Forschung

Remdesivir-Schnellschüsse helfen wenig

Vorläufige Teilergebnisse von zwei wissenschaftlichen Studien mit dem möglichen Covid-19-Therapeutikum Remdesivir haben Ende vergangener Woche für einen regelrechten (Aktien-)Hype gesorgt. Für das vom US-Konzern Gilead entwickelte Medikament werden allerdings schon in nächster Zeit handfeste Daten vorliegen. Das geht aus dem internationalen Studienfahrplan zu dem Arzneimittel hervor.

red/Agenturen

„Die bekannt gewordenen Daten stammen aus einem Studienzentrum in Chicago, das an zwei Studien mit Remdesivir beteiligt ist. Das sind aber Teildaten aus einer Untersuchung mit Covid-19-Patienten mit moderater Erkrankung und einer Untersuchung mit Patienten mit schwerer Erkrankung. Daraus lassen sich keine Schlüsse ziehen“, sagte Clemens Schödl (Gilead Österreich) gegenüber der APA. Auf der Basis eines einzigen Zentrums unter 152 beteiligten Kliniken weltweit und unter Vermischung von vorläufigen Daten aus zwei unterschiedlichen wissenschaftlichen Untersuchungen können wohl kaum Aussagen getroffen werden.

Schon vor rund zwei Wochen gab es eine erste Veröffentlichung von Fallbeobachtungen mit Remdesivir im New England Journal of Medicine. Doch die Daten stammten von Patienten mit unterschiedlichem Krankheitsverlauf, ein Teil der ursprünglich aufgenommenen Kranken wurde bei der Auswertung ausgeschieden. Die Zahl der Patienten (53) war vergleichsweise klein.

Chinesische Studie mangels Patienten abgebrochen

Therapeutika gegen SARS-CoV-2 bzw. Covid-19 sind schwer zu testen. „Es handelt sich um ein bewegliches Ziel“, sagte beispielsweise der Wiener Impfstoffexperte Otfried Kistner gegenüber der APA. Es ist nämlich durchaus auch möglich, dass das Virus bei erfolgreicher Kontrolle der Infektionen auch schnell wieder verschwindet und es plötzlich an Probanden fehlt. So ging es chinesischen Wissenschaftern, die eine regelrechte doppelt-blinde und Placebo-kontrollierte Studie mit schwerkranken Patienten durchführen wollten. „Abgebrochen wegen geringer Zahl aufgenommener Patienten“, heißt es dazu bei Gilead. Den chinesischen Wissenschaftern gingen einfach die Patienten aus, weil die Krankheit erfolgreich zurückgedrängt worden war.

Ende April sollen die ersten Daten einer internationalen Gilead-Studie (offen, keine Placebo-Kontrolle) zu 400 Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf vorliegen. Daran war auch jene Klinik in Chicago beteiligt, aus der die vorläufigen Daten zitiert wurden. „Da kommen dann noch die Daten von 5.600 weiteren Covid-19-Patienten hinzu, die mit Remdesivir behandelt wurden“, sagte Schödl. Gegen Ende Mai sollen dann die Ergebnisse der ähnlich gelagerten Studie von Gilead mit zunächst mehr als 600 Patienten mit moderatem Krankheitsverlauf kommen.

Die Wissenschafter und Kliniker dürften aber besonders gespannt auf die Informationen der ersten großen doppelt-blinden Placebo-kontrollierten Untersuchung mit Remdesivir (mehr als 800 Patienten) bei Patienten mit moderatem bis schwerem Covid-19-Krankheitsverlauf warten. Die Placebo-Kontrolle macht die „Messlatte“ für eine Wirksamkeitsprüfung aus.

Erst nach dem Juni dieses Jahres wird es wohl die Informationen aus einer großen Studie mit Remdesivir geben ("DisCoVeRy"), an der die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und auch das staatliche französische Forschungsinstitut INSERM beteiligt sind. Hier wollen sich auch österreichische Kliniken einbringen. Da geht es um mehr als 3.100 Patienten. In vier Gruppen soll Remdesivir im Vergleich zur Standardtherapie (ohne Virusstatika), mit Lopinavir/Ritonavir und mit Hydrochloroquin verglichen werden. Maßstab ist der klinische Zustand der Patienten nach rund zwei Wochen. In anderen Studien sind die Parameter beispielsweise die Sauerstoffsättigung im Blut nach 14 Tagen oder das klinische Zustandsbild nach 28 Tagen oder die Spitalsmortalität.