Coronavirus

Zahl der Lungentransplantationen steigt

Covid-19 vergrößert die Zahl der eventuell für eine Lungentransplantation infrage kommenden Patienten. „Im Durchschnitt führen wir pro Jahr etwa hundert Eingriffe durch. Seit Beginn der Pandemie haben wir bereits 75 Anfragen bekommen. 13 Patienten konnten transplantiert werden, zwölf davon sind am Leben“, sagte jetzt Konrad Hötzenecker von der Wiener Universitätsklinik für Thoraxchirurgie (MedUni/AKH). Mit Long-Covid müsse man auch langfristig mit mehr Patienten rechnen.

red/Agenturen

An der MedUni Wien wurde in den vergangenen 20 Jahren eines der weltweit größten Zentren für Lungentransplantationen aufgebaut. Dies erfolgte unter der Leitung von Walter Klepetko. Seit Anfang 2021 ist die ehemalige klinische Abteilung neu als Universitätsklinik für Thoraxchirurgie organisiert. Die Leitung der Klinik hat Konrad Hötzenecker übernommen. Die Uni-Klinik ist durch die Covid-19-Pandemie als möglicher Rettungsanker für Patienten mit schwersten Lungenschäden, die ein Überleben unwahrscheinlich machen, mit großen Herausforderungen konfrontiert.

Hötzenecker schilderte die gegenwärtige Situation: „Die Anfragen bezüglich einer möglichen Lungentransplantationen kommen zu rund 90 Prozent wegen Patienten, die schon mehrere Wochen auf die ECMO angewiesen sind.“ ECMO, das ist die extracorporale Membran-Oxygenierung, bei welcher Kranken mit schwerstem Lungenversagen, bei denen auch Intubation und maschinelle Beatmung nicht mehr ausreicht, über eine „Lungenmaschine“ die Sauerstoffversorgung gewährleistet wird. Der venöse Blutstrom wird abgeleitet und in dem Gerät mit Sauerstoff angereichert. Die Behandlungsform ist extrem aufwendig. An der MedUni Wien wurden die ECMO-Kapazitäten wegen der Covid-19-Pandemie stark ausgeweitet. Der Thoraxchirurg: „Es gibt allerdings viele Patienten, deren Lungenschäden so ausgedehnt sind, dass sie nicht mehr von der ECMO wegkommen. Für sie ist eine Transplantation alternativlos.“

Weltweit wurde bisher nur von rund 50 Lungentransplantationen bei Patienten nach schwersten Covid-19-Erkrankungen berichtet. Das Wiener Zentrum ist von Anfang an ganz vorn dabei. Im Mai vergangenen Jahres konnte die Abteilung von der ersten Covid-19-Lungentransplantation in Europa berichten. Hötzenecker über die Entwicklung und die Zahlen im Detail: „Dieser Fall hat international riesiges Aufsehen erregt. Wir bekamen Anfragen von Kollegen aus vielen Ländern der Welt. Bis heute wurden uns 75 Patienten aus Österreich für eine mögliche Lungentransplantation vorgestellt. Wir haben 13 Patienten transplantiert. Sehr erfreulich ist, dass zwölf dieser Patienten am Leben sind. Zwei Kranke sind derzeit für einen solchen Eingriff 'gelistet', neun weitere werden evaluiert. 40 Patienten mussten wir ablehnen. Sie sind gestorben.“

Covid ließ Transplantationen in die Höhe schnellen

Infrage kommen ausschließlich Kranke, bei denen ihr Gesamtzustand eine erfolgreiche Lungentransplantation mit langfristigen Überlebenschancen erwarten lässt - deshalb die vielen Ablehnungen. Die Beurteilung erfolgt nach strikten Kriterien. Das gilt auch für die Reihung. Der Thoraxchirurg: „In der Transplantationsmedizin ist es so, dass derjenige, der den Eingriff am dringendsten benötigt, in der Liste ganz nach oben kommt.“

Covid-19 hat jedenfalls die Art der Patienten, welche derzeit dringend auf eine Lungentransplantation warten, geändert. Hötzenecker: „In der Vergangenheit hatten wir zwar auch gelegentlich Patienten mit akutem respiratorischem Lungenversagen (ARDS; Anm.), zum Beispiel nach einer Influenza. Aber sonst waren es vor allem Patienten mit Lungenemphysem, zystischer Fibrose oder idiopathischer Lungenfibrose.“ Somit bestand der Großteil der Lungentransplantierten aus Kranken mit chronischen Lungenerkrankungen. Covid-19 ließ sozusagen den akuten Bedarf an Transplantationen in die Höhe schnellen. Die Betroffenen kommen ins Spital, werden zunächst nicht-invasiv beatmet. Dann kommt die Verlegung in die Intensivstation mit Intubation und maschineller Beatmung - und schließlich die ECMO.

Der Thoraxchirurg: „Das Krankheitsbild der Patienten, die nicht mehr von der ECMO wegkommen, ist sprichwörtlich apokalyptisch. Oft kommt es zu zusätzlichen bakteriellen Infektionen der Lunge mit Abszessbildung. Wir sehen massive Vernarbungen, bei denen das Lungengewebe immer dichter und fester wird.“

Freilich, es könnte durchaus sein, dass der bisherige Bedarf für Lungentransplantationen nach akuten Covid-19-Erkrankungen nur die Spitze eines Eisberges ist. Hötzenecker: „Wir schätzen jetzt schon, dass wir in Wien in diesem Jahr auf etwa 120 Transplantationen kommen werden. Wahrscheinlich werden wir in Zukunft vermehrt Patienten sehen, die ihre schwere Akuterkrankung überstanden haben, bei denen aber zum Beispiel eine aufgetretene Lungenfibrose längerfristig fortschreitet.“

Die Größe des Zentrums an der Wiener Universitätsklinik und die jahrzehntelange Erfahrung der Wiener Spezialisten haben bei allen Herausforderungen einen anhaltend positiven Effekt, wie der Experte erklärte: „Bisher können wir auch jene Patienten versorgen, die aus anderen Gründen als Covid-19 eine Lungentransplantation dringend benötigen.“ Etwas längere Wartezeiten gebe es höchstens bei einigen wenigen Patienten mit niedriger Priorisierung.