Neurologie
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Reha für den Vagusnerv

High-Tech-Hilfsmittel werden in der Rehabilitation immer wichtiger. In Zukunft könnte das auch bei Lähmungserscheinungen nach einem Gehirnschlag der Fall sein. In einer beim Welt-Schlaganfall-Kongress 2020 (Online) und vor kurzem im „Lancet“ in Endfassung publizierten Placebo-kontrollierten Studie konnte ein sehr positiver Effekt mit einem „Vagus-Nerven-Schrittmacher“ bei Armlähmungen belegt werden.

red/Agenturen

Viele Patienten mit Schlaganfall tragen langfristig Behinderungen davon. Häufig von diesen Einschränkungen betroffen ist die Hand- bzw. Armfunktion im Rahmen halbseitig auftretender „Ausfälle“. Den Effekt von Rehabilitationsmaßnahmen mit gezieltem Bewegungstraining kann offenbar eine zusätzliche elektrische Stimulation des Vagus-Nerven (VNS) mit einer Art Schrittmacher erhöhen.

In der Studie (Phase III) von Jesse Dawson (University of Glasgow/UK) und US-Wissenschaftern wurde die Wirksamkeit einer Kombination von physischen Rehabilitationsmaßnahmen und der Anwendung der VNS-Technik über ein implantiertes Gerät untersucht. Insgesamt wurden 108 Patienten nach Schlaganfall und moderater bis schwerer Beeinträchtigung der Funktion von Arm bzw. Hand in die Untersuchung aufgenommen. Sie hatten im Mittel bereits drei Jahre zuvor einen ischämischen Schlaganfall erlitten. Alle erhielten einen Stimulationsgenerator implantiert. Das Sondenende des Geräts wird nach einem Hautschnitt im Halsbereich im Bereich des Schildknorpels um den Vagusnerven geschlungen. Das Steuermodul - es ähnelt einem Herzschrittmacher - wird beim Brustmuskel implantiert.

Bei 53 der Probanden erfolgte eine echte VNS-Therapie plus sechs Wochen stationäre Rehabilitation (im Anschluss dann auch Training zu Hause). Bei 55 der Patienten erfolgte keine wirksame VNS (Kontrollgruppe), es kam zu keinen Stimulationsimpulsen. Die Aufnahme in die beiden Gruppen war randomisiert (Zufallsprinzip). Weder Patient, noch Arzt noch Auswerter der Ergebnisse kannten die Zuteilung zu den beiden Gruppen.

Kombination aus Stimulation und Übungen

Das primäre Kriterium war die Funktion der von der Beeinträchtigung betroffenen oberen Extremität (Hand/Arm) am ersten Tag nach dem Ende des stationären Reha-Programms nach dem sogenannten Fugl-Meyer Assessment Upper Extremity Score (FMA-UE; Skala mit Werten von 0/keine Funktion bis 66/volle Funktion).

Die zusätzliche Vagus-Nerven-Stimulation zeigte einen statistisch hoch signifikanten positiven Effekt. Der mittlere FMA-UE-Score erhöhte sich bei den Patienten unter Rehabilitation plus VNS innerhalb von sechs Wochen und 18 Anwendungen im Mittel um 5,0 Punkte, in der Kontrollgruppe stieg der Score im Mittel um 2,4 Punkte (p=0,001).

Auch 90 Tage nach Beendigung der stationär erfolgten Rehabilitationsbehandlung zeigten 47 Prozent der Patienten mit VNS eine klinisch relevante bessere Funktion der betroffenen unteren Extremität. In der Kontrollgruppe war dies bei 24 Prozent der Fall. Auch dieser Unterschied war statistisch signifikant.

Die Studie erfolgte mit Unterstützung des US-Herstellers der Geräte (MicroTransponder; Austin/Texas) an 20 spezialisierten Zentren in Großbritannien und den USA. Das Gerät kann per Fernbedienung gestartet werden und gibt dann leichte elektrische Impulse an den Nerven ab. Die dadurch ausgelösten Signale des Vagus-Nerven in das Gehirn sollen die Plastizität des Gehirns fördern und dem Patienten helfen, seine motorischen Fähigkeiten zu verbessern.

„Die Wirkung wurde in tierexperimentellen Studien auf die vermehrte Freisetzung von Neurotransmittern im Gehirn zurückgeführt, die die Verknüpfung neuer Nervenverbindungen fördern. Wichtig war dabei, dass die Vagusnervstimulation mit Rehaübungen kombiniert wird“, schrieb das deutsche Ärzteblatt vor kurzem zu den wissenschaftlichen Ergebnissen. Die Studie soll die Basis für eine Zulassung des Gerätes bilden. International arbeiten offenbar einige Unternehmen an derartigen Systemen.

 

 
© medinlive | 28.09.2021 | Link: https://www.medinlive.at/index.php/wissenschaft/reha-fuer-den-vagusnerv