Coronakrise

Forscher mussten „ins kalte Wasser springen"

Die „wahnsinnige Geschwindigkeit, mit der die Wissenschaft gearbeitet hat“, hat auch die Position von Forschern in der Covid-Krise deutlich verändert, sagte der Virologe Florian Krammer bei einer Online-Veranstaltung. Auch der umtriebige Corona-Kommunikator musste bei seinen vielen Medienauftritten „ins kalte Wasser springen“. Das war wichtig, um Fake-News und Co entgegenzuwirken. Für die Zukunft bräuchte es eine Art „interdisziplinären Pandemierat“, erklärten Forscher.

red/Agenturen

Wenn es etwa darum ging, im ORF-Radio Ö3 zur Sonntagvormittags-Primetime aufzutreten und dort auch über Privates zu plaudern, sei das für den an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York tätigen Vakzinologen ein Schritt weit aus der Komfortzone gewesen. Das war aber kurz bevor die ersten Impfstoffe zugelassen wurden und viel Skepsis in der Bevölkerung herrschte. Daher war klar, dass er es tun müsse, sagte der Österreicher bei einem von der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Gesellschaft der Ärzte organisierten Symposium mit dem Titel „Was können die Wissenschaften in der Corona-Pandemie leisten?“ am späten Montagnachmittag. Es sei in der Pandemie schlichtweg mit zur Aufgabe von Forschern geworden, sich zu exponieren.

Verlegen, sich zu äußern, war er auch vor SARS-CoV-2 nicht, allerdings hatte er damals rund 2.000 Twitter-Follower, aktuell sind es rund 200.000. Vor allem in den USA mussten Forscher am Pandemiebeginn offensiv informieren, da dies die Politik nicht tat und den Behörden dies teils untersagte. Er habe immer versucht „viel unabhängige Info zu bieten“, die Sachlage unaufgeregt auf eine Weise zu schildern, die auch „meine Großeltern verstehen“. Man dürfe aber nicht vergessen, wie gering der Wissensstand eigentlich war. Mittlerweile gebe es in der Bevölkerung und in Medien erstaunlich viel Fachwissen.

Wichtig war für Krammer auch „nicht Wasser zu predigen und Wein zu trinken“. Er habe sich daher rasch im Zuge einer Studie impfen lassen und darüber gesprochen, um Menschen die Angst zu nehmen. Letztlich müsse man in der Krise auch wissenschaftliche Publikationen anders schreiben, denn sie werden plötzlich auch von Laien und Journalisten gelesen. Sei man hier missverständlich, könne das im schlimmsten Fall zu Paniken führen, so eine Erkenntnis.

Corona-Leugner: Krammer plädiert für Ignoranz

Letztlich habe sich aber auch gezeigt, dass viele Teile der Bevölkerung kaum Vertrauen zur Wissenschaft haben - in den USA und Europa. Man müsse auf diese Menschen „auf Augenhöhe“ zugehen und Zweifel und Fragen ernst nehmen. Mit richtigen Covid-19-Leugnern habe er aber leider „nie eine gute Diskussion zusammenbekommen“. Hier plädierte Krammer für ein Ignorieren.

„Ein neues Verhältnis zwischen Öffentlichkeit, Wissenschaft und Politik“ und eine „Tagespolitisierung der Wissenschaft“, machte Politikwissenschafterin Barbara Prainsack von der Universität Wien aus. Angesichts der teils tiefen Gräben in der Gesellschaft durch die Covid-19-Maßnahmen seien „Gespräche über Wissenschaft zu Weltanschauungsdiskussionen geworden“, die auch parteipolitisch motiviert sind. Das Vorhandensein eines positiven Bildes von der Wissenschaft hängt stark von der politischen Ausrichtung ab. Diese Entwicklung habe zwar schon bei der Klimaerwärmung begonnen, wurde aber durch Covid-19 extrem verstärkt.

Extrem großes Bedürfnis nach Gewissheit

Traten früher Forscher mit über Jahre erarbeiteten, belastbaren Erkenntnissen vor die Presse, konnte man ihnen nun in einer „Wissenschaftsrealityshow“ live beim Denken und auch Streiten zusehen. Die Öffentlichkeit wurde Zeuge eines normalen wissenschaftlichen Prozesses, und hat teils mit Schrecken gesehen, „dass Wissenschaft nicht immer Sicherheit und Gewissheit transportiert“. Letztlich konnte die Wissenschaft das extrem große Bedürfnis nach Gewissheit für viele nicht befriedigen.

An die Politik appelliert Prainsack daher der Entfremdung entgegenzutreten, indem ökonomische, soziale und psychologische Unsicherheiten reduzieren werden. „Wir sind vielleicht alle im selben Sturm, aber nicht im selben Boot“, so die Forscherin. Menschen seien sehr unterschiedlich durch die Krise gekommen. Will man Vertrauen wiedergewinnen, müsse man die Menschen auch angemessen unterstützen.

In Österreich und vielen anderen Ländern brauche es jetzt ein intensives Nachdenken darüber, wie Politikberatung durch die Wissenschaft bestmöglich organisiert wird, sagte der Soziologe Alexander Bogner vom Institut für Technikfolgen-Abschätzung der ÖAW. Er vermisse einen „interdisziplinären Pandemierat“, wo auch die Bevölkerung über eine Art Bürgerräte, sowie Vertreter aus der Kultur, den Kirchen, etc. in einem Mehrebenenmodell beteiligt sind. Letztlich ließen sich politische Abwägungsprozesse aber nicht durch Wissenschaft ersetzen, so Bogner auch im Hinblick auf zukünftige ähnliche Krisensituationen.

 

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