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Coronavirus

Personalnöte in Spitälern und dringende Appelle

Mit einem Appell richteten sich Mediziner und das Pflegepersonal der tirol kliniken am Donnerstag via YouTube  an die Tiroler Bevölkerung, die geltenden Hygiene- und Schutzmaßnahmen zur Verhinderung der Verbreitung des Coronavirus einzuhalten. Personalmangel vermelden unterdessen steirische Spitäler, in Oberösterreich nähert man sich im Kranken- und Pflegebereich der Belastungsgrenze. 

red/Agenturen

„Was viele Jahre lang verschleppt wurde, fällt uns jetzt auf den Kopf“, sagt der Vorsitzende des Angestelltenbetriebsrats am Universitätsklinikum LKH Graz, Michael Tripolt, im APA-Gespräch. Er meint damit vor allem Versäumnisse im Bereich der Pflege, wo das Personal gerade während der sich zuspitzenden Corona-Pandemie knapp sei. Die Belastung für die Mitarbeiter, nicht nur der Pflege, auch bei den Ärzten und medizinisch-technischen Diensten wie Radiologietechnologen ist hoch.

Tripolt erläuterte am Donnerstag, dass die Kapazitäten am Klinikum in Graz und insgesamt in der KAGes, der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft, noch nicht erschöpft seien, aber das Personal sei schon „sehr gefordert“. Die Auslastung der Spitäler mit Infektionspatienten sei deutlich höher als noch bei der ersten Welle im Frühjahr und hinzu komme, dass der Normalbetrieb im Gegensatz zum Frühjahr weiterlaufe. Allerdings werden bereits Operationen, wenn möglich, verschoben.

Mit Donnerstag wurde auch das 2019 geschlossene LKH Hörgas nahe Graz wieder eröffnet und zwar als Covid-Station. Dort sollen sich jene Coronavirus-Patienten erholen, die nicht mehr auf intensivmedizinische Betreuung angewiesen sind. Als Leiter des Spitals wurde sogar ein bereits pensionierter Arzt, Florian Iberer, bestellt. Laut Tripolt könnten auch die Krankenhäuser in Bad Radkersburg und auf der Stolzalpe noch Covid-Betten frei machen, wenn sie ihre eigenen Programme herunterfahren. Insgesamt könnten laut KAGes in der Steiermark knapp 1.000 Betten für Infektionspatienten bereit gemacht werden, etwa 150 davon mit intensivmedizinischer Betreuung.

Das Problem dürften aber nicht zu wenige Betten werden, sondern zu wenig Personal. Laut Tripolt komme jetzt viel hoch, „wo man seit Jahren säumig war“. Er fordert vom Bund eine Perspektive für die Kolleginnen und Kollegen der unterschiedlichen Berufsgruppen und verweist auf die „Roadmap Gesundheit 2020“. Darin werden neben Sofortmaßnahmen auch die Ärzteausbildung oder auch eine „ehrliche Personalberechnung, die in allen Bundesländern gleich sein sollte“, angesprochen, so der Betriebsrat.

Personalsuche

Die „Roadmap“ löse freilich nicht das akute Problem des Personalmangels. Besondere Herausforderung sei derzeit auch der Umstand, dass die Fachgrenzen seit dem Frühjahr aufgehoben sind. Das heißt, dass etwa ein Dermatologe nun auch auf der Pulmologie arbeiten soll, obwohl er nicht darauf spezialisiert ist. Das werde etwa am LKH Graz mittlerweile auch praktiziert, denn um Kapazitäten für Covid-Patienten zu schaffen, wurde beispielsweise eine Station auf der Dermatologie geschlossen, um die Mitarbeiter auf Covid-Stationen einsetzen zu können.

Auch für das reaktivierte LKH Hörgas musste Personal gesucht werden. Die gesetzlichen Grundlagen würden es laut Tripolt erlauben, dass Mitarbeiter für bis zu drei Monate an einem anderen Dienstort zugeteilt werden können. Der Betriebsrat habe in diesem Zusammenhang zumindest kleine Erfolge erzielt: So sei etwa für die Mitarbeiter, die auf Covid-Stationen arbeiten müssen, die Pausenzeit verlängert worden. Dennoch sei die Situation für Personal in „fremden“ Bereichen natürlich „nicht perfekt“. Die Arbeit mit Infektionspatienten sei neben der Schutzausrüstung nicht nur körperlich, sondern auch psychisch belastend und oft auch überfordernd.

Mit Prämien, über die bei der KAGes in den vergangenen Monaten schon viel diskutiert wurde, sei das nicht zu kompensieren. Wichtig sei laut Tripolt, dass das Arbeitsumfeld als Ganzes verbessert werde. Es müsse Signale geben, wohin es geht, um die Mitarbeiter zu motivieren. Er sieht da das Management in der Pflicht. Das könnte viel „Unmut nehmen“.

