Coronakrise

Wochentagsamnesie als Indikator für psychische Gesundheit

Der Lockdown im Frühjahr hat bei vielen Menschen zu verändertem Zeitempfinden geführt. Bei einem Teil ist der unerwartete und ungewohnte Strukturverlust mit einer „Wochentagsamnesie“ einhergegangen, zeigt ein Blog-Beitrag zum Austrian Corona Panel Project der Uni Wien. Demnach hat im April ein Drittel der Österreicher manchmal den Wochentag vergessen. Am stärksten von dem Phänomen betroffen waren Schüler und Studenten, unter ihnen hatten 61 Prozent „Wochentagsamnesie“.

red/Agenturen

Was als scheinbar harmlose Beobachtung daherkommt, könnte laut dem Forscherteam um Jakob-Moritz Eberl einen „durchaus ernstzunehmenden Kern“ haben: Der Verlust gefühlter Zeitstruktur gehe nämlich auf Dauer oft mit Gefühlen der Passivität und Resignation einher. „So muss die 'Wochentagsamnesie' auch als ein Indikator für die psychische Gesundheit der Bevölkerung gesehen werden.“

Wie andere Symptome der Pandemie trifft auch die „Wochentagsamnesie“ nicht alle Bevölkerungsgruppen gleich: Neben Schülern und Studenten, unter denen sechs von zehn bei der Befragung während des ersten Lockdowns Anfang April manchmal den Wochentag vergaßen, waren auch Arbeitslose mit 40 Prozent besonders stark betroffen. Unter Pensionisten waren es allen Vorurteilen über Vergesslichkeit zum Trotz nur 24 Prozent - so wenig wie in keiner anderen Gruppe. Keine Unterschiede gab es wider Erwarten beim gefühlten Verlust der Zeitstruktur zwischen Befragten, die im Homeoffice waren, und jenen, die normal ihrer Arbeit nachgehen konnten (28 bzw. 29 Prozent). Menschen in Kurzarbeit litten mit 34 Prozent etwas öfter an „Wochentagsamnesie“.

Parallel zur (vorübergehenden) Lockerung der strengen Corona-Maßnahmen (Ausgangssperren, Schließung von Bildungseinrichtungen, Einschränkungen bei Freizeitaktivitäten) hat die „Wochentagsamnesie“ dann wieder drastisch abgenommen, zeigen die Daten des Austrian Corona Panel Projects, für das seit März 1.500 Personen regelmäßig befragt werden. Über die gesamte Bevölkerung waren im April 33 Prozent betroffen, im Oktober waren es nur noch zwölf. Bei Schülern und Studenten sank der Wert von 61 auf 25 Prozent, unter Arbeitslosen von 40 auf 30 Prozent, unter Pensionisten von 24 auf acht Prozent. Für die Forscher ist angesichts dieser parallelen Entwicklung von Corona-Maßnahmen und „Wochentagsamnesie“-Betroffenheit allerdings auch „davon auszugehen, dass mit der Wiedereinführung strengerer Maßnahmen und abermaliger Einschränkungen im Freizeitbereich auch wieder ein verändertes Zeitempfinden vermehrt auftreten kann“.