Putin verkündete Zulassung von erster Corona-Impfung

Russland hat nach den Worten von Präsident Wladimir Putin als erstes Land der Welt eine Impfung gegen das Coronavirus entwickelt. Die Impfung namens „Sputnik V“ sei Dienstagfrüh in Russland zugelassen worden, sagte Putin am Dienstag. Details sind nicht bekannt, allerdings erfolgte die Zulassung offenbar noch ohne große Wirksamkeitsprüfung (Phase-III) an tausenden Probanden.

red/Agenturen

Die Impfung soll ab dem 1. Jänner in den Umlauf gebracht werden, wie russische Agenturen unter Berufung auf das Arzneimittelregister des Gesundheitsministeriums berichteten. „Ich weiß, dass sie wirksam ist, dass sie dauerhafte Immunität gibt“ verkündete Putin während einer vom Fernsehen übertragenen Videokonferenz mit Regierungsvertretern. Putin berichtete, dass sich auch eine seiner Töchter im Rahmen der Tests des in Russland entwickelten Stoffs habe impfen lassen. Sie habe eine leicht erhöhte Temperatur entwickelt, „das war alles“, sagte er.

Russland hatte bereits Anfang August angekündigt, ab September mit der Massenproduktion eines Impfstoffes zu starten. Ausländische Experten äußerten ihre Besorgnis über die Geschwindigkeit, mit der das Land einen eigenen Impfstoff entwickelt. Die WHO forderte Russland damals auf, sich bei der Herstellung eines Corona-Impfstoffes an die festgelegten Richtlinien für die Produktion sicherer und wirksamer Medikamente zu halten.

Finanziert wurden die Arbeiten vom russischen Staatsfonds. Die Entwicklung erfolgte am Gamaleja-Institut in Moskau, das der Wissenschafter Alexander Ginzburg leitet. Die Vakzine soll eine robuste Immunantwort hervorrufen. An Nebenwirkungen werden vor allem vorübergehendes Fieber genannt.

Russland nennt ersten Corona-Impfstoff „Sputnik V“

Russland hat den weltweit ersten für die breite Verwendung zugelassenen Impfstoff gegen das Coronavirus in Erinnerung an sein Vordringen in den Weltraum 1957 auf den Namen „Sputnik V“ getauft. Das berichtete das russische Staatsfernsehen am Dienstag in Moskau. Russland hatte im Frühjahr eine klinische Studie mit dem Impfstoff „Gam-Covid-Vac Lyo“ in einer internationalen Datenbank registriert.

Der Chef des russischen Investmentfonds Kirill Dmitrijew sprach kürzlich von einem „Sputnik-Moment“. „Die Amerikaner waren überrascht, als sie Sputniks Piepen hörten. Mit diesem Impfstoff ist es genauso“, sagte er dem US-Sender CNN. Seine vom Kreml gegründete Stiftung finanziert die Impfstoff-Produktion.

In Russland wird die Entwicklung des neuen Impfstoffs verglichen damit, dass die Sowjetunion einst als erste Nation in den Weltraum vorgedrungen war. Russland sieht sich als Rechtsnachfolger des vor rund 30 Jahren aufgelösten kommunistischen Imperiums. Die stolze Weltraumnation hatte 1957 den ersten Satelliten - den Sputnik - ins All gebracht und damit das Zeitalter der Raumfahrt begründet.

Wenig Informationen

„Es gibt über das Projekt bisher keine genauen und verfügbaren Informationen. Daher kann ich dazu nichts sagen“, erklärte am Dienstag nach Bekanntgabe der Zulassung der russischen Covid-19-Vakzine die Wiener Vakzinologin Ursula Wiedermann-Schmidt (MedUni Wien) gegenüber der APA.

So existieren derzeit nur rudimentäre Daten. Die vorhandenen Informationen könnten eventuell auf eine DNA- oder RNA-Vakzine hindeuten. Wahrscheinlicher basiert die Vakzine aber auf Vektoren mit Antigenen von SARS-CoV-2 an ihrer Oberfläche, ähnlich des Kandidat-Impfstoffes, der von der Universität Oxford in Kooperation mit dem Pharmakonzern AstraZeneca entwickelt wird.

Bei DNA- oder RNA-Vakzinen werden Erbsubstanzteile der Erreger mittels Genvektoren per Impfung verabreicht. Sie sorgen dafür, dass im Körper des Immunisierten jene Antigene produziert werden, gegen die das Immunsystem schließlich eine Abwehrreaktion aufbaut. Das soll gegen natürliche Infektionen schützen.

