Corona-Pandemie

Regierung würdigt Wissenschaft

Die Regierung hat sich bei der Wissenschaft für ihren Beitrag zur Bekämpfung der Corona-Pandemie bedankt. Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) sprach sich in einer Rede dafür aus, „Gräben“ in der Gesellschaft zuzuschütten. Der nunmehrige Aufschwung solle allen zugute kommen. Ganz vorbei ist die Pandemie freilich nicht - Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) berichtete von Modellrechnungen, wonach es im Herbst ein Problem gebe, wenn die Impfbereitschaft sinkt.

red/Agenturen

Mückstein bedankte sich in einer Gesprächsrunde mit Wissenschaftsminister Heinz Faßmann (ÖVP), Ursula Wiedermann-Schmidt, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Vakzinologie und Mitglied des Österreichischen Impfgremiums, sowie Niki Popper, Simulationsforscher der TU Wien, bei den Experten. Derzeit seien die Wissenschafter etwa durch Modellrechnungen zur neuen Delta-Variante gefordert, erklärte Mückstein. Die Delta-Variante mache mittlerweile über die Hälfte der Fälle aus.

Es gebe inzwischen genügend Impfstoff, appellierte der Minister einmal mehr, sich immunisieren zu lassen: „Bitte, bitte impfen gehen!“ Es stehe aber ein herausfordernder Sommer bevor. Wenn die Impfbereitschaft abnehme, habe man im Herbst ein Problem - konkrete Prognosen dazu sollen noch diese Woche präsentiert werden. Für den Herbst sieht Mückstein vor allem auch ein Konzept für einen sicheren Schulstart als gemeinsame Aufgabe mit dem Bildungsministerium, wie der Gesundheitsminister unterstrich.

„Das Schlimmste liegt hinter uns“

Kurz hatte davor auf die letzten Monate zurückgeblickt und einen Ausblick zu geben versucht: Die Krise habe gezeigt, „wozu die Menschheit heutzutage fähig ist“, sie habe „wahre Helden des Alltags vor den Vorhang gebracht“, dankte Kurz jenen, die etwa im Gesundheitsbereich oder Sicherheitsbereich oft „Übermenschliches“ geleistet hätten. Vor allem habe die Krise gezeigt, wozu die Wissenschaft fähig sei. „Denn ohne die herausragenden Leistungen von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern in Österreich, in Europa und der Welt, da wäre ein Ende der Pandemie heute noch immer in weiter Ferne.“

Kurz erinnerte an unzählige Gespräche, Telefonate, Videokonferenzen und Beratungen mit vielen Experten, die der Politik massiv geholfen hätten. Dafür wolle er sich bei jedem und jeder Einzelnen bedanken, auch bei all jenen, die an der Impfung beteiligt waren, so Kurz. Corona sei bestimmt noch nicht vorbei, aber man habe die berechtigte Hoffnung, dass durch die Impfung „das Schlimmste hinter uns liegt“.

Neben den gesundheitlichen und den wirtschaftlichen Auswirkungen habe Corona auch dazu geführt, „dass massive Gräben in unserer Gesellschaft entstanden sind“, meinte Kurz mit Blick auf jene, die eher besorgt wegen der Gesundheit gewesen seien und jene, bei denen die Sorge um die Freiheit überwogen habe und die sich durch die Beschränkungen bevormundet gefühlt hätten. Die „harten Bruchlinien“ habe es in der politischen Landschaft, aber auch in Betrieben und sogar in vielen Familien gegeben. In einer liberalen Demokratie müssten alle Perspektiven zulässig sein - nicht jeder sei gleich „Hypochonder“ oder „Verschwörungstheoretiker“, betonte Kurz. Nun müsse es darum gehen, „diese Risse gemeinsam wieder zu heilen“ und die Gräben „gemeinsam zuzuschütten“.

