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Coronakrise

Gesundheitsminister über 600 Infizierte „in Sorge"

Die Zahl der in Österreich aktiv Erkrankten ist zuletzt wieder deutlich angestiegen. Nachdem diese vor zwei Wochen bereits unter 400 lag, sind sie am Montag auf exakt 600 hinaufgegangen. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) zeigte sich in einem Pressestatement über die regionalen Ausbrüche „in Sorge“.

red/Agenturen

In den kommenden Tagen werden daher die Clusterbildungen besonders genau kontrolliert. Grund für den Anstieg könnte die Abnahme des Risikobewusstseins bei einem Teil der Bevölkerung sein. „Mein dringender Appell geht daher genau an diesen Teil der Bevölkerung, sich durch die wochenlangen guten Zahlen nicht täuschen zu lassen“, sagte Anschober in der Stellungnahme. „Das Virus ist nicht auf Urlaub, es ist weiterhin unter uns und es ist hochgefährlich.“

Die Österreicherinnen und Österreicher sollten nun nicht sorglos werden, sondern Verantwortung tragen und die Maßnahmen weiterhin umsetzen. Dass die Pflicht, den Mund-Nasen-Schutz (MNS) zu tragen teilweise aufgehoben wurde, heißt nicht, dass die Masken ab nun verboten seien. „Es macht Sinn, den MNS in Eigenverantwortung weiter zu tragen“, riet Anschober.

Zuletzt wurden von Gesundheits- und Innenministerium 69 Neuinfektionen für ein 24-Stunden-Fenster gemeldet, wovon Oberösterreich mit 39 klar mehr als die Hälfte stellte. Es folgten Wien (12), Niederösterreich (8), Salzburg und Steiermark (je 3), Burgenland und Tirol (je 2). Nur Kärnten und Vorarlberg vermeldeten keine Neuinfizierten.

Anschober kündigte Tests für Reisende aus Gütersloh an 

Zuvor kündigte Anschober an, dass Reisende aus dem Kreis Gütersloh im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen künftig nur mit einem negativen Coronatest nach Österreich reisen dürfen. Das sagte der Gesundheitsminister am Sonntagabend in der ORF-Sendung „Im Zentrum“ an. Österreich verhalte sich mit diesen Plänen analog zu deutschen Bestimmungen. Eine Reisewarnung gilt nur noch für den Kreis Gütersloh.

„Wir machen da eine gemeinsame Linie“, sagte Anschober. Der Test dürfe nicht älter als 48 Stunden sein. Menschen aus dieser Region müssten an Flughäfen, aber auch bei der Einreise per Auto mit Kontrollen rechnen, sagte Innenminister Karl Nehammer (ÖVP). Die Pläne gelten nicht für Reisende aus dem angrenzenden Kreis Warendorf, wo sich die Zahl der Corona-Infektionsfälle deutlich besser entwickelt habe, hieß es.

Auch Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) erklärte, dass eine Reisewarnung nur noch für den Kreis Gütersloh gelte. Köstinger sagte am Samstagabend in der Sendung „Bild live - Die richtigen Fragen“: „Mit heute 00.00 Uhr wird die allgemeine Reisewarnung für Nordrhein-Westfalen aufgehoben, sie wird nur mehr für den Kreis Gütersloh gelten.“

In Bayern soll sich außerdem jeder Bürger unabhängig von Symptomen auf das Coronavirus testen lassen können. Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) kündigte am Sonntag in München an, den Bürgern „zeitnah“ anzubieten, „sich bei einem niedergelassenen Vertragsarzt auch ohne Symptome testen zu lassen“.

Verdachtsfälle weiterhin mit Vorrang getestet

Menschen mit einem Verdacht auf eine Covid-19-Erkrankung sollten aber wie bisher prioritär getestet werden. Huml erklärte, der Ausbau der Testkapazitäten und deren Ausschöpfung sei von entscheidender Bedeutung für die Eindämmung der Corona-Pandemie. „Wir werden die Testungen auf SARS-CoV-2 in Bayern massiv ausweiten.“ So sollten auch die freiwilligen Tests in Pflege- und Altenheimen, Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen und Krankenhäusern ausgebaut werden. Dies gelte auch für die Tests von Lehrern und Erziehern.

