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Corona-Pandemie

Trotz wachsender Infektionen will Johnson Maßnahmen lockern

Experten haben skeptisch auf die beispiellosen Pläne des britischen Premierministers Boris Johnson zum Ende aller Corona-Maßnahmen in England reagiert. Das Land befinde sich damit in unbekanntem Territorium, sagte die Virologin Devi Sridhar dem Sender Sky News. „Dies ist ein massives Experiment, und die Welt wird genau beobachten, was passiert, wenn eine neue, dominante Variante auftritt.“

 
 

red/Agenturen

Johnson hatte am Montag angekündigt, dass vom 19. Juli an in England alle Corona-Maßnahmen aufgehoben werden sollen. Damit fallen Abstandsregeln und Maskenpflicht weg, Nachtclubs und Discos dürfen wieder öffnen, Pubs können Gäste auch an der Bar bedienen. Für Kinos, Stadien, Theater und Veranstaltungen gilt keine Platzbeschränkung mehr. Voraussetzung ist, dass eine Überprüfung der Pandemie-Daten am 12. Juli keinen Grund für neue Verzögerungen liefert. Zudem will die Regierung bald bekanntgeben, ob sich voll geimpfte Einreisende aus Ländern auf einer „gelben Liste“ wie Österreich weiterhin nach Ankunft für zehn Tage in häusliche Quarantäne begeben müssen.

Wissenschafter und Gewerkschaften kritisierten vor allem, dass die Maskenpflicht aufgehoben werden soll. Ein Verband, der Angehörige von Corona-Opfern vertritt, warf Johnson zudem vor, er handle, als sei die Pandemie besiegt. Oppositionsführer Keir Starmer von der Labour Party nannte Johnsons Pläne „rücksichtslos“.

Hingegen zeigten sich Wirtschaftsvertreter erfreut und erleichtert. Die Gastronomie- und Tourismusindustrie werde die Ankündigung feiern, sagte die Chefin des Branchenverbands UK Hospitality, Kate Nicholls. Der Verband British Beer and Pub Association wies darauf hin, dass endlich mehr als 2.000 Pubs öffnen könnten, die wegen strenger Abstandsregeln derzeit immer noch geschlossen haben. Für die Veranstaltungsbranche sagte der Chef des Branchenverbands Night Time Industries Association, Michael Kill, der Schritt sei längst überfällig. Der Industrieverband CBI mahnte, Unternehmen müssten die Sicherheit ihrer Angestellten weiterhin an erste Stelle setzen.

Premier Johnson sagte, das Impfprogramm habe geholfen, die Verbindung zwischen Neuinfektionen und Todesfällen deutlich zu schwächen. Bis zum 19. Juli sollen alle Erwachsenen in Großbritannien eine erste Corona-Impfung angeboten bekommen, zwei Drittel sollen dann die für den vollen Schutz als notwendig erachteten zwei Dosen erhalten haben. Um das Tempo anzutreiben, soll die Zeit zwischen den beiden Spritzen für unter 40-Jährige von zwölf auf acht Wochen gesenkt werden.

In Großbritannien steigen die Infektionszahlen seit Wochen wieder stark an, am Montag meldeten die Behörden 27.334 neue Fälle. Die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Neuinfektionen pro 100.000 Menschen binnen einer Woche, wurde zuletzt mit 229,9 angegeben (Stand: 30. Juni). Grund dafür ist die hochansteckende Delta-Variante, die in Großbritannien inzwischen fast alle Fälle ausmacht.

Gesundheitspolitik ist im Vereinigten Königreich Sache der Regionalregierungen. Johnson ist für den größten Landesteil England verantwortlich, der keine eigene Regierung hat. Schottland, Wales und Nordirland entscheiden hingegen selbst über ihre Corona-Maßnahmen.

„Lernen, mit dem Virus zu leben“

Die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Neuinfektionen pro 100.000 Menschen binnen einer Woche, wurde zuletzt mit 214 angegeben (Stand: 29. Juni). Allein am Sonntag waren mehr als 24.000 Neuinfektionen registriert worden. Grund dafür ist die hochansteckende Delta-Variante, die in Großbritannien inzwischen fast alle Fälle ausmacht.

Gleichzeitig verharrt die Zahl der Todesfälle mit 122 Covid-Toten innerhalb einer Woche (bis zum 29. Juni) derzeit noch auf relativ niedrigem Niveau. Auch die Krankenhauseinweisungen steigen bisher nicht im selben Maße wie die Ansteckungen. Die Regierung führt das auf die erfolgreiche Impfkampagne zurück. Inzwischen sind 86 Prozent der Erwachsenen in Großbritannien mindestens einmal geimpft. Knapp 64 Prozent der über 18-Jährigen haben bereits beide Impfungen.

Die Regierung in London geht davon aus, dass die Infektionszahlen weiter steigen, doch müsse man nun lernen, mit dem Virus zu leben. Die Eindämmung der Pandemie soll künftig den Menschen selbst überlassen werden. „Während wir lernen, mit dem Virus zu leben, müssen wir alle weiterhin umsichtig mit den Risiken durch Covid-19 umgehen und Abwägungen im täglichen Leben treffen", sagte Johnson der Mitteilung zufolge. Die geplante Aufhebung der Corona-Regeln gilt zunächst für den größten Landesteil England. Schottland, Wales und Nordirland entscheiden selbstständig über ihre Maßnahmen.

Vor allem das geplante Ende der Maskenpflicht traf auf Unverständnis. „Wir wissen, dass Masken funktionieren", sagte die für die medizinische Grundversorgung beim NHS England zuständige Nikki Kanani dem „Times Radio“ am Montag. Der Chef der Ärztegewerkschaft British Medical Association (BMA), Chaand Nagpaul sagte im BBC-Radio, es sei nicht nachvollziehbar, dass man in einer Zeit hoher Infektionszahlen, „Menschen wissentlich einem Infektionsrisiko aussetzt“.

Auch der Verhaltenspsychologe Stephen Reicher von der Universität in St. Andrews, der die Regierung in der Pandemie berät, warnte vor einem Ende der Maskenpflicht. Er verglich das Maskentragen mit Geschwindigkeitsbegrenzungen im Verkehr. „Meine Freiheit, schnell zu fahren, beeinträchtigt die Sicherheit anderer. Meine Freiheit, keine Maske zu tragen hat Auswirkungen auf die Sicherheit anderer vor einer Covid-Erkrankung“, so Reicher der BBC zufolge. In diesen Bereichen sei eine Regulierung notwendig.