Coronavirus

Anschober zu Coronakrise: "Es ist absolut noch nicht vorbei"

Österreich und Deutschland befinden sich derzeit in Sachen Coronavirus in einer guten Situation. Doch die Pandemie sei nicht vorbei. Jetzt gehe es darum, ein neuerliches größeres Aufflackern der Erkrankungen zu verhindern, erklärten Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) und Experten, unter ihnen der Berliner Virologe Christan Drosten, Mittwoch in Wien.

red/Agenturen

„Die Zahlen sind sehr gut. Es ist aber absolut nicht vorbei. Wir hatten in den letzten 24 Stunden 14 Neuinfektionen zu verzeichnen. Wir haben 417 aktuell Erkrankte. 71 befinden sich in Spitälern, nur mehr elf in intensivmedizinischer Behandlung“, fasste Anschober die Situation in Österreich bei der Pressekonferenz zusammen.

Ausschlaggebend für die positive Entwicklung seien die frühen und schnellen Maßnahmen in Ländern wie Österreich und Deutschland gewesen, betonten der Minister und der per Video zugeschaltete Berliner Virologe. „Wir haben den Lockdown mit 16. März beschlossen. Das war die richtige Maßnahme zur richten Zeit. Nur eine Woche später hätte es eine Vervierfachung der Erkrankungen gegeben“, sagte der Gesundheitsminister. Drosten fügte hinzu: „Wichtig war die Kompetenz, dass schnell reagiert wurde. Wir waren in der Lage, die Situation schnell zu erfassen. Wir haben gemerkt, was los ist.“ Jetzt sei man in der Lage, „dass uns das Virus nicht mehr auffällt“.

Allerdings müsse man die Lage rund um das Coronavirus jetzt längerfristig unter Kontrolle halten. Anschober: „Wir stehen vor großen Herausforderungen. Wir müssen vermeiden, dass aus einer Sinuskurve wieder eine exponentielle Kurve wird.“ Wenn die Situation aus dem Ruder laufe, werde es rasch sehr schwer, die Erkrankungsraten wieder zu senken.

Prekäre Lebenssituationen als Risiko

Weder der Berliner Virologe Christian Drosten noch die Wiener Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl gaben eine einfache Definition als Kriterium für eine befürchtete „zweite Welle“ der SARS-CoV-2-Pandemie. Am ehesten sei darunter eine rasante Zunahme von Infektionen bzw. Erkrankungen zu verstehen, welche die Kontrollmechanismen inklusive des Contact Tracing und der Quarantänemaßnahmen überfordere.

Doch es existieren in Österreich und Deutschland weiterhin soziale Risikofaktoren. „Wir sehen, dass Teile der Gesellschaft schlecht zu erreichen sind und zum Opfer (der Pandemie; Anm.) werden“, sagte Drosten. Prekäre Lebensverhältnisse seien hier oft entscheidend. Elisabeth Puchhammer-Stöckl (MedUni Wien) betonte: „Es ist nicht ein Cluster oder drei Cluster.“ Man müsse die Virusaktivität in der Bevölkerung generell auf möglichst niedrigem Niveau halten.

Um die Situation unter Kontrolle zu halten, wird laut Ressortchef Rudolf Anschober an einer breiten Teststrategie für die kommenden Monate gearbeitet, die Anfang Juli wirksam werden soll. Vieles ist nämlich bezüglich der Verbreitung und der Dynamik der SARS-CoV-2-Pandemie noch unklar. „Vielleicht ist das alles kein 'Sommereffekt'. Wir wissen nicht, was im Hintergrund passiert“, sagte Drosten zur gegenwärtigen Situation.

Pandemie enormer Lernprozess im Gesundheitswesen

Die Nachrichten über den Anstieg von Covid-19-Erkrankungen in Peking schätzt der Berliner Experte zurückhaltend ein: „Ich sehe die Situation in China nicht als zweite Welle.“ Viel beunruhigender sei die Lage derzeit in den US-Staaten. Einige hätten strikte Maßnahmen aufrechterhalten, andere zu früh den Lockdown beendet: „Wir haben in den USA eine Situation, die verzweifelt ausschaut in einzelnen Bundesstaaten.“

Insgesamt sei die Pandemie auch in Österreich ein enormer Lernprozess im Gesundheitswesen, betonte Herwig Ostermann, Chef der Gesundheit Österreich (GÖG): „Wir können jetzt 14 Tage in die Zukunft schauen.“ Mit einer Genauigkeit von 97,5 Prozent könne man mittlerweile in Österreich den Verlauf der Pandemie bzw. der notwendigen Behandlungskapazitäten inklusive der Intensivbetten vorhersagen und vorplanen.

Anschober zog eine sehr positive Bilanz über die bisher erfolgten Öffnungsschritte nach dem Lockdown: „Wir haben am 14. April mit der Öffnung begonnen. Alle 14 Tage erfolgte ein weiterer Schritt. Bisher haben wir keine negativen Auswirkungen. Das ist für mich schon sehr überraschend gewesen.“

Ein zweiter genereller Lockdown sei zu verhindern, betonte der Minister. Man werde im Fall des Falles regional und temporär die geeigneten Maßnahmen treffen, um die Lage unter Kontrolle zu halten. Schwierig könnte die Situation allerdings im kommenden Herbst werden, wenn - jahreszeitlich bedingt - wieder „alle möglichen“ banalen respiratorischen Virusinfekte mit ähnliche Symptomen wie SARS-CoV-2 häufiger werden.

Am 17. April 2020 fand ein Pressestatement zu den Maßnahmen gegen die Krise im Bundeskanzleramt statt. Im Bild Gesundheitsminister Rudolf Anschober.
Laut Gesundheitsminister Rudolf Anschober sollen bereits im Jänner oder Februar erste Personen gegen das Coronavirus geimpft werden, wenn man zuvor bis zum Jahreswechsel 600.000 Impfdosen für 300.000 Menschen erhalten würde.
BKA / Andy Wenzel
 
© medinlive | 25.10.2020 | Link: https://www.medinlive.at/index.php/gesundheitspolitik/anschober-zu-coronakrise-es-ist-absolut-noch-nicht-vorbei