Coronavirus

Wien-Wahl - Wie das Coronavirus eine Stadt veränderte

Die Coronavirus-Pandemie hat in Wien zwar tiefe Spuren hinterlassen, aber die Stadt ist bis dato gut durch die Krise gekommen. Das Gesundheitssystem kam nicht ans Limit und bis auf eine Ausnahme entwickelten sich die großen Cluster abseits der Millionenmetropole. Die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen waren allerdings massiv und werden noch lange zu spüren sein.

red/Agenturen
„Viele Menschen, die sich in dieser Zeit hilfesuchend an uns gewandt haben, befanden sich schon vor Corona in existenziellen Krisen. Diese Krisen haben sich durch die Pandemie massiv verschärft." Klaus Schwertner, Geschäftsführer der Caritas der Erzdiözese Wien

Der erste bestätigte Coronavirus-Fall in Wien wurde am 27. Februar 2020 bekannt gegeben. Dabei handelte es sich um einen 72 Jahre alten Anwalt, der bereits seit mehreren Tagen mit klassischen Grippe-Symptomen in der Klinik Landstraße (früher: Rudolfstiftung) lag. Ein routinemäßiger Covid-19-Test brachte die Infektion schließlich ans Tageslicht.

Mittlerweile haben sich in der Bundeshauptstadt rund 5.450 Personen mit dem Coronavirus infiziert. Im Juli gab es im Schnitt 39 positive Befunde pro Tag. Rund 4.550 Personen sind wieder genesen. Mehr als 200 Personen sind in Wien aufgrund einer Coronavirus-Infektion verstorben.

Viele Fälle werden in Wien nur deswegen entdeckt, weil eine offensive Teststrategie gefahren wird, wie betont wird. Alle Personen, die direkten Kontakt zu einem Covid-19-Infizierten hatten, werden getestet - egal ob sie Symptome haben oder nicht. Ohne diese Vorgehensweise wären seit Mai 1.700 Fälle unentdeckt geblieben. Die meisten Ansteckungen in Wien erfolgen in Familien bzw. unter Personen, die in gleichen Haushalten leben oder am Arbeitsplatz

Bis dato keine vermehrte Clusterbildung in Wien

Der Höchststand an Hospitalisierungen in Wien wurde am 29. März 2020 mit insgesamt 213 Personen im Spital dokumentiert. 161 Personen lagen in einem Normalbett, 52 Personen auf der Intensivstation. Zum Vergleich: Im Juli befanden sich Tagesschnitt 37 Personen im Krankenhaus, davon benötigten sechs ein Intensivbett. Zum Höhepunkt der Coronakrise standen in Wien mehr als 1.000 Intensivbetten bereit. Bereit stand auch die Messe Wien, die von der Stadt vorübergehend zum Betreuungszentrum für leicht Erkrankte umfunktioniert worden war.

Zu vermehrter Clusterbildung kam es bis dato in Wien nicht. Für Aufsehen sorgte im Mai der sogenannte Wien-Niederösterreich-Cluster. Im Zentrum standen dabei zwei Post-Standorte, das Postzentrum in Wien-Inzersdorf und das Logistikzentrum im niederösterreichischen Hagenbrunn (Bezirk Korneuburg), an denen Dutzende Beschäftigte erkrankt waren. Schließlich musste gar das Bundesheer ausrücken, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Zuletzt wurde ein Cluster rund um die serbisch-orthodoxe Kirche mit zehn erkrankten Personen bekannt, der aber keine größeren Kreise zog.

Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie waren anfangs - wie so vieles - nicht abschätzbar. Fast ein halbes Jahr nach dem Ausbruch sind sie da und massiv zu spüren. Seit dem Höhepunkt im April mit 178.725 Arbeitslosen sinken die Zahlen zwar kontinuierlich. Aber: Ende Juli waren noch 153.174 Personen in Wien ohne Job, das sind um rund 40,6 Prozent mehr als im Juli des Vorjahres. Mehr als 275.000 Personen befanden sich am Höchststand in Kurzarbeit, aktuell sind es knapp 92.000.

