Impfung

Philosophin warnt bei „Grünem Pass“ vor falschen Signalen

Die Innsbrucker Philosophin Marie-Luise Frick warnt vor Schnellschüssen, was Privilegien für gegen Covid-19-Geimpfte, Genesene und Getestete betrifft. Über Impfprivilegien müsse nicht nur aus rechtlicher, sondern auch aus ethischer Perspektive diskutiert werden. Bevor nicht wissenschaftlich bewiesen sei, dass die verwendeten Impfstoffe vor der Ansteckung anderer schützen, würde man mit Impfprivilegien riskieren, „falsche Signale“ zu senden, meinte Frick im APA-Interview.

red/Agenturen

Es gäbe noch viel Klärungsbedarf, so die auf Rechtsphilosophie und Ethik spezialisierte Professorin. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hatte Ende Februar im APA-Interview angekündigt, dass eine Entscheidung über Impfprivilegien nicht vor April fallen würde. Freiheit aus der Spritze? So einfach sei das jedenfalls nicht, stellte Frick klar. Auch wie lange der Schutz durch Impfungen anhält, sei noch nicht geklärt. Studien der zugelassenen Impfstoffe würden „schließlich noch laufen", war die Philosophin der Meinung.

Damit teile sie die Bedenken des Deutschen Ethikrats, der im Jänner 2021 in einer Pressemitteilung betonte, dass sich „zum gegenwärtigen Zeitpunkt“ die „individuelle Rücknahme staatlicher Freiheitsbeschränkungen“ schon allein deshalb verbiete, „weil die Möglichkeit einer Weiterverbreitung des Virus durch Geimpfte nicht hinreichend sicher ausgeschlossen werden kann".

Im geplanten EU-Entwurf seien Privilegien nicht nur für Geimpfte, sondern auch für Genesene und Getestete vorgesehen, bezog sich Frick auf die aktuellen Debatten. Letztere sah sie als eine „benachteiligte Gruppe", da der „Grüne Pass“ für getestete Personen „nur für Tage gültig sein dürfte".

Der Entwurf werfe jedenfalls „eine Vielzahl an Fragen“ auf. Vor allem müsse man „die Aussagekraft“ eines „Grünen Passes“ bedenken. Sie fürchte, dass hier etwa Anreize gesetzt werden könnten, die Menschen dazu animieren könnten, sich anstecken zu lassen, um dann - zumindest über einen gewissen Zeitraum - mehr Freiheiten zu genießen. „Gerade junge Menschen, die am längsten auf die Impfung warten müssen, könnten sich sagen, bevor ich täglich teste, hole ich mir die Infektion und habe dann einen 'Grünen Pass', der mehrere Monate gültig ist", meinte Frick.

Zusätzlich ortete die Philosophin „eine Ungleichbehandlung, die begründungsbedürftig ist". Besonders heikel sei, dass aufgrund des „schleppenden Impftempos“ viele Menschen nicht geimpft werden, die sich aber gerne impfen lassen würden. Solange es zu wenig Impfstoff gibt, werde die Ungleichheit zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften „durch die politischen Entscheidungsträger erzeugt", erklärte Frick.

"Der Staat entscheidet letztlich, wer wann in die Elite aufgenommen wird und als Geimpfter mehr Freiheit genießt", verwies Frick auf den nationalen Impfplan. Zudem müsse man auch bedenken, dass einige Bevölkerungsgruppen gar nicht geimpft werden können: „Schwangere, Jugendliche unter 16 Jahren oder Personen mit bestimmten Vorerkrankungen und Unverträglichkeiten".

Was Israel angeht, so glaubte Frick nicht, dass das Land überstürzt gehandelt habe, im Gegenteil - „Israel ist in vielerlei Hinsicht ein Vorbild, die Staatsbürger werden mit hochwirksamem Impfstoff in Rekordzeit durchgeimpft". Eine Woche nach der zweiten Impfung können sich Israelis eine Bescheinigung auf ihr Handy laden, die ihnen wieder ein Leben ohne Restriktionen ermöglicht. Masken und Abstandsregeln werden nach wie vor gefordert, aber der „Grüne Pass“ öffnet den Geimpften und denen, die nach einer Infektion immun sind, das Tor zu Konzerthallen, Theateraufführungen, Fitnesszentren und Schwimmbädern. Israelische Bürger, die nach einem Auslandsaufenthalt nach Hause fliegen, dürfen zudem einreisen, ohne sich in Quarantäne zu begeben.

Was die Debatte um Impfprivilegien betrifft, so sei man hierzulande „etwas zu hektisch", meinte Frick. Es brauche „breite öffentliche Debatten, um das gründlich durchzudenken und Folgen abzuwägen". In solchen Debatten müssten möglichst viele Perspektiven eingebracht werden: „Verfassungsrechtler, Ethiker, Immunologen, Patientenanwälte und andere Fachleute". Auch datenschutztechnisch gebe es noch „viel Klärungsbedarf".

Frick plädierte für „einheitliche Regelungen - europa-, bestenfalls sogar weltweit", und dafür, sich in der Debatte um Impfprivilegien „Zeit zu nehmen". Man dürfe „den Menschen keinen Sand in die Augen streuen“ oder „falsche Hoffnungen wecken". An die Verantwortlichen appellierte sie, in dem Zusammenhang, „möglichst vorausschauend und behutsam“ zu agieren. „Mit dem Vorsichtsprinzip hätte in dieser Pandemie schon viel verhindert werden können", war Frick überzeugt.