Corona-Impfung

Zweitstich soll keinesfalls ignoriert oder verschoben werden

In Europa werden durchschnittlich 40 Menschen pro Sekunde gegen Corona geimpft. Die EU könne damit ihr Ziel, bis Ende Juli 70 Prozent der Erwachsenen die Impfung anzubieten, gut erfüllen, sagte Wolfgang Bogensberger, stv. Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich, bei einer Online-PK zur Covid-19-Immunisierungskampagne. Karl Zwiauer vom Nationalen Impfgremium (NIG) warnte davor, die zweite Teilimpfung auszulassen oder auch nur unnötig zu verschieben.

red/Agenturen

Die jetzt grassierende Delta-Variante sei um 60 Prozent ansteckender. Zwiauer verglich die Ausbreitungsgeschwindigkeit mit jener der Beta-Variante: Delta habe sich binnen 30 Tagen so stark verbreitet wie Beta in fünf Monaten. Nach der ersten Teilimpfung betrage der Schutz dagegen Studien zufolge nur etwa 30 Prozent. Deswegen sei es unerlässlich, die Impfserie vollständig zu absolvieren. „Alle, die nicht oder nur einfach geimpft sind, werden sich mit der Delta-Variante anstecken.“ Ein Verschieben der zweiten Teilimpfung über den empfohlenen Abstand hinaus, etwa wegen Urlaubs, sieht er deswegen als Risiko.

Das NIG empfiehlt wegen der neuen Virus-Variante wieder kürzere Abstände zwischen erstem und zweitem Stich, nämlich drei bzw. vier Wochen bei den mRNA-Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna sowie vier bis sechs Wochen beim Vektorimpfstoff von AstraZeneca, bei Johnson & Johnson ist nur eine einmalige Gabe nötig. Kreuzimpfungen mit verschiedenen Vakzinen sind derzeit nicht vorgesehen.

Die Einbeziehung sehr junger Kinder werde noch dauern, meinte Zwiauer. Er erwartet um die Jahreswende Studienergebnisse für die Gruppe der Sechs- bis Zwölfjährigen. In Österreich werden seit kurzem die Zwölf- bis 15-Jährigen geimpft, mit der gleichen Dosis wie Erwachsene. Für Jüngere hingegen müssten die Studien erst einmal mit der Dosisfindung beginnen, man habe es in diesem Alter mit einem sehr unerfahrenen, aber stark reaktiven Immunsystem zu tun und würde bei gleicher Dosis eine höhere Immunantwort und wohl auch mehr Impfreaktionen verursachen, als nötig sei. Generell sei die Risiko-Nutzen-Abwägung auch für Junge, trotz eines vermuteten Zusammenhangs von Myokarditis (Herzmuskelentzündungen) vor allem bei Burschen, „eindeutig alternativlos zugunsten der Impfung“.

838 Kinder und Jugendliche Sars-CoV2-bedingt im Spital

Krankheitslast für Junge zeigte Zwiauer auf, in der dritten Corona-Welle hätten jede Woche ein bis vier Kinder in Österreich intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Insgesamt wurden von Februar 2020 bis Ende März dieses Jahres 838 Kinder und Jugendliche mit einer SARS-CoV-2-Infektion stationär aufgenommen, 54 Prozent mit Hauptdiagnose Covid. Neun Prozent (75 Personen) brauchten Intensivpflege. Von Februar 2020 bis Ende Jänner 2021 traten 51 Fälle eines Hyperinflammationssyndroms (PIMS, MIS-C) auf, das ist ein Fall auf 1.000 Corona-Infektionen bei Kindern. 20 dieser Patientinnen und Patienten mussten ebenfalls auf Intensivstationen versorgt werden.

Seit Impfbeginn Ende Dezember 2020 bis 11. Juni wurden laut Barbara Tucek, Leiterin der Abteilung Klinische Begutachtung Sicherheit & Wirksamkeit der AGES, bei 6.171.865 verabreichten Impfungen in Österreich 27.829 vermutete Nebenwirkungen gemeldet. Beim Großteil habe es sich um erwartbare Symptome - die üblichen Impfreaktionen - gehandelt. Die meisten traten mit einer Melderate von 15,79 pro 1.000 Impfungen bei AstraZeneca auf, was die Expertin u.a. mit der anfänglichen Verabreichung primär an Jüngere, die eher stärker reagieren, in Verbindung brachte. Die niedrigste Rate - 1,87 pro 1.000 Impfungen - wurde bei Biontech/Pfizer registriert.

In zeitlicher Nähe zur Impfung wurden 124 allergische Reaktionen verzeichnet, 422 allergische Hautreaktionen sowie 73 Fazialsparesen bzw. Empfindungsstörungen, also Gesichtslähmungen. Die Zahl „widerspiegelt das, was sonst auch passiert“, betonte Tucek, also das Vorkommen solcher Beschwerden in der Bevölkerung auch ohne Impfung. Als schwere vermutete Nebenwirkungen gelten zwölf Fälle von VITT (Vakzin-induzierte thrombotische Thrombozytopenie oder TTS (Thrombose mit Thrombozytopenie-Syndrom), sehr seltene, aber schwere Gerinnungsstörungen, die in zeitlichem Zusammenhang zur AZ-Impfung stehen dürften. Weiters traten 18 Fälle einer Herzmuskelentzündung auf - zwölf nach Biontech/Pfizer, sechs nach AstraZeneca. Eine 81-Jährige sei danach an einem Multiorganversagen verstorben, acht Patientinnen und Patienten genesen und neun Fälle seien noch in Abklärung.

Klassisches Impfdilemma in Sicht

Die Frage, ob in nächster Zeit ein Booster- oder angepasster Variantenimpfstoff notwendig sein wird, lasse sich noch nicht beantworten, so die Experten. Entsprechend der Richtlinien der Europäischen Gesundheitsbehörde EMA seien jedenfalls dafür keine großen Wirksamkeitsstudien mehr erforderlich, was Tempo bei allenfalls nötigen Anpassungen verspreche, so Tucek.

Ungelöst ist ein Problem, das zur Reisezeit viele Covid-Genesene betrifft: Laut Zwiauer ist aus medizinischer Sicht für diese Gruppe eine einzelne Impfung eigentlich ausreichend. Für den internationalen grünen Pass seien jedoch oft zwei Teilimpfungen vorgeschrieben. Aus immunologischer Sicht spreche aber auch nichts gegen den zweiten Stich für Genesene.

Renée Gallo-Daniel, Präsidentin des Verbandes der Impfstoffhersteller (ÖVIH), warnte vor dem „Impfdilemma“: Impfungen würden häufig „Opfer ihres eigenen Erfolgs“, bei sinkenden Fallzahlen sinke dann auch die Impfbereitschaft. „Diese Situation müssen wir bei Covid-19 unbedingt vermeiden.“ Mehr als 2,5 Milliarden Corona-Impfdosen seien weltweit verimpft worden, in Österreich allein über sieben Millionen.