Ukraine

„Viele reagieren erst, wenn der Krieg vor der Haustür wütet“

Der Krieg in der Ukraine bringt das instabile Gesundheitssystem im Land weiter ins Wanken. Wie sich die Lage in Krankenhäusern zuspitzt und die Bevölkerung darauf reagiert. Eine Annäherung. 

Claudia Tschabuschnig

Hastige Schritte in der Dunkelheit. Nur ein grelles Licht, das zwischen schweren Vorhängen aus dem Feldlazarett die sich nähernde Trage und Träger beleuchtet. Es muss schnell gehen. Der verwundete Soldat wird auf ein Bett gehievt. Sein schmerzverzerrtes Gesicht von einer Maske verdeckt und Anästhetikum in seine Lungen gepumpt.

Ostukraine, nur wenige Meter zur Frontline. Bis zu 70 Soldaten werden in manchen Nächten in dem Lazarett versorgt. Heute ist auch der 55-jährige Lubomir* darunter, dessen Gesichtszüge mittlerweile entspannter sind. Das Beruhigungsmittel wirkt. Ein paar Atemzüge später wird ihm eine Patrone aus dem Arm gezogen. Eine der häufigsten Behandlungen hier. Bei den meisten Soldaten, die hier ankommen, haben sich Granatsplitter oder Munition in die Körper gebohrt oder Gliedmaßen abgetrennt. Neben den physischen Wunden sind viele schwer traumatisiert. Ermattet und apathisch sitzen und liegen sie auf den Betten, starren mit leerem Blick in die Kamera des „Al Jazeera“ Reporters, während die Schmerzmedikation in ihre Venen fließt.

„Wir brauchen keine Medikamente, sondern Waffen“

Hinter den grell ausgeleuchtet Betten am Ende des Raums wird es wieder dunkler. Bunte Schlafsäcke reihen sich hier an der Wand. Dort übernachten die Mediziner*innen des Lazaretts. Viele von ihnen haben bereits jahrelang in Kriegsgebieten anderer Länder gearbeitet, aber nicht damit gerechnet, dies auch zuhause tun zu müssen, erzählt ein Chirurg. Auf dem Holztisch vor ihm stapeln sich Ampullen, Spritzen, Dosen und Medikamentenpackungen. „Wir brauchen keine Medikamente, sondern Waffen“, sagt er und lacht.

Weiter im Landesinneren und etwa drei Autostunden von Kiew entfernt sind die russischen Panzer wieder abgerückt. Nach über einem Monat der Besetzung kehren die Bewohner des Dorfs Bykiw in ihre Häuser zurück. Sie steigen aus den kalten Kellern empor, in denen sie sich notdürftig mit eingelegtem Gemüse und Kerzen versorgt haben. Auch dort konnten sie trotz dicker Wände die Bomben spüren. „Alles hat gezittert“, beschreibt eine Bewohnerin einem Reporter der „Deutschen Welle“ die Situation. Manche sind tagelang ohne Wasser und Brot ausgeharrt. Nach ihrer Rückkehr waren viele der Häuser leergeräumt. Elektrogeräte wurden mitgenommen, oft wurde bis auf die schweren Möbel nichts zurückgelassen.

Ein alter Mann mit grauen Schläfen brettert mit seinem klapprigen Fahrrad durch den Schlamm, vorbei an zerstörten Mauerwerk und Holzstreben, welche Häuser erahnen lassen und metallenen Gartenzäunen, an denen Kinderspielzeug drapiert ist: Teddybären und ein Kinderwagen. Alles Zeichen für die russischen Soldaten. Die Bitte die Familien, die dort wohnen, zu verschonen.

Säcke voller Beruhigungsmittel

Ein grauer Geländewagen kreuzt den Fahrradfahrer. Ein Priester steigt aus dem Auto. Unter der schwarzen Kutte und der grünen Winterjacke baumelt eine lange Gebetskette mit tellergroßem Kreuz. Er kommt aus dem Nachbardorf. In den Händen hält er zwei prall gefüllte schwarze Säcke. Darin ist das, was hier die meisten verlangen: Weder Geld noch Essen, sondern Beruhigungsmittel.

