Public Health

Öffentliche Gesundheit „darf kein Politikanhängsel sein"

Vor kurzem hat die OECD gewarnt, dass Österreich allein durch Übergewicht ein um 2,5 Prozent geringeres BIP-Wachstum droht. Rund um die anstehenden Koalitionsverhandlungen richten sich jetzt Vertreter der Österreichischen Gesellschaft für Public Health (ÖGPH) an die Öffentlichkeit. „Gesundheit darf kein Anhängsel mehr sein. Sie gehört in jedes Politikfeld“, erklärten Experten.

red/Agenturen

Die ÖGPH hat ein umfassendes Papier erstellt, wie in Österreich die Öffentliche Gesundheit - die Gesundheit eines möglichst großen Bevölkerungkreises - am besten gefördert werden könnte. Versehen sind die elf Kapitel mit aktuellen wissenschaftlichen Literaturangaben als Belege.

„Wir wollen mit der Darstellung die wichtigsten Handlungsfelder und Daten für faktenbasierte Entscheidungen für Gesundheit in allen politischen Bereichen anführen. Das sind viele Themen. Unter anderem Klimaschutz, körperliche Aktivitäten, Ernährung, Rauchen, Kinder- und Jugendgesundheit, Gesundheit älterer Menschen, Gesundheitskompetenz der Bevölkerung insgesamt, Arbeit und Gesundheit, Impfungen und die medizinische Primärversorgung spielen zusammen“, sagte der Präsident der ÖGPH, Thomas Dorner (MedUni Wien).

Dorner nannte die Ernährung als Beispiel für komplexe Zusammenhänge: „Nachhaltige Produktion, Vermeidung von Umweltbelastungen inklusive CO2-Ausstoß, weniger Fleischkonsum – all das hat auch mit Gesundheit zu tun.“ Österreich weise jedenfalls, gerade was die Öffentliche Gesundheit angehe, im internationalen deutliche Defizite auf: „Beim Rauchen stehen wir im internationalen Vergleich blamabel da. Bei den Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat sich die Situation in Österreich nicht so gut wie in anderen Ländern entwickelt. Defizite haben wir auch in der Primärversorgung und in der Gesundheitsförderung insgesamt.“

Österreich hinkt beim Rauchen noch immer nach

Der Grazer Experte Florian Stigler von der London School of Hygiene & Tropical Medicine nannte die Situation beim Tabakkonsum, den immer krasser werdenden Mangel an Hausärzten bzw. Kapazitäten in der Primärversorgung sowie die mangelnde Transparenz im österreichischen Gesundheitswesen, was auch die Qualitätsparameter betrifft, als Bereiche mit dringendem Handlungsbedarf der künftigen Regierung in Österreich. Der Experte: „Wir sind noch immer das einzige Land – im Vergleich zu den Niederlanden, Dänemark, Großbritannien, Norwegen, Australien und den USA -, in dem zwischen 1975 und 2015 der Anteil der Raucher an der Bevölkerung gestiegen und nicht gesunken ist. Und zwar von 22,9 auf 24,3 Prozent.“ In den Niederlanden ging der Raucheranteil in dieser Periode beispielsweise von um die 55 auf unter 20 Prozent zurück.

Fazit: Neben dem Gastro-Rauchverbot sollte beispielsweise die Tabaksteuer in Österreich deutlich angehoben werden. Stigler: „Die Zigaretten sind in Österreich noch immer um 14 Prozent billiger als im EU-Durchschnitt. Ein Preisanstieg von zehn Prozent für Zigaretten bringt laut WHO vier Prozent weniger Zigarettenkonsum. Eine Packung Zigaretten müsste acht Euro kosten, damit die medizinischen Kosten durch das Rauchen egalisiert werden.“ Schon der Begründer der liberalen Nationalökonomie, Adam Smith, habe 1776 festgestellt, dass Tabak, Zucker und Alkohol äußerst gut geeignet für gesundheitsfördernde Steuern wären.

Während sich die Zahl der Ärzte insgesamt in Österreich zwischen 1960 und 2015 von 11.200 auf 44.000 erhöht hat, ist laut Stigler die Zahl der Hausärzte von 3.866 auf 3.728 gefallen: „Wir brauchen deutlich mehr Allgemeinmedizin im Medizinstudium. Wir brauchen den Facharzt für Allgemeinmedizin.“ Ein großes Manko sei auch das Akkord-Durchschleusen von Patienten in der Primärversorgung in Österreich. Stigler: „Die Hausärzte müssten mehr Zeit für die Patienten aufwenden können. In Schweden sind es pro Patient bei einem Hausarztbesuch beispielsweise 20 Minuten, in Österreich nur acht Minuten.“

Kritik an intransparentem System

Schließlich sei das österreichische Gesundheitswesen völlig intransparent, was die Qualität der Versorgung angehe, meinte der Experte: „Das Beratungsunternehmen KPMG hat 2017 dargestellt, dass man in keinem anderen Land von 32 Staaten als Österreich so wenig über die Qualität der Patientenversorgung weiß.“ OECD-Daten würden auf bedrückende Fakten hindeuten. „In Österreich kommt es jährlich zu 14 großen Amputationen wegen diabetischer Gefäßschäden pro 100.000 Einwohner, in Großbritannien sind es beispielsweise nur 2,9.“

Um im Bereich der Öffentlichen Gesundheit voranzukommen, sollte es für Pilotprojekte einerseits genügend Geld geben, andererseits auch die Verpflichtung, diese bei positiven Ergebnissen auch zwingend österreichweit umzusetzen, sagte Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH. (GÖG). „In Deutschland gibt es für solche Pilotprojekte einen Topf von 75 Millionen Euro. Institutionen können sich mit Projekten um Geld aus diesem Innovationsfonds bewerben. Erbringt die Evaluierung einen kosteneffizienten positiven Effekt, sind beispielsweise alle vergleichbaren Institutionen gezwungen, das Projekt zu übernehmen. In Österreich blieben Pilotprojekte bisher immer im Projektstadium stecken.“ Im Rahmen der nächsten Finanzausgleichsverhandlungen könnten solche Vorkehrungen auch für Österreich verankert werden.

Schließlich sollte laut Ostermann im österreichischen Gesundheitswesen in Zukunft auch mehr auf rational begründbare Leistungserbringung geachtet werden. „Wir haben noch immer das Paradigma, dass ein Mehr einfach besser ist. Es gibt aber auch Überversorgung, die für den einzelnen Patienten schädliche Nebenwirkungen haben kann.“

Impfen
Public Health ist, kurz gesagt, die Gesundheit eines möglichst großen Bevölkerungskreises. Impfen zählt unter anderem zu den hier wichtigsten Gesundheitsstrategien.
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