Schweizer Bundesrat will Zugang zur Psychotherapie vereinfachen

Menschen mit psychischen Problemen in der Schweiz sollen einfacher eine Psychotherapie auf Kosten der Krankenkasse erhalten. Der Schweizer Bundesrat schlägt einen Systemwechsel vor: Psychologen sollen künftig auf ärztliche Anordnung selbständig tätig sein können.

red/Agenturen

Heute werden die Leistungen psychologischer Therapeuten von der obligatorischen Krankenversicherung nur dann übernommen, wenn sie unter Aufsicht und in den Räumlichkeiten eines Arztes erbracht werden. Der Schweizer Bundesrat will das ändern. Am Mittwoch hat er die Vernehmlassung dazu eröffnet.

Künftig sollen psychologische Therapeuten ihre Leistungen im Rahmen der Krankenversicherung selbständig erbringen dürfen, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. So benötigen sie eine entsprechende Qualifikation, eine Berufsausübungsbewilligung des Kantons sowie klinische Erfahrung.

Auf Anordnung des Hausarztes

Die Psychotherapie muss außerdem durch eine Ärztin oder einen Arzt angeordnet werden - wie heute die Physiotherapie. Es kann sich aber um einen Hausarzt oder um eine Gynäkologin handeln. Eine vorgängige Konsultation bei einer Psychiaterin oder einem Psychiater ist nicht mehr zwingend.

Der Bundesrat verspricht sich dadurch eine bessere Versorgung: Mit dem Systemwechsel könnten Engpässe bei Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen in Krisen- und Notfallsituationen reduziert werden, schreibt er. Die Anordnung durch eine Hausärztin oder einen Hausarzt ermögliche einen einfacheren und früheren Zugang zur Psychotherapie. Damit könnten auch Langzeittherapien und Chronifizierungen vermindert und der Medikamentenbedarf reduziert werden.

Viele Menschen betroffen

Psychische Störungen zählten zu den häufigsten und am meisten einschränkenden Krankheiten, hält der Bundesrat fest. Erhebungen und Schätzungen belegten, dass im Laufe eines Jahres bei bis zu einem Drittel der Schweizer Bevölkerung eine psychische Krankheit eintrete - in den meisten Fällen eine, die behandelt werden sollte.

Am häufigsten seien Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen. Dies verursache auch hohe volkswirtschaftliche Kosten. Der Bundesrat zitiert eine Studie aus Kanada, wonach ein Dollar, der zur Versorgung der Depression investiert wird, der Gesellschaft durchschnittlich zwei Dollar spart.

Maximal 15 Sitzungen

Die Änderung würde indes zu einem Anstieg der Kosten für die Krankenkassen führen: Der Bundesrat geht davon aus, dass heute privat bezahlte Leistungen im Umfang von rund 100 Millionen Franken künftig über die obligatorische Krankenversicherung abgerechnet würden. Längerfristig dürfte diese Zahl noch etwas steigen, schreibt er. Der Wechsel könnte zu jährlichen Mehrkosten von 167 Millionen Franken führen.

Um den Anstieg der Kosten zu begrenzen beziehungsweise eine ungerechtfertigte Mengenausweitung zu vermeiden, schlägt der Bundesrat verschiedene Maßnahmen vor. So sollen pro ärztliche Anordnung maximal 15 Sitzungen möglich sein. Für eine Verlängerung wäre eine neue ärztliche Anordnung nötig.

Frühere Überprüfung

Weiter soll die Zahl der Sitzungen reduziert werden, die abgehalten werden dürfen, bis mit dem Versicherer Rücksprache genommen werden muss - sowohl für die psychologische als auch die ärztliche Psychotherapie. Bisher galt für die ärztliche Psychotherapie die maximale Anzahl von 40 Sitzungen, neu sollen es 30 Sitzungen sein. In der Schweiz dauert eine durchschnittliche Psychotherapie 29 Sitzungen.

Das Ziel einer früheren Prüfung durch eine Zweitinstanz sei die potenziell frühere Erkennung von Fällen, in denen für eine Fortführung der Therapie kein weiterer erwarteter Zusatznutzen aufgezeigt werden könne, heißt es im Bericht zur Vernehmlassung.

Entwicklung überwachen

Um die Auswirkungen der Neuregelung auf die Kosten und die Versorgung zu überwachen, soll über die nächsten Jahre ein Monitoring durchgeführt werden. Die neuen Regeln sollen anschließend evaluiert werden.

Die Vernehmlassung zu den nötigen Verordnungsänderungen dauert bis zum 17. Oktober. Das heutige Modell beruht auf einem Entscheid des Bundesgerichts. Es war als Übergangslösung bis zur Harmonisierung der Ausbildung von Psychologen gedacht gewesen. Mit dem Bundesgesetz über die Psychologieberufe, das 2013 in Kraft getreten ist, sei die Harmonisierung erfolgt.