Einige der Bewohner wurden vom Angriff überrascht, als Geisel genommen oder werden noch vermisst. Trotz zahlreicher Warnungen aus dem Westen ist vielen Ukrainern die Gefahr nicht bewusst. Selbst in Orten nahe der russischen Grenze gibt es viele, die nicht an einen Krieg glauben, alles für einen „Bluff“ halten, berichtet der Reporter seine Eindrücke. Die meisten wären bis zuletzt um ihr Geschäft oder den Job besorgt gewesen, hätten erst reagiert, als die Granaten fielen oder die Panzer vor der Tür standen.

In Mariupol, der Hafenstadt in der heftige Gefechte wüten, sehen das manche ähnlich. „Wir verlassen Mariupol nicht, wir bleiben hier bis zum Ende“, sagt eine Seniorin im pinkfarbenen Mantel mit Pelz und einem Halstuch mit Leopardenmuster. „Wir bleiben hier“, deutet sie demonstrativ auf den Boden. „Egal was passiert, wir geben Mariupol nicht auf“. Ihre blauen Augen leuchten, die Lippen kräuseln sich zu einem Lächeln.

Andernorts in Mariupol. Dröhnendes Donnern. Granaten detonieren. Vor einer Geburtsklinik inmitten von Soldaten schreit eine Frau, ringt um Atem. Mit einer Hand hält sie sich den Mund zu, mit der anderen drückt sie ihr Kind fest an ihre Brust und schaukelt es zur Beruhigung. Ein paar Schritte weiter steht eine junge Frau mit blutverschmiertem Gesicht, alleine, regungslos, eingehüllt in eine dicke Bettdecke. Hinter ihnen das Krankenhaus, das von der Bombe getroffen wurde.

Angriffe auf Krankenhäuser wenig beleuchtet

Mehr als 90 Gesundheitseinrichtung wurden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit der russischen Invasion attackiert. Eine hohe Anzahl an Angriffen, die Beobachter häufig zum Vergleich zu dem seit zehn Jahre wütenden Krieg in Syrien hinreißen lässt. Auch dort wurden vermehrt Gesundheitseinrichtungen ins Visier genommen und auch daran war Russland maßgeblich beteiligt.

Neu ist, dass die Angriffe nun genauer beobachtet werden, wie etwa von der US-amerikanischen Johns Hopkins University. „Bisher hat niemand diese Angriffe erfasst, so wie wir es jetzt tun. Darum haben wir keine Referenzwerte“, sagte Leonard Rubenstein, Direktor des Programms für Menschenrechte der US-Universität. „Das Thema stand bisher nicht auf der globalen Gesundheitsagenda und auch nicht auf der Menschenrechtsagenda, außer bei einer kleinen Zahl von NGOs“.

Auch der frühere stellvertretende ukrainische Gesundheitsminister Pavlo Kovtuniuk versucht sich darin mit einem Team, die Schäden an den ukrainischen Gesundheitseinrichtungen zu bewerten. Rund 2.500 Krankenhäuser gibt es in der Ukraine. Kovtuniuk zufolge gibt es Städte, in denen die gesamte Gesundheitsinfrastruktur zerstört wurde.

Nicht alle halten dem Trauma des Krieges stand

Manche Krankenhäuser wurden auch mehrmals getroffen, innerhalb weniger Tage. Wie etwa ein Krankenhaus eine Autostunde von Mariupol entfernt. Der Leiter des Traumazentrums und seine Kinder haben einen Beschuss direkt erlebt. Sie hatten in dem Spital Schutz gesucht. Von dem Erlebten wird er noch immer heimgesucht. „Der Beschuss dauerte fast eine halbe Stunde. Meine Kinder und ich (…)", er bricht kurz ab, sucht nach Worten und fährt dann fort: „Wir haben es nicht in den Keller geschafft. Wir waren die ganze Zeit in dem Hauptgebäude und haben die Bombardierung aus nächster Nähe erlebt“.

