Corona-Impfpflicht

Weitere Kritik wegen Ausnahmen für bestimmte Patient:innen

Nach der gestrigen Kritik mehrerer Fachärzte-Gesellschaften wegen der Ausnahmen von der Corona-Impfpflicht hat sich am Dienstag Maria Paulke-Korinek, Leiterin der Abteilung Impfwesen im Gesundheitsministerium, im Ö1-„Mittagsjournal“ zu Wort gemeldet. Sie unterstützte die Meinung der Fachärzteschaft, dass eine reduzierte Immunantwort besser als gar keine Impfung sei. Es werde geprüft, welche Änderungen sinnvoll seien, sagte sie zur geforderten Umformulierung der Verordnung.

red/Agenturen

Man sei in ständigem Austausch mit den Juristen und Juristinnen, sagte Paulke-Korinek zur mehrfach kritisierten Verordnung zu den Impfausnahmen, über die sich am Dienstag auch die Österreichische Gesellschaft für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (OEGIT) moniert hat. Sie sei in vielen Punkten „unverständlich und teilweise auch patientengefährdend", hieß es von der OEGIT. Letzter Punkt beziehe sich vor allem auf die Tatsache, „dass u.a. empfohlen wird, Patient:innen mit eingeschränkter Immunantwort oder unter immunsuppressiver Therapie, Patient:innen nach Transplantationen oder mit hämato-onkologischen Erkrankungen von der Impfpflicht zu befreien."

Zu möglichen Befreiungen sagte Paulke-Korinek, dass es tatsächlich Personen gebe, die nicht impfbar seien, etwa unmittelbar nach Organ- oder Stammzellentransplantationen - „Man möchte diesen Personen, es handelt sich um schwerkranke Menschen, das Leben erleichtern, wo es nur möglich ist.“ Jedoch unterstütze sie die Meinung, dass ein reduzierte Immunantwort nach einer Impfung besser sei, als gar keine: „Wenn aus medizinischer Sicht eine Impfung möglich ist, dann soll sie zum ehestmöglichen Zeitpunkt natürlich auch gemacht werden", ein suboptimaler Impfschutz sei besser als gar keiner -und zudem gebe es auch einzelne Fälle, bei denen die Impfung auch ganz gut anspreche.

Die Verwunderung der Fachärzteschaft resultiert aus der Tatsache, dass es bei den Ausnahmen meist um Patient:innen geht, die unter einer immunsuppressiven Therapie stehen. Das ist der Personenkreis, der beim Start der Impfungen noch in der höchsten Prioritätsstufe für eine Impfung stand. Paulke-Korinek meinte dazu, es wäre das individuelle Gespräch mit dem Arzt das Wichtigste zur Beurteilung, der kenne Befunde und Patient:innen.

„Die neue Impfpflicht-Verordnung widerspricht gängigen Empfehlungen für unsere Patient:innen", kritisierten bereits am Montag die Experten der Nephrologie, Rheumatologie, Gastroenterologie und Transplantationsmedizin in einem offenen Brief an Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne). Die Ausnahmegründe seien „aus ärztlicher und wissenschaftlicher Sicht in keinster Weise nachvollziehbar". Auch die OEGIT schließt sich dieser Argumentation nun an, sie werde als Gesellschaft weiterhin für die in der COVID-19-Impfpflichtverordnung genannten Personengruppen, die nachweislich von einer Schutzimpfung gegen SARSCoV-2 profitieren, eine entsprechende Impfempfehlung öffentlich abgeben. „Die jetzige Verordnung wird leider zur einer weiteren Verunsicherung beitragen, die Durchimpfungsrate nicht verbessern und den Impfgegner:innen in die Hand spielen.“ Zudem ersucht die OEGIT um eine Richtigstellung der gefährdenden Empfehlungen zur Impfbefreiung.

„Wir appellieren deswegen an die gesundheitspolitisch Verantwortlichen, diese Verunsicherung auszuräumen", forderten die Gesellschaft für Nephrologie (ÖGN), die Gesellschaft für Rheumatologie und Rehabilitation (ÖGR), die Rheumaliga, Austrotransplant und die Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie (ÖGGH) bereits am Montag. Patient:innen mit einer entzündlich rheumatischen, gastrointestinalen oder nephrologischen Erkrankung bzw. vor oder nach einer Transplantation sollten sich „impfen und auch boostern lassen", so die gestrige Empfehlung. Auch die Leiter der drei Abteilungen für Rheumatologie an den Medizinischen Universitäten Graz, Innsbruck und Wien regierten in einer eigenen Stellungnahme „mit Befremden“ auf die Ausnahmen von der Covid-19-Impfpflicht.

Ausnahmen aus medizinischen Gründen

Grundsätzlich gilt die Impfpflicht für Personen ab 18 Jahren mit Wohnsitz in Österreich. Doch es gibt zahlreiche Ausnahmen, viele davon aufgrund von Vorerkrankungen. Menschen, die mit der Impfung ihre Gesundheit gefährden würden, sind ausgenommen - das ist bei Allergien oder Überempfindlichkeiten gegen einzelne Inhaltsstoffe der Impfstoffe oder bei einem akuten Schub einer schweren inflammatorischen Erkrankung oder Autoimmunerkrankung der Fall. Auch Personen, bei denen eine Corona-Infektion oder eine akute, schwere, fieberhafte Erkrankung bzw. Infektion vorliegt, multimorbide Personen und jene, die an vermuteten schwerwiegenden Impfnebenwirkungen leiden, unterliegen nicht der Impfpflicht.

Kann man bei Menschen aus medizinischen Gründen keine ausreichende Immunantwort auf die Impfung erwarten, sind sie ebenfalls von der Impfpflicht ausgenommen. Solche medizinischen Gründe sind eine Knochenmark- oder Stammzelltransplantation, eine Organtransplantation, eine dauernde Kortisontherapie, eine Immunsuppression oder Therapie mit bestimmten Medikamenten, eine aktive Krebserkrankung, die innerhalb der letzten sechs Monate mit einer Chemo-, Biologika- oder Strahlentherapie behandelt wurde - bei einer metastasierenden Krebserkrankung auch ohne laufende Therapie - und sonstige Zustände, die zu einer vergleichbaren immunologischen Lage führen.

Schwangere bleiben von der Impfpflicht ausgenommen. Für 180 Tage nach der Probenahme entfällt sie außerdem für Personen, die eine bestätigte Covid-Infektion überstanden haben. Die Dauer des Vorliegens eines Ausnahmegrundes wird nicht in die Impfintervalle eingerechnet.

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Personen können aus den unterschiedlichsten medizinischen Gründen von der Impfpflicht ausgenommen sein.
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