Coronakrise

Wie das Coronavirus eine Stadt veränderte

Die Coronavirus-Pandemie hat in Wien zwar tiefe Spuren hinterlassen, aber die Stadt ist bis dato gut durch die Krise gekommen. Das Gesundheitssystem kam nicht ans Limit und bis auf eine Ausnahme entwickelten sich die großen Cluster abseits der Millionenmetropole. Die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen sind allerdings massiv und werden noch lange zu spüren sein.

red/Agenturen

Der erste bestätigte Coronavirus-Fall in Wien wurde am 27. Februar 2020 bekannt gegeben. Dabei handelte es sich um einen 72 Jahre alten Anwalt, der bereits seit mehreren Tagen mit klassischen Grippe-Symptomen in der Klinik Landstraße (früher: Rudolfstiftung) lag. Ein routinemäßiger Covid-19-Test brachte die Infektion schließlich ans Tageslicht.

Mittlerweile haben sich in der Bundeshauptstadt rund 19.164 Personen mit dem Coronavirus infiziert (Stand: Donnerstag: 8.00 Uhr). Dabei wurde zuletzt ein neuer Höchstwert von 613 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden vermeldet. Zur Einordnung: Im September gab es im Schnitt 278 positive Befunde pro Tag. 13.890 Personen sind wieder genesen, 267 Personen hingegen aufgrund einer Coronavirus-Infektion verstorben. Die meisten Ansteckungen in Wien erfolgen in Familien bzw. unter Personen, die in gleichen Haushalten leben oder am Arbeitsplatz.

Aktuell befinden sich rund 250 Covid-Patientinnen und -Patienten in den Spitälern. „Diese Zahl ist seit längerer Zeit in etwa stabil, manchmal steigt sie um zehn Fälle, manchmal sinkt sie um zehn Fälle. Es ist eine ziemlich konstante Wellenbewegung“, erklärte Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ). Während im Frühling die Spitäler auf einen Notbetrieb heruntergefahren wurden, lautet für die kommenden Monate das Ziel, den Vollbetrieb so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Helfen soll dabei ein mehrstufiger Krisenplan, der vorsieht, dass alle Einrichtungen darauf vorbereitet wurden, Corona-Kranke zu behandeln, auch Ordensspitäler. Dadurch konnte die Kapazität auf mehr als 1.000 Corona-Betten erhöht werden.

Tourismusbranche kam zum Erliegen

Zu vermehrter Clusterbildung kam es bis dato in Wien nicht. Für Aufsehen sorgte im Mai der sogenannte Wien-Niederösterreich-Cluster. Im Zentrum standen dabei zwei Post-Standorte, das Postzentrum in Wien-Inzersdorf und das Logistikzentrum im niederösterreichischen Hagenbrunn (Bezirk Korneuburg), an denen Dutzende Beschäftigte erkrankt waren. Schließlich musste gar das Bundesheer ausrücken, um den Betrieb aufrecht zu erhalten.

Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie waren anfangs - wie so vieles - nicht abschätzbar. Mehr als ein halbes Jahr nach dem Ausbruch sind sie da und massiv zu spüren. Seit dem Höhepunkt im April mit 178.725 Arbeitslosen sinken die Zahlen zwar kontinuierlich. Aber: Ende September waren noch 138.706 Personen in Wien ohne Job, das sind um rund 27,9 Prozent mehr als im September des Vorjahres. Mehr als 275.000 Personen befanden sich am Höchststand in Kurzarbeit, aktuell sind es knapp 50.000.

Besonders getroffen hat die Coronakrise laut Arbeitsmarktservice (AMS) Wien die Tourismusbranche, die mehr oder weniger zum Erliegen kam. „Das hat sich seit dem Sommer nicht wirklich geändert, aber unsere Sorge ist, dass es hier noch zu einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit kommt. Wenn zum Beispiel Hotels, die bis jetzt Kurzarbeit in Anspruch genommen haben, plötzlich doch jetzt für sechs Monate schließen, weil es sich nicht lohnt, offen zu halten“, veranschaulichte ein AMS-Sprecher.