Nicht alle Mediziner*innen halten dem Trauma des Krieges stand. In einem Krankenhaus in der Ostukraine waren es mindestens 30 Ärzt*innen, die in den ersten Tagen der russischen Invasion ihren Arbeitsplatz verlassen haben. Sie konnten den Anblick der Kriegsverletzungen nicht ertragen. In dem Krankenhaus liegen viele Soldaten, schwer verwundet, teils mit vom Krieg entstellten Körper, geschwollene Stümpfe, an Stangen geschraubte Knochentrümmer.

Unterfinanziert, korrupt und unzugänglich

Als Mediziner*in in der Ukraine hat man es generell nicht leicht. Vom Staat angestellte Ärzt*innen erhalten monatlich rund 100 Euro. Ein Gehalt, das nicht zum Leben reicht und viele dazu bringt, Bestechungsgeld von Patient*innen zu fordern. Trotz der Einbindung ins staatliche System zahlen Patient*innen 50 Prozent der Behandlungskosten aus eigener Tasche. Mehr als 90 Prozent der Ukrainer können sich aufgrund der hohen Preise keine Behandlung leisten, ergaben kürzlich Umfragen. Viele blieben darum Krankenhäusern fern.

Auf dem Papier zeigt sich indes ein gutes Bild: Mit 4,4 Ärzt*innen und 7,8 Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner wartet das Land mit mehr auf als die meisten europäischen Länder. Doch hat sich das Gesundheitssystem der Ukraine seit seiner Unabhängigkeit 1991 kaum reformiert. 25 Gesundheitsminister haben seither das Amt bekleidet, seit 2009 immer wieder Neuerungen angekündigt, aber nie umgesetzt. Im Vergleich zu anderen osteuropäischen Ländern kämpft auch ein großer Teil der Bevölkerung mit Tuberkulose und HIV. Hinzu kommt, dass Kriege generell dazu führen, dass sich Infektionskrankheiten verbreiten, weil Menschen auf engstem Raum zusammengedrängt sind.

Einige Brennpunkte, welche den Einsatz internationaler NGOs dringend notwendig macht. Doch die Hilfe kommt oft nicht an. „Es ist ein herausforderndes Umfeld. Es gibt es viele Bereiche, in denen humanitäre Hilfe nötig ist. Aber von dort können die Menschen oft schwer fliehen und Hilfsorganisationen können diese Gebiete schwer erreichen, um Ressourcen zu Krankenhäusern zu bringen“, beschreibt Avril Benoit von „Ärzte ohne Grenzen“ aus Lwiw. Häufig sind Straßen vermint, es gibt Check Points an denen Helfer aufgehalten werden. Die Organisation würde zudem viele Anfragen für den Transport von Patien*tinnen erhalten. Viel mehr, als sie bewältigen könnten.

Zurück im Feldlazarett. Lubomir gehört zu den Patient*innen, die bald verlegt werden. Weg von der Frontlinie an einen sichereren Ort. Nach der Operation ist er wieder stabil und isst sich an einem Teller mit aufgeschnittener Wurst und Brot satt. „Die Typen mit den Mörsern sind schwer zu sehen, sie haben sich unseren Gräben genähert und Granaten geworfen. Gestern noch am Vormittag haben sie mit 50 Granaten unser Lager getroffen”, sagt er und schüttelt der Kopf. Später überkommt ihn ein Lächeln. Die Patrone war nur Millimeter davon entfernt sein Leben zu beenden. Er weiß, er hat großes Glück gehabt.

Medizinisches Personal und deren Einrichtungen werden in der Berichterstattung häufig nicht näher identifiziert oder verortet. Grund dafür ist die Annahme, dass sie wegen der Behandlung ukrainischer Soldaten oder weil sie Zivilisten Schutz bieten, durch russische Angreifer ins Visier genommen werden könnten. 

Kürzlich wurden auch Vorwürfe laut wonach Zivilisten und vor allem Mediziner*innen in besetzten Gebieten zwangsrekrutiert werden. Die ukrainische Militäraufklärung sprach in sozialen Netzwerken davon, dass Ärzt*innen im Gebiet Charkiw unter Androhung von Hinrichtungen gezwungen wurden, russische Soldaten an der Front zu behandeln.

