Österreichs Pathologen

Weder „Aufschneider“ noch „CSI“

Eines der personell kleinsten Fachgebiete der österreichischen Medizin sieht sich teilweise verkannt, potenziell sogar gefährdet. Die Österreichische Gesellschaft für Klinische Pathologie und Molekularpathologie (ÖGPath) hat vor kurzem ein Positionspapier zur Zukunft dieses Bereichs beschlossen. Aus Sicht der Patienten, für die 95 Prozent der Leistungen erbracht würden, sei eine Stärkung des Faches dringend notwendig, lautet die Forderung.

red/Agenturen

In der Öffentlichkeit sind die für die moderne Diagnostik und Therapie unverzichtbaren Leistungen der Pathologie viel zu wenig bekannt, heißt es bei der Fachgesellschaft. Die Auswirkungen davon seien teilweise bis in die Gesundheitspolitik zu spüren, betonte ÖGPath-Präsidentin Renate Kain (Leiterin des Klinischen Instituts für Pathologie der MedUni Wien): „Wir bekommen große Aufmerksamkeit von jenen Ärztinnen und Ärzten, mit denen wir z.B. in den Spitälern zusammenarbeiten. Auf der anderen Seite gibt es in der Öffentlichkeit noch immer ein Berufsbild der Pathologin bzw. des Pathologen zwischen CSI und 'Aufschneider'.“

Einer der Gründe für die laut ÖGPath nur teilweise Sichtbarkeit der Leistungen der Pathologie liegt wohl darin, dass ihre Basisarbeit in der Diagnose von Krankheiten und für Therapieentscheidungen der behandelnden Ärzte in Instituten und Labors weit abseits der direkt Betroffenen stattfindet: durch Begutachtung von Gewebe- und Zellmaterial am Lichtmikroskop, per Immunhistochemie mit der Charakterisierung von Zell- und Gewebestrukturen über die Antikörper-gekoppelte Anfärbung oder die Gensequenzierung von Zellmaterial. Den geringsten Teil der Arbeit machen Obduktionen aus.

Entscheidend dafür sind im Vergleich zu anderen medizinischen Fachgebieten relativ wenige Spezialisten auf diesem Gebiet. Martin Klimpfinger, Vorstandsmitglied der ÖGPath: „Die Versorgung in der Klinischen Pathologie und Molekularpathologie in Österreich wird von 33 Krankenhausinstituten und 22 niedergelassenen Fachärzten getragen. Österreichweit arbeiten derzeit 432 aktive Pathologen, davon 333 Fachärzte und 99 in Ausbildung stehende Ärzte.“ Bei in Österreich insgesamt rund 47.000 Ärzten ist dieser „Stand“ jedenfalls klein. Laut Ärztekammer gibt derzeit in Österreich allein rund 5.000 Fachärzte für Innere Medizin.

Ein Paradebeispiel für die Bedeutung einer „Pathologie für Lebende“ ist die Onkologie. In Österreich werden pro Jahr rund 42.000 Krebs-Neudiagnosen gestellt. Praktisch alle beruhen auf für die Behandlung entscheidenden Pathologie-Befunden. „Vorausschauende Diagnostik unter Berücksichtigung der Morphologie (Aussehen von Zellen oder Geweben im Mikroskop; Anm.), von Biomarkern und schließlich der molekularbiologischen Diagnostik helfen bei der exakten Auswahl zielgerichteter Therapien oder der modernen Immuntherapie und bei der Bewertung des Therapieerfolgen“, sagte ÖGPath-Präsidentin Kain.

Neues Finanzierungssystem für Leistungen der Pathologie gefordert

Gesamtösterreichische Zahlen fehlen. Am Wiener AKH allein werden beispielsweise pro Jahr zwischen 70.000 bis 90.000 Präparate von den Pathologen untersucht. Die Institutsleiterin: „Eine einzige Einsendung aus einer Prostata-Biopsie zur Abklärung eines Verdachts auf ein Karzinom bedeutet die Begutachtung von zwölf bis 18 Gewebeproben. Wir haben eine Steigerung der Zahl der Einsendungen von pro Jahr von sieben bis zehn Prozent.„

Dem stehen laut ÖGPath derzeit nicht unbedingt positive Entwicklungen gegenüber. „Es die Tendenz bei den Spitalsträgern, Pathologie-Institute von Krankenhäusern (vor allem auf Bundesländerebene; Anm.) zusammenzulegen, was auch Sperren bedeutet. Wenn zum Beispiel ein Krankenhaus mit einer Strahlentherapie kein Institut für Pathologie hat, wird die Patientenversorgung schwierig“, stellte die Past-Präsidentin der Gesellschaft, Christa Freibauer, fest.

Die Gefahr, welche die Fachgesellschaft sieht, liegt vor allem in der Zentralisierung von Pathologie-Instituten auf immer weniger große Krankenhäuser. Das dünne das Netzwerk an Leistungserbringern aus und sei wegen der komplizierter werdenden Logistik problematisch. Renate Kain: „Da gibt es bei längeren Transportwegen und zentraler Abwicklung automatisch Fehler. Eine Gewebeprobe nach einer Biopsie oder ein Präparat nach einer Operation ist aber 'einmalig', darf nicht verloren gehen. Viele Biopsien kann man nicht einfach wiederholen.„

Eine ausreichende Anzahl von Pathologie-Instituten an den österreichischen Krankenhäusern, die in ihrem Bereich 98 Prozent der Proben mit herkömmlichen Methoden untersuchen können und mehr als 90 Prozent der molekularbiologischen Tests durchführen, seien essenziell für die Patientenversorgung. „Als personelle Untergrenze für ein Pathologie-Institut soll das ärztliche Personal die Ausstattung mit einem Abteilungsleiter und zwei Fachärzten sowie zwei Ärzten in Ausbildung für etwa 8.000 bis 10.000 histologische Proben/Präparate pro Jahr gelten“, stellte die ÖGPath in ihrem Positionspapier fest. Die Zahl der Facharztstellen bestimmt auch die Zahl der Ausbildungsstellen und somit den Nachwuchs für die österreichische Pathologie.

Gefordert wird auch ein neues Finanzierungssystem für die Leistungen der Pathologie in Österreich. „Derzeit werden die Krankenhäuser nach den Diagnoseschlüsseln (Bezahlung nach Diagnosen der Patienten; Anm.) finanziert. Da sind für eine jeweilige Diagnose auch die Leistungen der Pathologie enthalten. Wir brauchen aber eine leistungsorientierte Abrechnung allein für die Arbeit der Pathologie-Institute - eben nach Einzelleistungen. Nur so können Kosten-Nutzen-Rechnungen durchgeführt werden“, stellte die ÖGPath-Präsidentin fest. Ohne die direkte Refundierung von Pathologie-Leistungen könne man auch keine Budgets für die Institute erstellen.