Psychische Belastung nimmt zu

Ein Sinnbild für die aktuelle Situation stellt wohl das Hotel Sacher dar - eines der internationalen Aushängeschilder der Branche. Dort wurden zuletzt 140 Mitarbeiter an den Standorten Wien und Salzburg gekündigt. Laut Wiener Wirtschaftskammer hat derzeit fast die Hälfte der Hotels in der Bundeshauptstadt nicht aufgesperrt bzw. es gibt auch Betreiber, die ihre Häuser wegen der ausbleibenden Gäste bereits wieder schließen.

In den kommenden Monaten rechnet das AMS daher mit einer steigenden Arbeitslosigkeit. „Genau zu sagen, wie stark sie sein wird und wen sie am meisten treffen wird, ist schwer, es hängt zum Beispiel auch vom Wetter ab. Ein milder Winter etwa ist gut für die Bauwirtschaft, aber schlecht für den Tourismus im Westen, von dem auch viele Wienerinnen und Wiener leben.“

Auch die Caritas der Erzdiözese Wien bemerkt eine größer gewordene Not. „Viele Menschen, die sich hilfesuchend an die Caritas wenden, waren noch nie zuvor in ihrem Leben auf unsere Hilfe angewiesen. Und neben den materiellen Sorgen, nimmt auch die psychische Belastung vielfach zu.“ Verschiedene Krisenmaßnahmen der Regierung hätten für viele Menschen zumindest vorerst das Schlimmste verhindert.

Der geschäftsführende Caritas-Direktor Klaus Schwertner blickt mit Sorge auf die nächsten Wochen: „Zuletzt ist nicht nur die Zahl der Infektionen wieder gestiegen, auch Meldungen über Insolvenzen und Kündigungen nehmen zu. Wir gehen davon aus, dass wir die Folgen dieser Entwicklung etwa auch in unseren Caritas Sozialberatungs- und in den Lebensmittelausgabestellen spüren werden.“

Prognose: BIP-Rückgang von 7 Prozent

Wie viel die Krise kosten wird, ist noch nicht bezifferbar. Derzeit orientiert sich die Abschätzung der wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Wiener Wirtschaft an den aktuellen Österreich-Prognosen, hieß es im Büro des Wirtschaftsstadtrats Peter Hanke (SPÖ). Dort werde je nach Prognose von einem BIP-Rückgang von minus 7 Prozent ausgegangen.

Bis dato gab es 39 Corona-Maßnahmen in der Stadt, die sich insgesamt auf rund 400 Mio. Euro summieren. Zu den prominentesten Aktionen zählten etwa die Gastro- und Taxigutscheine, oder die Beteiligungsgesellschaft „Stolz auf Wien“, die sich an Unternehmen beteiligt, die in der Coronakrise in Schwierigkeiten geraten sind. Zuletzt wurde ein millionenschweres Konjunkturpaket präsentiert.

Fix ist bereits, dass Corona auf das Budget 2020 Auswirkungen haben wird. Den Prognosen zufolge rechnet die Stadt aktuell in Summe von Mindereinnahmen 780 Mio. Euro. „Von einer Neuverschuldung ist somit auszugehen, in welcher Höhe sich diese einpendelt, ist angesichts der stark schwankenden (monatlich wiederkehrenden) Prognoserechnungen des Finanzministeriums sowie der unklaren wirtschaftlichen Entwicklung noch nicht bezifferbar“, hieß es aus dem Büro von Wirtschafts- und Finanzstadtrat Peter Hanke (SPÖ). Was jedoch hilft: Im Rechnungsabschlussergebnis von 2019 wurden ein Nulldefizit erreicht sowie zusätzlich 750 Mio. Euro an Rücklagen gebildet. „Damit kann die Neuverschuldung jedenfalls abgefedert werden.“ Die Pandemie wird sich auch auf das Budget 2021 niederschlagen.

