Forum Alpbach

Stiglitz: Private Gesundheitssystem haben versagt

„Freiheit und Sicherheit“ lautet das Motto des diesjährigen Europäischen Forum Alpbach. Bei den Gesundheitsgesprächen, die von 18. bis 20. August stattfinden, geht es in vielerlei Hinsicht um Geld und Finanzierung. Für den Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz haben in der Gesundheitsversorgung auf privater Finanzierung basierende Systeme versagt.

red/Agenturen

Stiglitz hält zur Eröffnung der Alpbacher Gesundheitsgespräche am 18. August den Hauptvortrag. Abseits der Inhalte dieser Rede selbst aber geht es für den Experten um ganz Grundsätzliches in Gesellschaft, Staat und Wirtschaft, wenn die Gesundheitsversorgung betroffen ist: „In den entwickelten Ländern haben wir vor allem zwei Herausforderungen: Erstens, wie ermöglichen wir breiten Zugang zur Gesundheitsversorgung zu erschwinglichen Preisen? Die zweite Herausforderung liegt darin, dass Gesundheit durch eine ganze Reihe von Faktoren beeinflusst wird - und das ist die soziale Situation, in der Menschen leben.“ Da spiele die sich vergrößernde Kluft zwischen Arm und Reich, die Entsolidarisierung, eine wesentliche Rolle, wie der Wirtschaftsnobelpreisträger von 2001 im APA-Gespräch betonte.

Die europäischen Systeme einer öffentlichen Gesundheitsversorgung mit Finanzierung aus Steuermitteln oder über soziale Krankenkassen biete hier seit jeher klare Vorteile, betonte Stiglitz: „Da haben wir in den USA ein enormes Systemversagen. In den Vereinigten Staaten ist die Lebenserwartung in den drei vergangenen Jahren ständig gesunken. Wir geben enorm viel für Gesundheit aus. Aber davon profitieren vor allem die Pharmaindustrie und die privaten Krankenversicherungen. Wir haben ein System, das einfach nicht funktioniert.“

In den USA betrug der Anteil der Gesundheitsausgaben im Jahr 2017 am Bruttoinlandsprodukt 17,9 Prozent. „Dabei haben wir Millionen Menschen ohne Krankenversicherung“, erklärte der Wirtschaftswissenschafter (Columbia University/New York). Laut den OECD-Daten (Health at a Glance Europe/2018) lag der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP 2017 in Österreich bei 10,3 Prozent, in der Schweiz betrug er 12,3 Prozent und in Deutschland 11,3 Prozent (EU-28-Durchschnitt: 9,6 Prozent).

Private Krankenversicherungen seien da keine Lösung, wie der Wirtschaftsnobelpreisträger betonte: „Private Versicherungen maximieren ihre Prämieneinkommen und minimieren die Leistungen.“ So laufe das Wirtschaftsleben eben ab.

Privates Gesundheitssystem torpediert Präventionsmaßnahmen

Die sich in Teilen der Gesellschaft verschlechternde soziale Lage sei die zweite große Herausforderung, betonte Stiglitz: „Gesundheit wird nicht nur durch Medizin und Krankenversorgung bestimmt. Sie ist von viel breiteren Faktoren abhängig.“ Die sozioökonomische Situation der Menschen - zum Beispiel im US-“Rust Belt“, den ehemaligen Schwerindustrie- und Automobilindustrieregionen - entscheide zu einem Gutteil über die Gesundheit. „Da haben wir es mit einem massiven Zusammenbruch der Gesellschaft zu tun. Das ist eine Entwicklung, wie wir sie vergleichsweise nur in der auseinanderbrechenden UdSSR gesehen haben. Reihenweise Suizide und eine Drogen-Epidemie. Das ist nicht ein Amerika als 'Land der unbegrenzten Möglichkeiten'.“ Chancenlosigkeit, mangelndes Einkommen, Verzweiflung und Frustration würden Gesundheit und die schiere Existenz der Menschen bedrohen.

Der Weg könne für die USA nach dem Neoliberalismus im Endeffekt nur in Richtung der Ausweitung der Gesundheitsversorgung mit Finanzierung aus öffentlichen Geldmitteln gehen, meinte Stiglitz: „Ein öffentliches Gesundheitssystem hat den Vorteil, dass man Präventionsmaßnahmen ergreifen kann.“ Das sei in einem privat finanzierten System aus Gründen der Gewinnmaximierung kaum möglich. „Die Menschen gehen nicht zum Arzt, wenn sie es frühzeitig sollten.“ Das mache sich entwickelnde Krankheiten oft nur noch schlimmer.

Fazit für den Wirtschaftsnobelpreisträger: „Ich denke, man sollte Medicaid (Medicaid - öffentliche von US-Staaten organisierte Krankenversicherung mit Finanzierung durch den Staat, derzeit für Kinder, ältere oder behinderte Bürger sowie Personen mit niedrigem Einkommen; Anm.) möglichst auf alle Menschen ausdehnen.“ Eventuell könne man sich dabei auch an Großbritannien orientieren, wo Menschen mit den höchsten Einkommen für private Krankenversicherungen optieren könnten. „Aber wenn sie dann eine komplizierte Operation benötigen, gehen sie in die öffentlichen Spitäler.“

Joseph E. Stiglitz
Der Weg könne für die USA nach dem Neoliberalismus im Endeffekt nur in Richtung der Ausweitung der Gesundheitsversorgung mit Finanzierung aus öffentlichen Geldmitteln gehen, meint der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz.
Raimond_Spekking