Streit in Italien um regional gestaffelten Neustart

Italien diskutiert über die Lockerung der Ausgangssperre ab dem 4. Mai, dabei treten Unstimmigkeiten zwischen der Zentralregierung und den Regionen auf. Die Regierung von Premier Giuseppe Conte überlegt eine gestaffelte Öffnung in Mittel- und Süditalien, das weniger als der Norden von der Coronavirus-Epidemie betroffen ist. Andere Regionen stemmen sich dagegen.

red/Agenturen

„Wir denken an eine Regionalisierung des Neustarts. In den Regionen mit weniger positiv getesteten Menschen ist es einfacher, der Kette der Kontakte nachzugehen, um zu prüfen, wo sich Menschen angesteckt haben könnten“, sagte Industrieminister Stefano Patuanelli laut italienischen Medien.

Der lombardische Präsident Attilio Fontana warnte vor einem gestaffelten Neustart der produktiven Aktivitäten je nach Region. Ganz Italien müsse gemeinsam neustarten, meinte Fontana. Die Lombardei ist die von der Epidemie am stärksten betroffenen italienische Region. Auch die Nachbarregion Piemont teilt Fontanas Ansichten.

Unstimmigkeiten zwischen Staat und Regionen über Auflockerung der Ausgangssperre 

Der Präsident Kampaniens, Vincenzo De Luca, warnte dagegen vor einer verfrühten Öffnung einiger norditalienischen Regionen, in denen die Zahl der Infizierten weiterhin steige und die Zahl der Todesopfer nach wie vor hoch sei. De Luca drohte mit der Schließung Kampaniens für Bürger aus Norditalien, sollte der Lockdown in Italien aufgeweicht werden.“

Wenn einige Präsidenten ihre Regionen schließen, droht ein Krieg Norden gegen Süden“, warnte Luca Zaia, der Präsident Venetiens. Gegen das Ende des Lockdowns sprach sich auch Walter Ricciardi, Mitglied der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Gesundheitsberater der italienischen Regierung, aus: „Es ist absolut zu früh, die Phase 2 einzuleiten. Einige Regionen Norditaliens befinden sich noch voll in der Phase 1. Wir dürfen nicht voreilig handeln: Die Gefahr ist ansonsten, dass die Epidemie wieder explodiert.“

Psychologische Tests für Bürger

Unterdessen kündigte das wissenschaftliche Komitee, das die italienische Regierung in Sachen Coronavirus berät, an die Italiener psychologischen Tests unterziehen, um festzustellen, wie lange sie den gegenwärtigen Lockdown noch aushalten können. Die Ergebnisse der Untersuchung sollen bei der Entscheidung bezüglich der sogenannten „Phase 2“ mit Auflockerung einiger Maßnahmen dienen.

150.000 Personen sollen dem psychologischen Test unterzogen werden. Die Regierung will prüfen, wie stark die Bevölkerung nach eineinhalb Monaten Quarantäne unter den einschränkenden Maßnahmen leidet, berichtete die Mailänder Tageszeitung „Corriere della Sera“ (Montagsausgabe). Gefragt wird unter anderem, ob man sich einsam fühlt und wie lang man Zeit mit Nichtstun verbringt.

Die Ergebnisse der Tests sollen der Regierung von Premier Giuseppe Conte zur Orientierung bei der ersten Lockerung der Maßnahmen ab dem 4. Mai dienen. Laut den Plänen der Regierung sollen die meisten Betriebe und Büros ab dem 4. Mai wieder öffnen, allerdings soll weiterhin - wenn möglich - auf Homeoffice gesetzt werden. Die Öffnungszeiten sollen gestaffelt werden, um Stoßzeiten zu vermeiden.

An Bord der öffentlichen Verkehrsmittel werden nur eine beschränkte Zahl von Passagieren zugelassen. Parks sollen wieder geöffnet werden. Bars, Restaurants und andere Lokale müssen noch länger auf die Wiedereröffnung warten. Am Mittwoch sind weitere Beratungen der Regierung mit dem wissenschaftlichen Komitee geplant. „Wir prüfen, wie wir in den kommenden Monaten mit dem Virus in Sicherheit zusammenleben können“, sagte Premier Giuseppe Conte.