Seitens der KAGes wurde am Donnerstag betont, dass „die wichtigste Ressource eines Krankenhauses“ die Mitarbeiter seien. Für die KAGes-Vorstände Karlheinz Tscheliessnigg und Ernst Fartek sei das besonders seit 2015 mit der Einführung des neuen Ärztearbeitszeitgesetzes und dem Personalmangel im Pflegebereich zentrales Thema. Klar sei aber auch, dass jede Krise Mangelsituationen verschärfe: „Wenn wir im patientennahen Bereich knapp an Personal sind, ist klar, dass sich das zuspitzt, wenn aktuell rund 1.200 Mitarbeiter im 'normalen' Krankenstand sind und rund 400 Corona-bedingt fehlen, also an Covid erkrankt oder als Verdachtspersonen in Quarantäne sind.“

Die KAGes versuche daher „Manpower“ zu lukrieren: „So tritt man aktuell an die mehr als 5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Teilzeit mit dem Anliegen heran, das Beschäftigungsausmaß im persönlich möglichen Umfang freiwillig zu erhöhen. Ebenso werden in Karenz befindliche ärztliche und Pflegekräfte kontaktiert, in der Hoffnung, dass diese ihre Karenz, wenn möglich, unterbrechen. Erfreulich auch, dass sich bereits erste Mitarbeiter gemeldet haben, die auf Überstundenbasis an Covid-Hotspots in den LKH zusätzliche Dienste übernehmen“, hieß es in einer Aussendung am Donnerstag.

Tiroler Ärzte richten in Video Appell an Bevölkerung

Mediziner und das Pflegepersonal der tirol kliniken haben am Donnerstag in einem Video auf YouTube einen Appell an die Tiroler Bevölkerung gerichtet, die geltenden Hygiene- und Schutzmaßnahmen zur Verhinderung der Verbreitung des Coronavirus einzuhalten. Ärzte und Pfleger schildern in dem Video die aktuelle Situation auf ihren Stationen und die Belastung durch eine stetig steigende Anzahl an Corona-Patienten.

„Aufgrund der steigenden Infektionszahlen sehen wir uns in allen Gesundheitseinrichtungen in Tirol mit einem besonderen Ansturm an Patienten konfrontiert“, erklärte Stephan Eschertzhuber, Primar für Anästhesie und Intensivmedizin am LKH Hall. Derzeit würden die Kapazitäten noch ausreichen, es sei aber zu befürchten, wenn sich der Trend der Neuinfektionen fortsetze, dass das Gesundheitssystem in Tirol an seine Grenzen kommen werde. „Wir müssen bald anfangen zu entscheiden, wer kommt noch auf ein Intensivbett und wer nicht“, sagte Eschertzhuber.

Auf der Intensivstation der Neurochirurgie der Innsbrucker Klinik seien normalerweise Patienten mit Hirnblutungen, Schlaganfällen oder Hirntumoren. „Aktuell haben wir keine dieser Patienten auf der Station, weil wir nur mit Covid-19-Patienten belegt sind“, schilderte Claudius Thome, Direktor der Univ.-Klinik für Neurochirurgie. „Das allein bedeutet schon eine Einschränkung dessen, wie wir die Bevölkerung versorgen können“, fügte er hinzu.

Günter Weiss, Direktor der Univ.-Klinik für Infektiologie, sprach von einer „massiven Zunahme“ an Patienten. „Wir gehen davon aus, dass diese Zahlen in den nächsten Wochen weiter ansteigen können. Wir können die Pandemie nur gemeinsam bekämpfen, wenn wir uns alle an die Maßnahmen halten“, so Weiss, der auch dem Beraterstab der Corona-Taskforce im Gesundheitsministerium angehört.

Alexandra Ciresa-König, Oberärztin an der Univ.-Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe appellierte eindringlich an die Bevölkerung, Masken zu tragen. „Wir tragen seit März acht Stunden in der Arbeit Maske. Wir tragen sie, damit wir die Bevölkerung bezüglich Schwangerschaft oder Onkologie weiter gut versorgen können, bitte helfen auch Sie“, betonte Ciresa-König.

Die leitende Diplompflegerin der internistischen Intensivstation Gina Oberthaler warnte indes vor einer Überlastung des Personal. „Wenn unsere Spitäler immer mehr mit Covid-Patienten belegt sind, wenn unsere Mitarbeiter immer noch mehr Patienten behandeln müssen und wenn für die steigende Zahl an Intensivpatienten nicht mehr genügend Personal zur Verfügung steht, dann wird die bestmögliche Behandlung, egal ob für einen Unfall, für Covid oder für einen Herzinfarkt, bald nur noch eine Notversorgung sein können“, zeigte die Pflegerin auf.

OÖ: Pflegepersonal sieht sich am Limit

Personalvertreter des Kranken- und Pflegebereich in Oberösterreich haben am Donnerstag einen Hilferuf gestartet und gefordert, den Beschäftigten unter die Arme zu greifen: Ihre Liste reicht von Parkplätzen und Verpflegung über fixe Vorgaben für Schutzausrüstung bis hin zu Hilfspersonal und schnelleren Tests. Auch sei nicht einzusehen, dass Leute nach Kontakt mit Infizierten zwar zur Arbeit, in ihrer Freizeit aber nicht einmal spazieren gehen dürfen.

