Coronavirus

Schweiz: Mehr Fälle und gebremster Impf-Elan

Auch wenn sich in der Schweiz innerhalb einer Woche die Corona-Fälle auf tiefem Niveau mehr als verdoppelt hat, so präsentiere sich die Lage insgesamt aber immer noch sehr gut, sagte Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Im Gegenzug ist die Impfkadenz allerdings im gleichen Zeitraum um 12 Prozent gesunken. Zwar steige die Zahl der gemeldeten Ansteckungen wieder etwas an, so Masserey, Spitaleinweisungen oder Todesfälle seien aber kaum oder nur wenige zu verzeichnen.

red/Agenturen

Dies decke sich mit den Beobachtungen im Ausland, namentlich in Grossbritannien und Israel, wo die Delta-Variante schon dominiere. Trotzdem gerate das Gesundheitswesen dort nicht in Schwierigkeiten und sei nicht überlastet. „Dies bestätigt, dass die Impfung die Antwort darauf ist“, erklärte Masserey. In der Schweiz liegt der Anteil der Delta-Variante am Infektionsgeschehen unterdessen auch bei nahezu 30 Prozent.

Offenbar haben sich laut der Berner Kantonsärztin Linda Nartey auch mehrere Fußballfans im Ausland im Zusammenhang mit Spielen der Europameisterschaft mit dem Coronavirus angesteckt. Das genaue Ausmass der Ansteckungen war zunächst unklar. Verlässliche Daten dazu liegen gemäss Nartey noch nicht vor.

274 neue positiv getestete Fälle

Taskforce-Präsidenten Martin Ackermann zeigte sich von den neusten Entwicklungen nicht überrascht. Nach den neusten Öffnungen erhöhe sich die Zahl der Kontakte unter den Menschen und die Mobilität nehme zu. Der Anstieg komme deshalb „nicht unerwartet“ und sei „plausibel“, sagte er am Dienstag. In der Schweiz und in Liechtenstein sind dem BAG am Dienstag innerhalb von 24 Stunden 274 neue Coronavirus-Ansteckungen gemeldet worden. Vor einer Woche hatte die Behörde noch 129 bestätigte Fälle registriert. Neue Todesfälle wurden am Dienstag keine gemeldet, und lediglich drei Spitaleinweisungen wurden verzeichnet. Nur 3,3 Prozent der verfügbaren Intensivpflegebetten werden derzeit von Covid-19-Patienten besetzt. 29 Personen benötigten derzeit Intensivpflege in den Spitälern.

Über 3,4 Millionen Zertifikate

3.272.008 Personen sind bereits vollständig geimpft. Bislang wurden 3.432.547 Zertifikate für vollständig Geimpfte, Genesene oder Getestete ausgestellt. Aus der Gefahrenzone heraus sei die Schweiz aber noch nicht, mahnte Ackermann. Daher sei es jetzt der richtige Zeitpunkt, um möglichst alle zu impfen. Von den rund 1,2 Millionen über 70-jährigen Menschen in der Schweiz haben laut Ackermann inzwischen über 1 Millionen Antikörper entwickelt. Das bedeute aber, dass rund 200.000 ältere Menschen oder rund 20 Prozent noch keinen ausreichenden Impfschutz hätten. Wenn sich die Delta-Variante weiter ausbreite, steige die Gefahr von mehr Ansteckungen in dieser vulnerablen Altersgruppe.

Warten auf Anerkennung der EU

Weiter geht das Warten auf die Anerkennung des Schweizer Covid-Zertifikates durch die EU, wie Masserey bestätigte. Dies, obwohl alle technischen wie auch rechtlichen Voraussetzungen seitens der Schweiz erfüllt sind. Aus Brüssel heisst es, die Anerkennung erfolge bald. Die EU-Kommission muss noch grünes Licht geben, damit das Schweizer Covid-Zertifikat in allen EU-Staaten akzeptiert ist.

Alters- und Pflegeinstitutionen der Schweiz haben derweil mit Unverständnis auf Aussagen von Gesundheitsminister Alain Berset zu einer angeblich tiefen Impfbereitschaft in Heimen reagiert. Der Bundesrat verkenne, dass die Institutionen den Umgang mit dem Virus gelernt hätten und alles dafür unternähmen, um künftige Ausbrüche zu verhindern.

Die Impfbereitschaft beim Personal in den Alterstinstitutionen entwickle sich weiter vergleichbar mit derjenigen der entsprechenden Bevölkerungsgruppen, teilten die Branchenverbände Curaviva und Senesuisse am Dienstag gemeinsam mit. Bundesrat Alain Berset hatte sich in einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ (Samstagausgabe) besorgt gezeigt, weil derzeit 20 Prozent der Menschen über 80 Jahre nicht geimpft seien.

Ein Drittel der Nebenwirkungen schwerwiegend

3.400 Verdachtsfälle von Nebenwirkungen nach Corona-Impfungen sind mittlerweile von der Heilmittelbehörde Swissmedic untersucht worden. Ein Drittel davon hat sie als schwerwiegend beurteilt, zwei Drittel als nicht schwerwiegend, wie Christoph Küng, Leiter Abteilung Arzneimittelsicherheit bei Swissmedic, am Dienstag darlegte. Schwerwiegend bedeute, dass eine Spitaleinweisung nötig werde oder sich eine solche verlängere. Trotz anderslautender Behauptungen habe Swissmedic bisher keinen einzigen Todesfall aufgrund von Nebenwirkungen des Impfstoffes gefunden, sagte Küng.

Auch bei erkrankten Personen, die nicht ins Spital mussten, hinterlässt das Virus unter Umständen länger seine Spuren. In einer Genfer Studie mit über 400 nicht-hospitalisierten, aber symptomatischen Corona-Patienten, haben vier von zehn der Teilnehmenden noch sieben Monate nach der Diagnose von Symptomen berichtet. Die häufigsten Symptome waren Müdigkeit (21 Prozent), Geschmacks-oder Geruchsverlust (17 Prozent), Atemnot (12 Prozent) sowie Kopfschmerzen (10 Prozent), wie die Genfer Forschenden im Fachmagazin „Annals of Internal Medicine“ berichten.