Deutschland

Umfrage: Überlastete Ärzt:innen denken über Berufswechsel nach

Wegen hoher Arbeitsbelastung und fehlender Wertschätzung erwägt ein Viertel der Klinikärzt:innen in Deutschland einen Berufswechsel. Das geht aus einer Umfrage der Ärztegewerkschaft Marburger Bund unter rund 8.500 angestellten Mediziner:innen hervor, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Danach liegt deren faktische Wochenarbeitszeit im Schnitt deutlich über 50 Stunden, ein Fünftel der Befragten berichtet sogar von 60-Stunden-Wochen.

red/Agenturen

„Man schuftet nur noch und wird irgendwann krank, weil man dem ganzen Druck nicht mehr standhalten kann“, wird eine Medizinerin zitiert. Andere Umfrageteilnehmer:innen beklagen die Orientierung am ökonomischen Profit und die Folgen für die Beschäftigten: „Man arbeitet für 2 Personen. Man hat nie Pause. Man hetzt von einer zur nächsten Aufgabe und priorisiert ständig neu, da laufend neue Tätigkeiten zur To-do-Liste hinzukommen.“

Besetzung in Kliniken „schlecht“

Zwei Drittel der Befragten beurteilen die personelle Besetzung ihrer Kliniken als „schlecht“ oder „eher schlecht“. Die daraus folgenden Überstunden werden der Umfrage zufolge nur bei jedem Vierten finanziell vergütet. Knapp die Hälfte der Mediziner:innen erhält vorwiegend Freizeitausgleich, 19 Prozent gehen nach eigenen Angaben komplett leer aus.

Ein Viertel der Befragten denkt laut Umfrage über einen Berufswechsel nach. Gegenüber der vorherigen Umfrage aus dem Herbst 2019 stieg der Anteil der Ärzt:innen mit Teilzeitvertrag erneut. Im Jahr 2019 hatte der Wert bei 26 Prozent gelegen, nun stieg er auf 31 Prozent. 2013 waren es noch 15 Prozent gewesen.

59 Prozent der teilzeitbeschäftigten Ärzt:innen reduzieren ihre wöchentliche Arbeitszeit um bis zu zehn Stunden. Die reduzierte regelmäßige Wochenarbeitszeit entspreche aber nicht der Realität, kritisierte der Marburger Bund. Hinzu kämen noch Überstunden und Bereitschaftsdienste. Teilzeit heiße oft nur, an wenigstens einem Tag in der Woche regelmäßig frei zu haben.

Die tatsächliche Wochenarbeitszeit liege inklusive Überstunden im Schnitt bei mehr als 50 Stunden. Ein Fünftel arbeitet 60 Stunden und mehr. Wünschen würden sich Ärzt:innen hingegen eine durchschnittliche Arbeitszeit von 48 Stunden in der Woche inklusive Überstunden und Bereitschaftsdiensten. Im Schnitt leistet jeder Arzt rund 6,2 Überstunden pro Woche. 26 Prozent bekommen weder eine Vergütung noch einen Freizeitausgleich dafür.

Mediziner:innen kritisieren hohen Aufwand für Verwaltungsaufgaben

Als Lichtblick bezeichnete der Marburger Bund die elektronische Arbeitszeiterfassung. Bei knapp 48 Prozent der Befragten wird die Arbeitszeit so erfasst. Im Vergleich zur Vorgängerumfrage von 2019 stieg der Anteil um vier Prozentpunkte. Mit 60 Prozent nutzen vor allem kommunale Krankenhäuser diesen Weg zur Erfassung der Arbeitszeit.

Während der Coronapandemie wurde in den Einrichtungen von 34 Prozent der Befragten ärztliches Personal gestrichen. Betroffen waren davon vor allem private Krankenhäuser. Als wirklich gut bezeichnete nur etwa ein Drittel der Befragten die personelle Besetzung im ärztlichen Dienst. Jeder Fünfte sieht sie als schlecht an. Auch dabei schnitten private Kliniken schlechter ab.

Zahlreiche Befragte gaben an, dass viel Zeit für die Patientenversorgung durch Verwaltungstätigkeiten verloren gehe. Im Schnitt benötigen Ärzt:innen drei Stunden am Tag für die Verwaltung. Knapp ein Drittel schätzt den Aufwand auf mindestens vier Stunden. Der Marburger Bund kritisierte, dass viele Datenerfassungen auch von Schreibdiensten oder Sekretariaten erledigt werden könnten.

Durch eine bessere IT-Ausstattung könne die Dokumentation erleichtert werden. Mit der IT-Ausstattung zeigten sich zwei Drittel der Befragten eher unzufrieden oder unzufrieden. Nur 18 Prozent gaben an, regelmäßige Schulungen für IT-gestützte Arbeitsabläufe zu erhalten. An der Umfrage nahmen zwischen dem 20. Mai und dem 19. Juni 8464 angestellte Ärzt:innen aus allen Bereichen des Gesundheitswesens teil. Knapp 90 Prozent von ihnen arbeiten in Akutkrankenhäusern und Rehakliniken. Die Hälfte der Teilnehmer war jünger als 40 Jahre.

Verzweiflung
Einer Umfrage in Deutschland zufolge liegt deren faktische Wochenarbeitszeit im Schnitt deutlich über 50 Stunden, ein Fünftel der Befragten berichtet sogar von 60-Stunden-Wochen.
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