Einige Branchen von Krise besonders betroffen

Besonders getroffen hat die Coronakrise laut Arbeitsmarktservice (AMS) Wien die Tourismusbranche samt dem Veranstaltungs- und Kulturbereich. „Der Städtetourismus lebt von der Kongressbranche und vom kulturellen Angebot in der Stadt.“ Ein Lichtblick sei, dass die Arbeitslosenzahlen wieder leicht zurückgehen, aber: „Natürlich sind wir noch nicht dort, wo wir vor der Krise waren. Diese Normalität, die wir kannten, wird es doch noch eine Weile nicht geben“, prognostizierte eine AMS-Sprecherin.

Bestätigt werden die AMS-Zahlen durch die monatlichen Statistiken des Wien-Tourismus. Im April und Mai gab es nahezu einen Totalausfall in der Hotellerie. Auch nach dem Auslaufen des Betretungsverbotes für Beherbergungsbetriebe zu touristischen Zwecken mit Ende Mai ist der Städtetourismus im Juni nur äußerst schleppend angelaufen.

Gestiegen ist in den vergangenen Monaten auch die Zahl der Mindestsicherungsbezieher. Von März und auf Juli betrug das Plus 3,1 Prozent. Im Juli bezogen 133.599 Menschen die finanzielle Unterstützung. Das sind um 5.832 mehr als im Jahr davon (plus 4,6 Prozent). Auf den ersten Blick vermag der Anstieg nicht dramatisch wirken, aber: Die Coronakrise hat die Saisonalität, die neben dem Arbeitsmarkt auch auf die Mindestsicherung Einfluss hat, außer Kraft gesetzt.

Normalerweise fallen einige Bezieher um diese Zeit aus der Mindestsicherung, da sie saisonale Jobs in der Gastronomie, am Bau oder im Tourismus annehmen. Das ist aktuell nicht der Fall: „Wir kriegen die Leute derzeit schwerer aus der Mindestsicherung raus, weil es die Jobs derzeit in zu geringem Ausmaß gibt, als dass sie diese annehmen und so aus der Mindestsicherung rauskommen könnten“, erklärte ein Sprecher von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ).

Existenzielle Krisen haben sich weiter verschärft

Auch die Caritas Wien bemerkt eine größer gewordene Not. „Viele Menschen, die sich in dieser Zeit hilfesuchend an uns gewandt haben, befanden sich schon vor Corona in existenziellen Krisen. Diese Krisen haben sich durch die Pandemie massiv verschärft. Aber auch Menschen, die bisher noch nicht auf die Hilfe der Caritas angewiesen waren, meldeten sich bei uns.“ Vor allem die Sozialberatungsstellen (aber nicht nur) haben alle Hände voll zu tun, um den Menschen in ihrer Not zu helfen.

Häufige Themen in den Gesprächen sind ausstehende Mietkosten, zu wenig Geld für Lebensmittel und zu lange Wartezeiten auf zu geringe staatliche Unterstützungsleistung. „Aktuell fragen immer noch viele Menschen bei uns an, die sich sonst nicht an die Caritas gewandt hätten: Künstlerinnen und Künstler, Selbstständige und Menschen, die gekündigt wurden und gehofft hatten, nach dem Lockdown ihren Job wieder zu bekommen. Derzeit bekommen wir zudem in Hinblick auf den bevorstehenden Schulstart und die damit verbundenen Ausgaben vermehrt Anfragen“, erzählte Generalsekretär Klaus Schwertner.

Bund versus Wien

Gefordert war natürlich auch die Politik. Diese schaltete am Anfang der Pandemie auf Krisenmodus - dabei zogen Bund und Wien zunächst demonstrativ an einem Strang. Erst als im Zuge der Ausgangsbeschränkungen auch die Bundesgärten dichtmachten, kam es - wohl auch der Gemeinderatswahl am 11. Oktober geschuldet - zum Disput. Zwar wurde von den Verantwortlichen wiederholt versichert, dass dies keine Aktion war, um die Bundeshauptstadt zu ärgern, Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) meldete jedoch öffentlichwirksam Zweifel an und drängte vehement auf die Wiedereröffnung - was allerdings nicht sofort geschah.

