Schweiz

Diskussion um Kosten für Krebs und Gentherapien

Rund vier Millionen Franken kostet eine Gentherapie gegen eine erbliche Muskelkrankheit in der Schweiz. Ob solche Kosten für ein einzelnes Menschenleben für die Allgemeinheit noch tragbar sind, diskutierten Fachleute an einem Kongress in Kloten ZH.

red/Agenturen

Die moderne Medizin wird immer besser. Neue Therapien bekommen bisher unheilbare oder schwer behandelbare Krankheiten immer besser in den Griff. Zugleich klettern aber auch die Preise für diese Therapien. Jüngst machte die Pharmafirma Novartis mit ihrer neu zugelassenen Gentherapie zur Behandlung der Spinalen Muskelatrophie bei Kleinkindern Schlagzeilen. Kostenpunkt: rund vier Millionen Franken pro Patient.

Angesichts der kletternden Therapiekosten, die Pharmaunternehmen mit der aufwendigen Forschung und Entwicklung begründen, und den stetig steigenden Gesundheitskosten und Krankenkassenprämien, drängt sich die Frage auf, wie viel eine lebensverlängernde Therapie für einen einzelnen Menschen die Allgemeinheit kosten darf.

Im Rahmen des „Swiss Oncology & Hematology Congress“ SOHC diskutierten über tausend Teilnehmende unter anderem über diese Frage unter dem Stichwort „Zugangsgerechtigkeit“, wie die Tagungsverantwortlichen in einer Medienmitteilung vom Donnerstag schrieben.

Zweiklassenmedizin

Ginge es nach manchen Gesundheitsökonomen, würden die Gesundheitskosten durch Einschränkung von Leistungen für Grundversicherte gesenkt, wenn eine Behandlung vermeintlich unnötig oder das Kosten-Nutzen-Verhältnis ungünstig erscheint, hieß es weiter. „Damit könnten sich einige lebensverlängernde Maßnahmen nur noch reiche Personen in der Schweiz leisten, was direkt zu einer Zweiklassenmedizin führen würde“, ließ sich Jakob R. Passweg, ehemaliger Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Hämatologie zitieren.

Für Passweg sollten die Kosten jedoch nicht im Mittelpunkt stehen: „Aus medizinischer Sicht darf das Sinnvolle aber nicht das Ökonomische sein“, so Passweg weiter. Vielmehr müssten die Erfolgsaussichten einer medizinischen Therapie und die Bedürfnisse des Patienten im Vordergrund stehen.

Das Dilemma der steigenden Kosten setzt sich insofern noch fort, dass dank modernster Therapien immer weniger Menschen an den Folgen von Krebs sterben müssen. Jedoch bleiben 20 bis 30 Prozent der Krebspatienten chronisch krank, weil sie nicht komplett geheilt werden können. Diese brauchen langfristig medizinische Betreuung.

Unterschiede bei Vergütung

Zudem stellten die Tagungsteilnehmenden fest, dass der langwierige Zulassungsprozess für neue Therapien in der Schweiz eine ganz eigene Problematik für betroffene Patienten aufwirft: Zwar können sie sich für eine „Off Label“-Behandlung mit einem in der Schweiz noch nicht zugelassenen Medikament entscheiden, beziehungsweise einem, das noch nicht auf der Spezialitätenliste aufgeführt und damit regulär vergütet wird. Allerdings entscheiden die Krankenkassen dann von Fall zu Fall über die Vergütung. In der Schweiz gibt es Schätzungen zufolge jährlich 25.000 bis 30.000 Off-Label-Anträge.

„Es gibt Unterschiede, wie Kassen auf Off-Label-Anträge reagieren“, sagte Markus Borner, Co-Präsident Schweizerischen Gesellschaft für Molekulare Onkologie. Ob ein Patient bei gleicher Diagnose eine Behandlung vergütet bekommt oder nicht, hänge von der Kasse und vom Kanton ab.

Knapp ein Drittel aller Krebsbehandlungen würden Off-Label vergütet, erklärte die Krebsliga Schweiz. Bei Kindern sogar fast 100 Prozent, da die Medikamente in der Regel nur für Erwachsene zugelassen sind.