Gefordert war natürlich in den vergangenen Monaten auch die Politik. Diese schaltete am Anfang der Pandemie auf Krisenmodus - dabei zogen Bund und Wien zunächst demonstrativ an einem Strang. Erst als im Zuge der Ausgangsbeschränkungen auch die Bundesgärten dichtmachten, kam es - wohl auch der Gemeinderatswahl geschuldet - zum Disput. Zwar wurde von den Verantwortlichen wiederholt versichert, dass dies keine Aktion war, um die Bundeshauptstadt zu ärgern, Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) meldete jedoch öffentlichwirksam Zweifel an und drängte vehement auf die Wiedereröffnung - was allerdings nicht sofort geschah.

Konflikt zwischen Bund und Land

Im Lauf der Zeit kam es immer wieder zum Schlagabtausch zwischen Bund und Wien, der härter wurde je näher die Wien-Wahl rückte. Dabei handelt es sich um den ersten großen Urnengang in Österreich seit Ausbruch der Pandemie.

So bekrittelte zunächst der Bund bzw. die ÖVP die Taxigutscheine, die in Wien an Senioren verteilt worden waren, später ging es um die Corona-Bekämpfung. Im Mittelpunkt des Gezänks stand meist Innenminister Karl Nehammer (ÖVP), der scharf gen Wien schoss. In den vergangenen Wochen stand Wien immer wieder in der Kritik, dass zu wenig gegen die hohe Zahl an Neuinfizierungen unternommen wird bzw. dass die Wartezeiten bei der Hotline 1450 und auf die Testung zu lang sind. Zuletzt zeigte sich gar Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) besorgt.

Am gestrigen Donnerstag - vier Tage vor der Wahl - eskalierte der Konflikt zwischen Bund und Wien noch einmal. Da erklärte Hacker den Ausstieg aus dem im Innenministerium angesiedelten Krisenstab und warf dem Innenministerium zugleich vor, mit Falschmeldungen zu operieren. Einige Stunden später klang es dann etwas anders: Nun will Hacker am heutigen Freitag persönlich an der Krisenstabssitzung teilnehmen und versuchen, die Missverständnisse aufzuklären.

Wobei Wien derzeit nicht nur die Wahl in Atem hält, sondern auch der Kampf gegen die hohe Zahl der Neuinfektionen. Dabei wird auch auf durchaus innovative Methoden gesetzt. Mittlerweile bringen etwa Fahrradkuriere die Testkits vor die Haustür, Schulen mit Verdachts- oder bestätigten Fällen werden vom „Cluster Buster Bus“ angesteuert. Zusätzlich wird stetig an neuen Testmethoden geforscht. Bereits im Standard- Einsatz ist der Gurgeltest, eine angenehmere Alternative zum herkömmlichen Rachenabstrich. Außerdem kann er auch von weniger geschultem Personal durchgeführt werden. Derzeit wird an einem Lutscher-Test für Kleinkinder gearbeitet.

Mit einer groß angelegten Gratis-Influenza-Impfaktion soll außerdem die Impfquote von bisher acht Prozent auf 25 Prozent angehoben werden. Die Idee dahinter ist: Wer geimpft ist, erkrankt nicht (schwer) an der Grippe und muss auch nicht ins Spital. Dadurch bleiben die Ressourcen frei für andere schwere Erkrankungen, vor allem für schwere Verläufe mit einer Covid-19-Infektion. Der Run auf die Termine ist jedenfalls sehr groß. Wien ist dabei in einer guten Position: Es hat im Gegensatz zu den anderen Bundesländern mit 400.000 Impfdosen ein relativ hohes Kontingent zur Verfügung, da früh auf den Bedarf im Herbst reagiert worden war.

Wie lange das Coronavirus das Leben und den Alltag in der Stadt weiter beeinflussen wird, dazu gibt es keine Prognosen. Was man weiß: Der erste Wiener Fall, der Anwalt, hat die Coronavirus-Infektion mittlerweile erfolgreich überstanden und ist wieder gesund.

 

Straßenbahn
Zu vermehrter Clusterbildung kam es bis dato in Wien nicht. Für Aufsehen sorgte im Mai der sogenannte Wien-Niederösterreich-Cluster.
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