Schüler benötigen noch mehr Unterstützung

Manche hätten besonders unter der Krise gelitten. Gerade Kinder mit sozial schwachem Hintergrund, die vielleicht zu Hause nicht die nötige Unterstützung hatten, seien in ihrem Lernerfolg eingeschränkt worden. Es brauche daher gerade jetzt einen Fokus auf bestmögliche Unterstützung aller Kinder. Kurz erwähnte etwa die Sommerschulen, die auch nach der Pandemie bleiben sollen. Auch werde man Investitionen in Forschung und Entwicklung ausbauen. Ansetzen will Kurz auch im Bereich der Digitalisierung - in Betrieben, in den Schulen und in der Verwaltung. Er wünsche sich, dass man die gute Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik fortsetzen könne, diesmal im Kontext der Modernisierung und des Aufschwunges.

Nach der Kanzler-Rede stand bei der live im Fernsehen übertragenen Festveranstaltung „zu Ehren der Wissenschaft“ eine Runde mit Vizekanzler Werner Kogler (Grüne), Elisabeth Puchhammer-Stöckl, Leiterin des Zentrums für Virologie der MedUni Wien und Wissenschafterin des Jahres, und Oswald Wagner, Vizerektor der MedUni Wien, am Programm. Die Virologin erinnerte sich an den Beginn der Pandemie. Was da auf „uns zukommen kann, war nicht abzusehen“, sagte sie. Die Informationen aus China Ende 2019 habe man zunächst nicht einschätzten können. Nach eineinhalb Jahren Pandemie gibt es nunmehr zahlreiche Erkenntnisse. Laut dem derzeitigem Wissensstand ist das Coronavirus von Fledermäusen über einen anderen Wirt auf den Menschen übergesprungen. 100-prozentige Sicherheit gebe es noch nicht, „solange man den Zwischenwirt nicht gefunden hat“, die Wahrscheinlichkeit für dieses Szenario sei aber „extrem hoch“, sagte Puchhammer-Stöckl.

Entscheidungsgeschwindigkeiten außergewöhnlich

Geehrt wurden am Dienstag in der Aula der Wissenschaften in Wien zahlreiche Wissenschafter. Kogler freute sich, „vertraute Gesichter, die in der Entscheidungsphase noch vertrauter geworden sind“, zu begrüßen. Er betonte, dass die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft „hervorragend funktioniert“ habe, auch die Politik habe sich damals „schnell zusammengegroovt“. Ganz anders als im herkömmlichen Politikbetrieb seien die „Entscheidungsgeschwindigkeiten“ gewesen. Er hoffte, dass es in der Pandemie auch gelungen sei, „junge Menschen für die Wissenschaft zu begeistern“, sagte Kogler. „Oft wäre es gut, wenn wir gemeinsam Richtung Transformation arbeiten und nicht in Depression verhaftet bleiben. Da kann die Wissenschaft einen ganz großen Beitrag leisten“, betonte der Vizekanzler.

Wagner erinnerte, dass zahlreiche Maßnahmen kontroversiell diskutiert worden sind - wie etwa die Einführung der Maskenpflicht. Österreich sei dann mit FFP2-Pflicht und ausgedehntem Testen einen eigenen Weg gegangen. Das sei auch der Grund gewesen, „warum bei uns die dritte Welle abgeebbt ist, bevor sie explodiert ist. Der Kurs war sehr fruchtbar“, zog er das Resümee.

Wiedermann-Schmidt appellierte einmal mehr, dass nur ein vollständiger Impfschutz die Gefahr einer Infektion mit der Delta-Variante senke bzw. den Verlauf einer Infektion abschwäche. Simulationsforscher Popper plädierte dafür, Daten aus verschiedenen Bereichen besser zusammenzuführen. Prognosen zur Delta-Variante seien wichtig, relevant sei aber auch, Systeme zu verstehen, etwa was es bedeute, bestimmte Maßnahmen an Schulen zu setzen.

 

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