bringen kann. Israel hat uns ja vorgemacht, wie man sich aus der Welle herausimpfen kann", sagte Gartlehner: "Das sollte man hierzulande in dieser Welle forcieren." Verbunden war das im Fall von Israel mit dem Verlust des Grünen Passes nach sechs Monaten.

Das Bild der "Pandemie der Ungeimpften", das auch der Experte verwendet hat, lasse sich in der aktuellen, speziellen Situation nicht mehr ganz aufrecht halten. Die Pandemie betreffe natürlich auch die Geimpften wieder "genauso - und wenn es nur indirekt ist, wenn Operationen verschoben werden". Mit der bei vielen Menschen rund ein halbes Jahr nach der Impfung nun zunehmenden schwinden Impfeffektivität kämen aber auch tendenziell mehr Geimpfte ins Krankenhaus. "Es ist nicht vorbei - und das mussten wir schmerzhaft lernen in den letzten Wochen", so Gartlehner.

Aktuelle Zahlen

Mit 40 Toten in den vergangenen 24 Stunden wurden am Freitag nunmehr die meisten Corona-Opfer dieses Herbstes gemeldet. Zudem berichteten Gesundheits- und Innenministerium von 11.798 Neu-Infektionen. Das liegt über dem Schnitt der vergangenen sieben Tage (9.937), aber ein wenig unter dem Wert des Vortages (11.975). Im Krankenhaus liegen 2.294 Personen (plus elf), davon 436 auf Intensivstationen (plus vier gegenüber dem Vortag und plus 80 innerhalb einer Woche).

Die Sieben-Tages-Inzidenz beträgt mittlerweile 778,7 Fälle je 100.000 Einwohner. Mit Freitag gab es in Österreich 98.717 aktive Fälle, um 6.033 mehr als am Donnerstag. Seit Pandemiebeginn gab es 934.948 bestätigte Fälle. Genesen sind seither 824.590 Personen, innerhalb der vergangenen 24 Stunden gelten 5.725 als wieder gesund.

40 Todesfälle in den vergangenen 24 Stunden sind der höchste Wert seit 20. April (42). Im Sieben-Tages-Schnitt waren es täglich 27,1. In den vergangenen sieben Tagen wurden 190 Todesfälle registriert. 11.641 Menschen in Österreich sind seit Beginn der Pandemie an oder mit Covid-19 gestorben.

Insgesamt wurden in den vergangenen 24 Stunden 654.663 Tests eingemeldet, davon waren 374.285 aussagekräftige PCR-Tests. Deren Positiv-Rate betrug 3,2 Prozent. Dieser 24-Stunden-Wert liegt unter dem Schnitt der vergangenen Woche (3,7 Prozent der PCR-Tests positiv).

Bei den Neuinfektionen lag Oberösterreich mit 2.945 an der Spitze, gefolgt von Niederösterreich (2.394), Salzburg (1.500), Wien (1.441) und Tirol (1.054). Unter der Tausendermarke blieben nur vier Bundesländer: Kärnten (945), das Burgenland (346), die Steiermark (595) und Vorarlberg (578).

Das Bundesland mit der höchsten Sieben-Tages-Inzidenz ist derzeit Oberösterreich mit 1.236,7, gefolgt von Salzburg, Niederösterreich und Kärnten (1.171,6, 830,9 bzw. 792,6). Weiters folgen Tirol (750,6), Vorarlberg (746,4), die Steiermark (571,7), das Burgenland (562,5) und Wien (443).

Oberösterreich holt bei Erststichen auf

Am Donnerstag wurden in Österreich insgesamt 78.267 Impfungen verabreicht, davon 19.595 Erststiche. Am meisten Erstimpfungen gab es in Oberösterreich (5.893), der Steiermark (3.097) und Wien (3.097). In Niederösterreich haben sich 2.583 den ersten Stich geholt, in Salzburg 1.612, in Kärnten 1.192 und in Tirol 1.020. Im Burgenland waren es - trotz bereits sehr hoher Durchimpfung - 322 Erststiche, in Vorarlberg 303 Erststiche.

Seit Anfang November haben viele Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher damit begonnen, ihre bisher aufgeschobene Corona-Schutzimpfung nachzuholen. Mit 32.469 Erststichen liegt Oberösterreich im November an erster Stelle vor Wien (25.413) und der Steiermark (21.502).

Allerdings wird es noch einige Wochen dauern, bis die neu Geimpften mit der zweiten Dosis ihren vollen Impfschutz erreichen. Derzeit ist Oberösterreich jedenfalls nach wie vor Schlusslicht bei der Durchimpfung in Österreich. Immerhin haben nun aber sechs von zehn Einwohnern ein gültiges Impfzertifikat (60,2 Prozent). Österreichweit sind es 65 Prozent. Spitzenreiter bei der Durchimpfung ist das Burgenland (72), vor Niederösterreich (68), der Steiermark (65) sowie Wien und Tirol (je 64). Dahinter folgen Vorarlberg (63), Kärnten (62), Salzburg (61) und Oberösterreich.