Ärztekammer unterstützt mit Spenden und als Koordination für Ukraine-Hilfe

Knapp 69.070 hat die Ärztekammer für Wien zur Unterstützung internationaler Organisation in der Ukraine-Krise gespendet. Die Summe kam im Zuge der Ärztekammerwahl zustande, bei der zehn Euro pro abgegebener Stimme gesammelt wurden. Das Geld ging an: Ärzte ohne Grenzen mit € 30.000, Apotheker ohne Grenzen mit € 15.000, die Griechisch-orthodoxe Kirche mit € 10.000 und jeweils je € 7.035,00 für Nachbar in Not und die Caritas. Die Spende-Seiten sind jeweils verlinkt.

Weitere Organisationen, die sich für die Ukraine-Hilfe einsetzen: Rotes Kreuz, Diakonie, Hilfswerk International, SOS Kinderdorf und Malteser international.

Ärzt*innen können auch ehrenamtlich für die Ukrainehilfe bei Hilfsorganisationen arbeiten, die in der Ärzteliste eingetragen sind. Nähere Details finden Sie wöchentlichen Ärzt*innen-News.

Wer kurzfristig Wohnraum für aus der Ukraine geflüchtete Personen zur Verfügung stellen möchte, kann man sich bei der Bundesagentur für Betreuungs- und Unterstützungsleistungen (BBU) unter https://forms.office.com/r/GdWUeGJ2C7 eintragen. Weitere Informationen unter www.bbu.gv.at/ukraine-krise-wir-organisieren-Nachbarschaftsquartiere .

Feldlazarett der christlichen NGO Samaritan 's Purse in einer Tiefgarage des Einkaufszentrums Nahe der Stadt Lviv.
Feldlazarett der christlichen NGO Samaritan 's Purse in einer Tiefgarage des Einkaufszentrums Nahe der Stadt Lviv.
Bumble-Dee / depositphotos
Ein bombardiertes Gebäude in Mariupol.
Ein bombardiertes Gebäude in Mariupol.
SYNEL / depositphotos
Charkiw, Mitte März: Wiederbelebung, bei der durch Beschuss verletzte Kinder in Charkiw gerettet werden.
Charkiw, Mitte März: Wiederbelebung, bei der durch Beschuss verletzte Kinder in Charkiw gerettet werden.
Fotoreserg / Depositphotos
Ein Kindergarten in Charkiw nach Beschuss.
Ein Kindergarten in Charkiw nach Beschuss.
depositphotos
In diese Wohnung in Charkiw ist eine Rakete gestürzt.
In diese Wohnung in Charkiw ist eine Rakete gestürzt.
Depositphotos
März 2022: Seniorin geht in der Nähe eines Wohnhauses, das nach Beschuss durch die russischen Besatzer in einem Wohngebiet von Charkiw zerstört wurde.
März 2022: Seniorin geht in der Nähe eines Wohnhauses, das nach Beschuss durch die russischen Besatzer in einem Wohngebiet von Charkiw zerstört wurde.
Fotoreserg / Depositphotos
Blick auf ein ziviles Gebäude, das nach einem russischen Raketenangriff auf die Stadt Kiew beschädigt wurde, Ukraine — Foto von  Autor palinchak
Blick auf ein ziviles Gebäude, das nach einem russischen Raketenangriff auf die Stadt Kiew beschädigt wurde, Ukraine — Foto von Autor palinchak
palinchak palinchak / Depositphotos
Ein Wohnblock und Autos nach der Explosion der Grad-Rakete.
Ein Wohnblock und Autos nach der Explosion der Grad-Rakete.
darvik.photography / Depositphotos_554574914
27. Februar 2022, Ukraine, Saporoschje: Militärkrankenhaus erhielt Unterstützung von Einwohnern der Stadt und der regionalen Organisation des Roten Kreuzes. — Foto von Fotoreserg
Militärkrankenhaus erhielt Unterstützung von Einwohnern der Stadt Saporoschje und der regionalen Organisation des Roten Kreuzes.
Fotoreserg / Depositphotos