Umstrittener „Tag der Freiheit“ in Großbritannien

Für Großbritanniens Premierminister Boris Johnson ist es der „Tag der Freiheit“, aus Sicht von Wissenschaftlern ein fataler Öffnungsschritt inmitten der Corona-Pandemie: In England fallen ab Montag fast alle Corona-Beschränkungen weg, darunter auch Maskenpflicht und Abstandsregeln. Experten befürchten eine erneute große Corona-Welle - bereits jetzt steigen in ganz Großbritannien die Fallzahlen. Am Samstag war eine Corona-Infektion von Gesundheitsminister Sajid Javid bekannt geworden, auch Johnson befindet sich in Quarantäne. Der Premier ermahnte seine Landsleute angesichts der bevorstehenden Lockerungen zur Vorsicht.

red/Agenturen

Für die meisten Engländer bedeutet der Montag die Rückkehr in die Normalität: Diskotheken dürfen wieder öffnen, Theater und Sportstadien alle Plätze besetzen. Im Nahverkehr und Geschäften fällt die Maskenpflicht weg - außer in London, wo Bürgermeister Sadiq Khan von der Labour-Partei einen strikteren Corona-Kurs beibehalten will als die Zentralregierung.

Premier Johnson ruft Bürger zur Vorsicht auf

Johnson begründet den umstrittenen Öffnungsschritt mit der hohen Impfquote in Großbritannien. Statt auf behördlich angeordnete Gebote will er künftig auf die „Verantwortung des Einzelnen“ setzen. Am Sonntag, dem Vortag der Lockerungen, rief er die Bürger zur Vorsicht und zum Respekt gegenüber anderen auf: „Bitte, bitte, bitte seien Sie vorsichtig."

Die Entwicklung in England, wo die hochansteckende Delta-Variante des Coronavirus grassiert, dürfte im Ausland genau beobachtet werden. Bereits jetzt gibt es auch in Deutschland Forderungen, nach dem Beispiel Englands einen „Tag der Freiheit“ zu bestimmen. So schlug Nordrhein-Westfalens Familienminister Joachim Stamp (FDP) in der „Bild am Sonntag“ vor, am 3. Oktober alle Beschränkungen aufzuheben.

In Großbritannien selbst sind die Lockerungen heftig umstritten. Der gesundheitspolitische Sprecher der Labour-Partei, Jonathan Ashworth, sprach von einem „rücksichtslosen“ Vorgehen. „Wir sind gegen Öffnungen, ohne dass es Vorsichtsmaßnahmen gibt“, sagte er der BBC.Experten wie der US-Wissenschaftler William Haseltine werfen Johnsons Regierung sogar eine „mörderische“ Corona-Strategie vor. Auf eine sogenannte Herdenimmunität zu setzen, werde zu „tausenden, wenn nicht zehntausenden“ Toten führen, sagte er bei einem Online-Treffen internationaler Wissenschaftler am Freitag.

Das Treffen war nach der Veröffentlichung eines offenen Briefs in der Fachzeitschrift „The Lancet“ einberufen worden, in dem mehr als 120 Wissenschaftler die Regierung in London zu einer Abkehr von ihren Lockerungsplänen aufgerufen hatten. Inzwischen haben 1400 weitere Experten den Brief unterzeichnet.

Quarantäne-Regelung sorgt derzeit für Streit in Großbritannien

Die Regierung in London bestreitet den Vorwurf, auf eine Herdenimmunität zu setzen. Allerdings räumt auch sie ein, dass die Zahl der täglichen Corona-Infektionen in den kommenden Wochen auf bis zu 100.000 steigen könnte. Allein am Samstag meldeten die Gesundheitsbehörden des Landes mehr als 54.000 Neuansteckungen mit dem Coronavirus. Auch Gesundheitsminister Javid gab am Samstag bekannt, sich angesteckt zu haben.

Isolieren müssen sich auch Johnson und Finanzminister Rishi Sunak, wie die Downing Street am Sonntag mitteilte. Ein Regierungssprecher hatte zunächst erklärt, dass die Politiker nur in Teil-Quarantäne müssten - ihrer Arbeit in der Downing Street dürften sie weiterhin nachgehen. Nach einem Sturm der Entrüstung im Internet korrigierte die Regierung diese Angaben: Sowohl Johnson als auch Sunak würden die Quarantäne vollständig einhalten, hieß es.

Die Quarantäne-Regelung sorgt derzeit für Streit in Großbritannien. Wer vom britischen Gesundheitsdienst NHS darüber informiert wird, eine direkte Corona-Kontaktperson zu sein, muss sich nach aktuellem Stand isolieren. Allein in der Woche vom 7. Juli betraf dies mehr als 530.000 Menschen.

Mehrere Unternehmen, darunter der Autohersteller Nissan, hatten wegen der Regelung über massive Personalausfälle geklagt. Die Regierung in London will die Quarantänepflicht für vollständig Geimpfte am 16. August aufheben. Der Druck der Industrie, dies früher umzusetzen, aber wächst: In mehreren Sonntagszeitungen wurde am Sonntag vor Lebensmittelengpässen gewarnt, sollte es weitere große Personalausfälle geben.