Wahrscheinlich Kombination von zwei veränderten humanen Adenovirus-Varianten

Die andere, erste Variante wären eben Vektoren von sonst ungefährlichen Viren, auf welche Antigene von SARS-CoV-2 „aufgepfropft“ werden, um eine Immunantwort zu erzeugen. Kandidatvakzine nach diesem Prinzip aus China mit humanen Adenoviren als Ausgangspunkt hatten bisher das Problem, dass die Vektoren bei Probanden selbst eine Immunantwort gegen sich verursachen, was eben den Impfeffekt reduziert. Die in Oxford entwickelte und bereits in Phase-III der klinischen Tests befindliche Vakzine (AstraZeneca) verwendet Virusvehikel, die auf Schimpansen-Adenoviren beruhen.

„Unser Impfstoff basiert auf zwei sogenannten Vektoren, modifizierten Viren, die das Genmaterial des Coronavirus in die menschliche Zelle bringen. In diesem Fall sind das Adenoviren, die eine sehr leichte Form der Grippe auslösen. Sehr vereinfacht ausgedrückt, funktionieren die Vektoren wie ein Zug, der Genmaterial des Coronavirus-Stachels (Spike- oder S-Protein an der Virusoberfläche, mit dem das Virus an Zellen andockt; Anm.) in die Zelle transportiert. Der Körper fängt dann an, diesen Stachel zu bekämpfen, und bildet Antikörper“, wurde der Chef des russischen Staatsfonds, Kirill Dmitrijew, vor wenigen Tagen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" in einem Interview zitiert. Aus dem Zitat geht nicht eindeutig hervor, auf welcher Basis die Vakzine funktionieren soll.

Veränderte Versionen früherer Impfstoffe

Die russischen Wissenschafter bauten offenbar auf bereits bestehende Impfstoff-Technologieplattformen auf. Dmitriejew: „Das Besondere ist, dass es sich um eine leicht veränderte Version zweier früher in Russland entwickelter Impfstoffe handelt: ein Impfstoff gegen das Ebolavirus, der schon zugelassen ist und den dasselbe Institut vor sechs Jahren entwickelt hat; das andere ein Impfstoff gegen das MERS-Virus (...). Und damit hat Russland einen Vorteil, den manche im Westen gerne übersehen: Wir nutzen eine schon bekannte Plattform für unseren Impfstoff. Deshalb habe ich mich damit impfen lassen und es meinen 74 Jahre alten Eltern auch empfohlen.“

Bei dem russischen Covid-19-Impfstoff bzw. der verwendeten Strategie handelt es sich allerdings um eine Besonderheit: Zwei im Abstand von 21 Tagen erfolgende Immunisierungen werden mit zwei unterschiedlichen Adenovirus-abgeleiteten Vektoren durchgeführt. Damit will man vermeiden, dass sich das Immunsystem gegen die Vektoren selbst wendet und somit den Effekt der Immunisierung einschränkt.

Bisher wurde die Kandidat-Vakzine erst bei weniger als hundert Probanden erprobt. Dmitrijew aber erklärte: „Wir beginnen jetzt mit der dritten Phase der klinischen Studien, auch in anderen Ländern, etwa im Mittleren Osten. (...) Wir planen, noch im August mit der Herstellung des Impfstoffs zu beginnen. Im September sollen dann medizinisches Personal und Lehrer auf freiwilliger Basis geimpft werden. Die Massenimpfung der Bevölkerung soll später in diesem Jahr starten.“

Russischer SARS-CoV-2-Impfstoff: Phase-III fehlt

Es gebe auch schon Interessenten aus dem Westen. „Es sind schon 20 Länder auf uns zugekommen, die unseren Impfstoff kaufen und mit uns produzieren werden. (...) Zwei europäische Nationen sind schon auf uns zugekommen. Wir werden demnächst fünf weltweite Produktionspartner nennen“, sagte der Chef des russischen Staatsfonds weiter.

An sich ist es nicht völlig außerhalb der Norm, wenn Impfstoffe vorläufig nach Phase-I- und Phase-II-Studien (Immunogenität, Sicherheit) zugelassen werden. Aber das gilt beispielsweise nur für Vakzine, mit denen man schon lange Erfahrung gesammelt hat und die nur teilweise verändert worden sind, zum Beispiel saisonale Influenza-Vakzine. Vakzine gegen SARS-CoV-2 sind schon etwas anderes, RNA- oder DNA-Vakzine schon gar, weil es derartige Impfstoffe bisher noch nie gab und dies völliges Neuland ist.

Vor einigen Tagen befanden sich weltweit und außerhalb von Russland Kandidat-Vakzine von Sinovac (China), der Universität von Oxford (AstraZeneca) und Moderna (USA/RNA-Impfstoff) in der Phase-III der klinischen Prüfung. Das ändert sich aber von Tag zu Tag. Insgesamt werden weltweit fast 200 mögliche SARS-CoV-2-Impfstoffe entwickelt.

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„Das wird der endgültige Sieg über die Pandemie sein.“ Sergej Sobjanin, Bürgermeister von Moskau
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