Angehörige von Toten in Italien fordern Gerechtigkeit

Die Angehörigen von zahlreichen Toten durch das Coronavirus in Italien erheben schwere Vorwürfe gegen die Behörden. 50 Strafanzeigen gegen unbekannt sind für Mittwoch geplant.

red/Agenturen

Zu viele Menschen seien in der Corona-Krise wegen Fahrlässigkeit und Inkompetenz gestorben, berichtete die Gruppe Noi Denunceremo (Wir prangern an) vor Auslandsjournalisten in Rom. Sie setzt sich aus Familienmitgliedern von Menschen zusammen, die an der Lungenkrankheit gestorben sind. Diesen Mittwoch wollen sie in der norditalienischen Stadt Bergamo symbolisch rund 50 Strafanzeigen gegen unbekannt bei der Staatsanwaltschaft einreichen.

„Wir wollen, dass jemand zurücktritt, dass sich jemand entschuldigt. Wir erwarten, dass jemand Verantwortung übernimmt, etwas, was bisher noch niemand getan hat“, sagte Cristina Longhini. Sie verlor in Bergamo ihren 65 Jahre alten Vater. Er sei Anfang März krank geworden, aber der Hausarzt habe einen Besuch abgelehnt und eine Ambulanz sei tagelang nicht gekommen, um ihn ins Krankenhaus zu bringen. „Zu viele Patienten sind zu spät in Krankenhäuser gekommen, und das hat zu zu vielen Toten geführt.“

Bergamo: Epizentrum der Corona-Krise in Italien 

Weil die Krematorien in der Provinz Bergamo nicht mehr alle Leichen verbrennen konnten, mussten die Särge mit Militärwagen abtransportiert werden. Vor allem an der Regionalregierung der Lombardei wurde Kritik laut, dass sie die Hotspots nicht früher abgeriegelt habe. Die Region weist die Vorwürfe zurück und verweist auf die Regierung in Rom, die eine solche Entscheidung treffen hätte müssen. Staatsanwaltschaften in der Lombardei ermitteln bereits in mehreren Fällen wegen Missmanagements zum Beispiel in Altersheimen, wo es besonders viele Opfer gab.

Stefano Fusco, dessen 85 Jahre alter Großvater am Virus starb, erklärte, dass die Behörden „oberflächlich und amateurhaft“ gehandelt hätten. Die Gruppe wolle keine finanzielle Entschädigung, „auch weil alles Gold der Welt uns nicht zurückgeben kann, was wir verloren haben“. „Es geht nicht um Rache, es geht um Gerechtigkeit.“ Die Vorwürfe der Gruppenmitglieder richten sich nicht konkret gegen einzelne Personen oder Ärzte, sondern gegen die Handhabung der Krise im Allgemeinen.

In Bergamo haben 57 Prozent der Bürger Antikörper

Währenddessen sind bei 57 Prozent von fast 10.000 Bürgern der Stadt Bergamo bei einem Test Antikörper gegen das neuartige Coronavirus nachgewiesen worden. Bei etwa 10.400 getesteten Mitarbeitern im Gesundheitswesen habe die Quote dagegen nur bei gut 30 Prozent gelegen, teilten die Behörden am Montag mit. Bergamo war von dem Ausbruch in Italien besonders schwer betroffen.

Die Zahl der neuen Virus-Toten in Italien hat sich unterdessen wieder leicht erhöht. Die Zivilschutzbehörde teilte mit, zuletzt seien 65 Menschen an Covid-19 gestorben, nach 53 am Vortag. Insgesamt seien damit bisher 33.964 Personen den Virus-Folgen erlegen. Das ist - gemessen an den Angaben der jeweiligen Behörden - die vierthöchste Zahl weltweit hinter den USA, Brasilien und Großbritannien. Die Zahl der Infizierten stieg um 280 nach 197 am Vortag und liegt nun bei 235.278.