Huml kündigte außerdem Reihenuntersuchungen bei ausgewählten Schlachthöfen, Zerlege- und Fleischverarbeitungsvertrieben an. Insgesamt werde in Kürze in 33 solcher Fleischbetriebe die Testreihe anfangen. „Dabei wollen wir auch herausfinden, ob die hohe körperliche Belastung oder die Arbeit bei ungünstigen Klimabedingungen mögliche weitere Risikofaktoren für eine Corona-Infektion darstellen.“

Für Bewohner der betroffenen Region um die Großschlachterei Tönnies gelte: Wer einen negativen Corona-Test vorweise, werde „seinen Urlaub in Österreich antreten können“. Beim Fleischfabrikanten Tönnies im Kreis Gütersloh hatten sich mehr als 1500 Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert. Laut Behörden gibt es inzwischen auch außerhalb der Belegschaft einen merklichen Anstieg neuer Fälle.

In den Reisehinweisen des Auswärtigen Amtes in Berlin hieß es am späten Sonntagabend, laut Mitteilung des österreichischen Gesundheitsministeriums müssten Reisende aus Gütersloh ab Montag 00.01 Uhr bei der Einreise einen negativen Corona-Test vorlegen.

Debatte um partielle Reisewarnung

Aus Regierungskreisen im Bundesland Nordrhein-Westfalen hieß es, Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) habe am Wochenende mehrfach mit Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) telefoniert und die Lage mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen in der Corona-Pandemie erörtert. Laschet habe die Maßnahmen der betroffenen Kreise und des Landes zur Eindämmung des Ausbruchs sowie die Anstrengungen zur massiven Testung der Tönnies-Mitarbeiter, ihres Umfelds und der Gesamtbevölkerung erläutert. Kurz hat demnach seine Anerkennung dafür zum Ausdruck gebracht sowie das konsequente und umfassende Vorgehen begrüßt.

Die Bundesregierung hatte nach dem massiven Coronavirus-Ausbruch beim deutschen Fleischverarbeiter Tönnies in Nordrhein-Westfalen eine partielle Reisewarnung der Stufe fünf für das deutsche Bundesland verhängt. Bei einer Reisewarnung der Stufe 5 wird vor Reisen in diese Region gewarnt, bei der Stufe 6 bezieht sich die Warnung auf das gesamte Land.

Am Donnerstag wurde partielle Reisewarnung wieder aufgehoben und auf die beiden Landkreise Gütersloh und Warendorf beschränkt. Zuvor hatte es Kritik aus Deutschland an der österreichischen Entscheidung gegeben.

Spahn kritisiert Bayern wegen Testoffensive

Die Ankündigung von Bayern für Corona-Tests für alle Bürger stieß bei Deutschlands Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf Kritik. „Einfach nur viel testen klingt gut, ist aber ohne systematisches Vorgehen nicht zielführend“, schrieb Spahn am Montag im Kurzbotschaftendienst Twitter. Dies wiege in falscher Sicherheit, erhöhe das Risiko falsch-positiver Ergebnisse und belaste die vorhandene Testkapazität.

Spahn schrieb, „testen, testen, testen - aber gezielt“ sei die mit dem Robert-Koch-Institut entwickelte nationale Teststrategie. Dies beinhalte umfassendes präventives Testen im Gesundheitswesen und bei lokalen Ausbrüchen wie zuletzt in Gütersloh.

Bayern hatte am Wochenende angekündigt, dass sich zeitnah jeder Bürger auch ohne Symptome auf das Coronavirus testen lassen kann. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) verteidigte diese Strategie im ZDF-"Morgenmagazin“, es gebe keine andere Möglichkeit für Sicherheit als zu testen. Bayern mache gezielte Serientests etwa in Pflege- und Erziehungsberufen - dies sei die Basis. Darüber hinaus solle es aber die breite Testmöglichkeit für alle Bürger in Bayern geben.

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