Schlüsselarbeitskräfte, die mit Infizierten ungeschützten Kontakt hatten, erhalten keinen Absonderungs-, sondern einen Verkehrsbeschränkungsbescheid. Sie dürfen dann arbeiten gehen - dort wird meist ein Schnelltest gemacht, um die Sicherheit für den jeweiligen Tag zu garantieren -, ansonsten dürfen sie aber ihre Wohnung nicht verlassen, erklärte Stefan Bauer, Zentralbetriebsratsvorsitzender des Sozialhilfeverbandes Linz-Land, in einer Pressekonferenz am Donnerstag. „Es kann nicht sein, dass uns das im Dienst zugetraut wir, privat aber nicht“, so Bauer. Es würde wohl niemand shoppen gehen, „aber spazieren gehen oder joggen muss drinnen sein“ damit sich die Leute erholen können.

Besonders zugespitzt hat sich die Corona-Situation in Oberösterreich in den Heimen: Über 400 Bewohner und knapp 400 Mitarbeiter sind derzeit infiziert. Die Senioren würden nun oft länger im Heim bleiben bevor sie ins Krankenhaus kommen bzw. früher wieder von dort zurückgeschickt - wohl um Spitalkapazitäten zu sparen, vermutet Bauer. Das mache die Arbeit in den Heimen herausfordernder, etwa wenn Leute in Zweibettzimmern untergebracht sind. Und angesichts dessen sei es nötig, das Fachpersonal durch Hilfskräfte - etwa für die Fieberkontrollen am Eingang oder für Hauswirtschaftstätigkeiten - zu entlasten.

Welche Schutzausrüstung empfohlen wird, sei in den Heimen sehr unterschiedlich, schilderte Bauer. Er befürchtet, dass sich das danach richte, was vorhanden sei und fordert einheitliche Regeln dafür. Besonders gefährdet in ihrer Arbeit sind die mobilen Pflegekräfte. Für sie brauche es „keinen Applaus, sondern oft nur kleine Verbesserungen“, so Leyla Özkan, Betriebsratsvorsitzende in der Volkshilfe Oberösterreich. Statt sie mit dem Titel „Helden der Nation“ zu versehen, solle man sie mit Schutzausrüstung, mehr Personal und mehr Lohn unterstützen.

In den Spitälern hat sich die Lage zuletzt ebenfalls zugespitzt: Derzeit sind 112 Corona-Patienten auf oberösterreichischen Intensivstationen. „Das können wir bewältigen. Aber in 14 Tagen haben wir ein Riesenproblem“, so Branko Novakovic, Vorsitzender der ÖGB-Fachgruppe Gesundheits- und Sozialberufe und Zentralbetriebsratsvorsitzender im Kepler Universitätsklinikum (KUK). „Wir werden an die Grenzen der Intensivbetten, aber davor auch an die Belastungsgrenze des Personals kommen.“ Er betonte jedoch: „Wir werden aber niemanden im Stich lassen.“ Damit das Personal das alles schaffe, brauche es Unterstützung.

Man könnte den Beschäftigten mit vielen, oft kleinen Maßnahmen unter die Arme greifen: Bei manchen Häusern sei das Parken ein großen Problem. Er appellierte, die Straßen um die betroffenen Spitäler für die Autos der Mitarbeiter zu reservieren. Manche müssten auch einfach „durchschnaufen“ und brauchen nach einiger Zeit mit FFP-Maske und Schutzausrüstung eine Pause, während andere länger durchhalten. Viele haben angesichts des Arbeitspensums oft keine Zeit, sich um ihre Verpflegung zu kümmern. „Es wäre unendlich hilfreich und sicher machbar, dass den Kolleginnen und Kollegen das Mittagessen mit den Patientenessen auf die Abteilungen gebracht wird“, meint Novakovic. Einen Hilferuf gibt es auch hinsichtlich der Kinderbetreuung: Wenn schon die Sonderbetreuungszeit für Schlüsselarbeitskräfte nicht gelte, so müsse wenigsten sichergestellt sein, dass deren Kinder gut betreut werden - auch im Fall von Schulschließungen.

Das Pflegepersonal in Oberösterreich arbeite am Limit, nicht zuletzt weil die jahrelangen Forderungen nach mehr Personal ungehört blieben, kritisiert man beim ÖGB. Das falle den Beschäftigten nun auf den Kopf. Ein wichtiger Punkt ist den Personalvertretern daher auch: „Hoffnung geben auf eine bessere Zeit“. Es müsse künftig mehr Personal geben. Um- und Quereinsteiger seien übrigens höchst willkommen, so der KUK-Betriebsrat. Denn: Wer sich als Erwachsener für den Beruf entscheide, bleibe meist, während jüngere oft wieder aussteigen würden, sagte Novakovic, der früher selbst Nachrichtentechniker war.
 

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