Corona in den Medien
Corona in den Medien

„Normalität lässt sich nicht erzwingen!"

Die Auswirkungen der Coronakrise sind weltweit spürbar und die Politik hat ganz unterschiedliche Wege gefunden, damit umzugehen. So preschte die USA bei den Lockerungen vor und kämpft nun mit hohen Neuinfektionsraten, während Großbritannien lange strenge Maßnahmen – die für viele zu spät kamen – umsetzte. Was europäische Zeitungen über die politischen Auswirkungen der Coronakrise berichten.

red/Agenturen

„Le Parisien“

„Mit Covid-19 leben lernen: Diese Warnung, die am Ende der Ausgangssperre ausgesprochen wurde, wird nun Realität. (...) Bevor man ein Flugzeugticket kauft, muss man Nachforschungen über die gesundheitlichen Regeln des Ziellandes anstellen. Im Verlauf der Tage erfährt man, dass diese Schule in Frankreich oder jenes Bundesland in Deutschland einen Teil-Lockdown einleiten muss. Die Regierung lockert die Abstandsregeln in der Arbeit und es wird sich der Kopf darüber zerbrochen, wie die Rückkehr ins Büro organisiert werden kann. Damit leben lernen. (...) Während man auf die Impfung wartet, deren Markteinführungsdatum noch unklar ist, muss man mit dem Virus auskommen und akzeptieren, dass man dieses Risiko eingehen muss, wenn man den normalen Lebensgang wieder aufnehmen will.“

„Neue Zürcher Zeitung“

„Gut vier Monate vor der Wahl will der Präsident signalisieren, das Schlimmste sei überstanden. In Oklahoma und Arizona hielt er in den letzten Tagen Wahlveranstaltungen ab, obwohl die Zahlen der Neuinfektionen in beiden Gliedstaaten dramatisch ansteigen. (...) Doch die Normalität lässt sich nicht erzwingen, wenn sich gleichzeitig die Spitäler wieder füllen. In Oklahoma zeigte sich dies, als Präsident Trump in einem halbleeren Stadion vor seine Fans treten musste. Das lässt sich kaum mit einem Streich jugendlicher Tiktok-Nutzer erklären, sondern wohl eher mit der auch in konservativen Kreisen verbreiteten Furcht vor einer Ansteckung in Massenansammlungen.

Ausgerechnet die Gouverneure von Texas, Florida und Arizona widersprachen dem Präsidenten am Dienstag indirekt, indem sie eindringlich zu Abstandhalten und Maskentragen aufriefen. So könnte sich die von Trump verbreitete Aufbruchstimmung mittelfristig als kontraproduktiv erweisen, wenn zu schnelle Lockerungen die Gliedstaaten zur Rückkehr in den Ausnahmezustand zwingen - ganz besonders unmittelbar vor der Wahl.“

„Times“ (London)

„Ihre Aufgabe würde darin bestehen, Pandemien vorherzusehen und Regierungen bei der Bekämpfung neuer Krankheitserreger zu beraten. Dieser Plan verdient Unterstützung und die Regierung von Boris Johnson würde gut daran tun, sich dafür einzusetzen. Der Mangel an Vorbereitung auf die gegenwärtige Coronavirus-Krise sollte Politikern die Notwendigkeit klarmachen, besser auf die nächste Krise vorbereitet zu sein. Und es sicher, dass die nächste Krise kommen wird. (...)

Die WHO hat nur langsam auf das Coronavirus reagiert. Ihre Leistungsfähigkeit wurde durch Chinas Bemühungen beeinträchtigt, das Problem zu verschleiern und Schuld abzuwälzen. Eine Organisation, die nicht politisch beeinflusst, mit einem einzigen Thema befasst und von der Wissenschaft statt von Realpolitik getrieben ist, könnte einen Unterschied machen. Die Welt ständig auf neu entstehende Viren abzusuchen, könnte in den kommenden Jahrzehnten Millionen von Menschenleben retten.“

„Diena“ (Riga)

„Natürlich arbeitet sowohl im öffentlichen Sektor als auch im Wirtschaftsumfeld eine Vielzahl unterschiedlicher Menschen - es gibt verantwortungsbewusste Beamte wie auch leichtfertig agierende Unternehmer. Unbestreitbar ist die Coronavirus-Krise eine große Herausforderung für alle. In dieser Krise könnten der öffentliche und der private Sektor jedoch endlich zusammenarbeiten, statt sich wie zwei kriegführende Armeen zu verhalten. Wenn viele Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit einstellen, werden die Steuerzahlungen sinken und dies könnte auch Vergütung der Beschäftigten im öffentlichen Sektor gefährden. Selbst die Fans von Bürokratie sollten das verstehen!“

„Pravda“ (Bratislava)

„Als Anfang Juni die epidemiologischen Maßnahmen gelockert wurden, atmeten die Menschen auf. Drei Monate strenger Quarantäne erschienen vielen furchtbar lang. Es wäre aber nichts falscher als zu glauben, nun sei alles überstanden. Da wir ja keinen Impfstoff gegen Covid-19 haben, ist noch nichts gewonnen.

In der Slowakei haben wir die Pandemie zwar bisher außerordentlich gut bewältigt, doch sollten wir im Auge behalten, dass es in mehreren europäischen Ländern wieder einen Anstieg der Infektionen gibt. Ähnliche Covid-19-Hotspots wie in Gütersloh (...) gibt es in Europa mehrere. Und da die Grenzen wieder offen sind, besteht natürlich die Gefahr, dass jemand eine Ansteckung auch zu uns einschleppt. Dann wäre alle bisherige Mühe vergeblich gewesen. (...)

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand aus dem Urlaub eine Infektion als unerwünschtes Souvenir mit nach Hause bringt, ist sehr hoch. Allein schon weil im bevorzugten slowakischen Urlaubsziel Kroatien die deutschen Touristen dominieren und Deutschland ja nach Spanien und Italien die höchsten Covid-19-Infektionszahlen in Europa aufweist.“

Zeitungen
„Die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand aus dem Urlaub eine Infektion als unerwünschtes Souvenir mit nach Hause bringt, ist sehr hoch." warnt die slowakische „Pravda" vor den Folgen der Reisefreiheit.
pixabay congerdesign
 
© medinlive | 23.10.2020 | Link: https://www.medinlive.at/index.php/gesellschaft/normalitaet-laesst-sich-nicht-erzwingen