Zwei Monate seit Epidemie-Beginn: Italien kämpft weiter

Zwei Monate sind seit Beginn der Coronavirus-Epidemie in Italien vergangenen. Am 20. Februar wurde ein Infektionsherd in der Kleinstadt Codogno in der Provinz Lodi lokalisiert. Der „Patient 1“, ein 38-Jähriger aus Codogno, wurde ins Spital eingeliefert. Zeitgleich starb in Vo ́ Euganeo nahe Padua ein 78-Jähriger am Covid-19.

Nachdem zehn Gemeinden in der Provinz Lodi und Vo ́ Euganeo zur Sperrzone erklärt wurden, rätselten die Behörden mehrere Tage lang über den besten Weg, mit der Seuche umzugehen. Dadurch ging kostbare Zeit verloren. Inzwischen brach ein neuer großer Infektionsherd in der Provinz Bergamo aus, die später mit tausenden Toten zum Epizentrum der gesamten Epidemie in Italien aufrückte. Daraufhin beschloss die Regierung von Premier Conte am 9. März, die gesamte Region Lombardei zur Sperrzone zu erklären.

Während hunderte Neuinfizierte die lombardischen Krankenhäuser bestürmten und an den Rand des Kollapses brachten, machten Bilder heldenhafter Ärzte und Krankenschwestern, die tagelang unermüdlich rund um die Uhr durcharbeiteten, die Runde in der ganzen Welt. Im Eiltempo bemühte sich die Lombardei, neue Betten auf den Intensivstationen bereitzustellen.

Signale der Normalisierung

Im Mailänder Krankenhaus „Niguarda“ wurden die Zahl der Betten in der akutesten Phase der Krise verdreifacht. Auf dem früheren Mailänder Messegeländer wurde ein Covid-19-Krankenhaus eingerichtet. Hilfe kam auch aus dem Ausland. China, Russland, Kuba und andere Länder entsandten Gesundheitspersonal und Schutzmaterial zur Unterstützung des lombardischen Gesundheitssystems.

Während sich die Lage von Tag zu Tag verschlimmerte, kündigte Premier Conte die Ausdehnung des Lockdowns bis zum 3. April auf ganz Italien an. Geschlossen wurden Schulen, nicht lebenserhaltende Betriebe, alle Geschäfte mit Ausnahme von Supermärkten, Apotheken und Trafiken, sowie alle öffentlichen Lokale. Für 60 Millionen Italiener begann eine präzedenzlose Quarantäne, die sie in ihre Wohnungen verbannte. Der Lockdown wurde mittlerweile bis zum 3. Mai verlängert. Aus dem Haus darf man immer noch nur zum Einkaufen oder um dringende gesundheitliche Angelegenheiten zu erledigen. Parks und Grünanlagen sind geschlossen. Bei Verstößen gegen das Ausgangsverbot hageln saftige Strafen.

Nach zwei Monaten, in denen die Zahl der Todesopfer auf mehr als 23.000 gestiegen ist, beginnt Italien nun Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Die Zahl der Neuinfizierten wächst langsamer als in den vergangenen Wochen, der Druck auf die lombardischen Krankenhäuser hat nachgelassen. Eine der fünf Intensivstationen des Mailänder Krankenhauses "Niguarda“ wurde geschlossen. Ärzte und Krankenpfleger feierten das Ereignis mit Champagner, Videos der kleinen Party wurden auf Facebook gepostet.“

Nach so viel Leid sehen wir endlich Signale der Normalisierung. Der Kampf ist noch nicht zu Ende, doch wir können es schaffen“, sagte der Primar der Intensivstation des Krankenhauses Roberto Fumagalli im Gespräch mit der Mailänder Tageszeitung „Corriere della Sera“.

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