Dann wiederum bekrittelte der Bund bzw. die ÖVP die Taxigutscheine, die in Wien an Senioren verteilt worden waren, später ging es um die Corona-Bekämpfung. Im Mittelpunkt des Gezänks stand meist Innenminister Karl Nehammer (ÖVP), der scharf gen Wien schoss. Schließlich wurde es Ludwig zu viel und er forderte von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) gar einen Ordnungsruf. Als Streitschlichter versuchte sich unterdessen Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne). Er lobte die Gesundheitsbehörden in Wien ausdrücklich.

Welche Auswirkungen die Coronakrise schlussendlich haben wird, kann heute noch niemand sagen. Wie viel sie kosten wird, auch nicht. In Wien haben Stadt und Wirtschaftskammer gemeinsam ein Corona-Hilfspaket in der Höhe von 150 Mio. Euro geschnürt, um die Wirtschaft sowie die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu stützen. So gab es Gastro- und eben die kritisierten Taxi-Gutscheine, eine Home-Office-Förderung, ein Ausbildungspaket oder eine Bürgschaftsaktion.

Ebenfalls ins Leben gerufen wurde die Beteiligungsgesellschaft „Stolz auf Wien“, die sich an Unternehmen beteiligen wird, die in der Coronakrise in Schwierigkeiten geraten sind. Aktuell wird mit 20 Firmen über einen Einstieg verhandelt. Details zu den Ergebnissen sollen im September präsentiert werden.

Stadt konnte „wichtige Rücklagen“ aufbauen

Wie sich die Coronakrise auf das Stadtbudget 2021 auswirkt, ist offen. Dass Wien ein Jahr früher als geplant ausgeglichen bilanziert und ein Nulldefizit erreicht hat, erleichtert die Lage etwas. „Rechtzeitig vor der aktuellen Corona-Krise konnten wir wichtige Rücklagen in der Höhe von über 700 Mio. Euro aufbauen, um genau für Situationen wie diese Vorsorge zu treffen. Das wird uns helfen, die Zeit nach Corona besser zu bewältigen“, sagte ein Sprecher von Wirtschaftsstadtrat Peter Hanke (SPÖ).

Derzeit werden Vorbereitungen für den Herbst getroffen, wo ein Anstieg an Infektionsfällen erwartet wird. So wurden beispielsweise die Abläufe in Kindergärten und Schulen verbessert. Wenn ein Kindergartenkind bzw. eine Schüler ein Verdachtsfall ist, wird die Kindergartengruppe bzw. die Schulklasse nicht sofort isoliert, wie das zuvor der Fall war. Erst, wenn das Kind ein bestätigter Fall ist, wird die Maßnahmenkette in Gang gesetzt.

Ein weiteres großes Thema im Herbst wird das Impfen sein. Eine groß angelegte Gratis-Influenza-Impfaktion ist geplant, mit dem Ziel, die Impfquote von bisher acht Prozent auf 25 Prozent anzuheben. „Ziel ist einerseits, dass das Immunsystem der Leute gestärkt ist, denn eine Doppelbelastung von Influenza und Covid-19 ist recht schlimm. Und andererseits können wir in der Diagnostik ein bisschen besser unterscheiden, ob es eher Influenza oder eher Covid-19 ist“, erklärte der Hacker-Sprecher.

Wie lange das Coronavirus das Leben und den Alltag in der Stadt weiter beeinflussen wird, dazu gibt es keine Prognosen. Was man weiß: Der erste Wiener Fall, der Anwalt, hat die Coronavirus-Infektion mittlerweile erfolgreich überstanden und ist wieder gesund.

 

 

Stadt Wien Rathaus Heldenplatz Reiterdenkmal
Wien schaffte es bis dato gut durch die Pandemie - auch größere Cluster gibt es kaum.
Pixabay