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Coronavirus

Dexamethason: Warum die WHO jubelt und Experten die Euphorie bremsen

Jubelmeldungen der WHO gibt es derzeit rund um den Entzündungshemmer Dexamethason als erfolgversprechend bei schweren Covid-19-Verläufen. Der Wirkstoff selbst ist mitnichten neu, er wird seit mehr als 50 Jahren in der Medizin eingesetzt, unter anderem bei Atemwegserkrankungen. „Kortison setzen wir in der Intensivmedizin seit Jahrzehnten ein", sagte Walter Hasibeder, zukünftiger Präsident der österreichischen Intensivmedizin-Fachgesellschaft (ÖGARI), am Mittwoch.

 

red/Agenturen

Auch deutsche Experten warnen vor einer verfrühten Euphorie rund um Covid, „ohnehin sei eine abschließende Einschätzung zur Qualität erst möglich, wenn die Originaldaten ausführlich gesichtet seien.“ Darauf wies Maria Vehreschild, Leiterin des Schwerpunkts Infektiologie am Universitätsklinikum der Goethe-Universität Frankfurt, hin. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), hatte die Ergebnisse euphorisch als „großartige Neuigkeiten“ bezeichnet. Endlich sei ein Mittel gefunden, das die Sterblichkeit von Covid-19-Patienten verringere. Es handle sich um einen „lebensrettenden wissenschaftlichen Durchbruch", erklärte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus außerdem in der Nacht zum Mittwoch in Genf. Tedros sprach von „großartigen Neuigkeiten" und gratulierte der britischen Regierung.

Die Behandlung mit Dexamethason reduzierte demnach die 28-Tage-Sterblichkeit der mechanisch beatmeten Patienten um 35 Prozent. In der zweiten Gruppe der mit Sauerstoff therapierten Patienten sank die 28-Tage-Mortalität um 20 Prozent. Bei den Patienten, die keine Unterstützung der Atmung benötigten, erzielte Dexamethason keine Wirkung.  Die Daten sind allerdings noch nicht in einem Fachjournal veröffentlicht und von anderen Experten begutachtet, sie wurden von der britischen Universität Oxford lediglich in einer Mitteilung verkündet.

„Das wäre eine niedrig dosierte Kortisontherapie", erklärte Hasibeder. An sich sei damit ein derart großer Effekt mit dem Medikament unter dieser Dosierung eher nicht zu erwarten. „Diese Steroidtherapie bei verschiedenen sehr schweren Infektionen wurde immer wieder versucht", sagte Hasibeder. Längst nicht immer seien damit Erfolge erzielt worden. Man habe diese Strategie auch immer wieder verlassen.

Vorteil: Billig und leicht verfügbar

Dexamethason hat keinen Effekt gegen SARS-CoV-2. Bei Intensivpatienten mit schwerem Lungenversagen erhofft man sich - plausibel - eine Dämpfung einer überbordenden Entzündungsreaktion, wie sie beispielsweise auch im Rahmen eines septischen Schocks auftritt. Hier könne die Gabe von Kortison einen positiven Effekt haben, sagte Hasibeder. Die Wirkung dürfte aber auch in diesen Fällen quasi über einen Umweg zum Tragen kommen. Zur Aufrechterhaltung des Blutdrucks bekommen diese Patienten oft hoch dosiert Adrenalin-artige Medikamente. Kortison kann hier einem Wirkungsverlust dieser Arzneimittel gegensteuern helfen.

Für einen Hype sollten die vorläufigen Studienergebnisse jedenfalls nicht sorgen. Kortison in höherer Dosierung dämpft auch die Immunabwehr. „Das ist ein zweischneidiges Schwert", sagte Hasibeder. Kortisone sind jedenfalls Uralt-Medikamente, die täglich millionenfach zur Behandlung von Entzündungen verwendet werde und kostenmäßig sehr günstig.

Wichtig sei unter anderem, die Nebenwirkungen noch weiter aus den Daten herauszuarbeiten, so Vehreschild. Zu prüfen sei auch, ob die beiden Patientengruppen - Dexamethason-Gruppe und Vergleichsgruppe - wirklich vergleichbar waren, erklärte der Pneumologe Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover. „Bevor man das vollständige, durch unabhängige Gutachter beurteilte Manuskript gesehen hat, kann man die Wertigkeit der Studie nicht beurteilen.“

Der Virologe Christian Drosten etwa hat die positive Wirkung von Dexamethason in der Spätphase der Erkrankung betont. Bei einer Pressekonferenz der österreichischen Bundesregierung Mittwoch vormittag erklärte der Direktor am Institut für Virologie der Berliner Charité in einer Video-Schaltung, dass besonders Patienten, die auf der Intensivstation liegen von dem Cortison-Medikament profitieren könnten. Das Medikament sei demnach „kein Durchbruch für die breite Masse der Patienten", so Drosten. Vergleiche zu dem antiviralen Medikament Remdesivir sah der Virologe nicht. Remdesivir sei im Vergleich zum Cortison-Medikament vor allem in der frühen Phase der Erkrankung wirksam. Die Studie der Oxford Universität selbst ist Drosten zufolge „handwerklich präzise gemacht".

Zu bedenken sei bei den Ergebnissen, wie auch Hasibeder betont, dass Dexamethason die Immunantwort gegen das Virus bremst und so dazu führen könnte, dass das Virus langsamer eliminiert wird, ergänzte Bernd Salzberger, Bereichsleiter Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. Laut Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin am München Klinik Schwabing, Clemens Wendtner, muss geprüft werden, inwieweit der Mehrwert von Steroiden wie Dexamethason hinsichtlich der Sterberate mit schweren Infektionen anderer Art - sogenannten Superinfektionen - erkauft werden muss.

Wirkung keine Überraschung

In der „Recovery“-Studie wird die Eignung verschiedener solcher schon länger zugelassener Medikamente als Mittel gegen Covid-19 geprüft. Der Dexamethason-Teil umfasste rund 2100 Patienten. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass bei der Behandlung mit Dexamethason im Mittel von je acht schwerkranken Covid-19-Patienten ein Todesfall verhindert werden könnte.

„Dexamethason ist kostengünstig, verfügbar und kann sofort eingesetzt werden, um weltweit Leben zu retten“, erklärte Peter Horby, einer der Leiter der „Recovery“-Studie. Auch Vehreschild von der Goethe-Universität Frankfurt sagte, dass sie keine grundsätzlichen Hürden bei der Verabreichung und Verfügbarkeit sehe, da der Wirkstoff ja bereits zugelassen und die Applikation über die Vene oder als Tablette möglich sei.

„Aus biologischer Sicht ist dieser Effekt nicht völlig überraschend, da insbesondere die schwer erkrankten Patienten unter einer überschießenden Immunreaktion leiden“, erklärte sie. Kortison sei ein klassischer Behandlungsansatz, um das Immunsystem zu unterdrücken. „Überraschend ist aber die Stärke des nachgewiesenen Effektes.“

Spannend werde sein, ob andere Interventionen gegen ein überschießendes Immunsystem wie der Einsatz von teuren Interleukin-1- oder Interleukin-6-Rezeptor-Blockern vergleichbare Effekte haben, erklärte Wendtner. „Angesichts des insgesamt nur kleinen, wenn auch signifikanten Herabsetzens der Sterblichkeitsrate durch Steroide bleibt die beste Medizin die Verhinderung der Covid-19-Erkrankung durch einen effizienten Impfstoff.“

 

University of Oxford

Recovery-Studie

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