Social Distancing auch bei Heiligenverehrung in Rom

Der Schutz vor dem Virus verändert die Pilgerbräuche in Rom: Es ist kein unbedeutender Einschnitt im Brauchtum. Römer und Fremde pflegten ihre Verehrung für die Madonna, das Jesuskind, Christus am Kreuz oder Pater Pio liebkosend zu bekunden. Jetzt ist selbst gegenüber den Heiligen Social Distancing angesagt. 

red/Agenturen

Nur ein Klumpfuß ist dem bronzenen Sankt Peter geblieben: Generationen pilgerten an der Figur des thronenden Apostelfürsten im Petersdom im Vatikan vorbei, strichen mit der Hand über die etwas vorgestellte rechte Sandale oder küssten sie sogar. Seine Zehen hat der Heilige durch Abrieb längst verloren. Neuerdings pausiert der Verfall. Seit der Wiedereröffnung nach dem Corona-Lockdown hält eine rote Kordel die Gläubigen, die die vatikanischen Basilika besuchen, von ihrem ersten Papst auf Abstand.

Die neue Praxis erreichte auch die Heilige Treppe in Rom. Pilger erklimmen die Stiege, die Jesus der Überlieferung nach bei seiner Verurteilung beschritt, nur auf Knien. Wer diese Andachtsübung vollziehen will, muss nun Maske, Einweghandschuhe und Überschuhe anlegen und, sofern es sich nicht um Personen des gleichen Haushalts handelt, drei Stufen Abstand zum Vordermann halten.

Mit Händen anfassen

Dennoch verzeichnet das Heiligtum neben der Lateranbasilika wieder einigen Zulauf: 3.000 Besucher in sechs Wochen, kalkuliert auf Grundlage der benutzten Fußhüllen. Es gebe „ein starkes Bedürfnis zu beten, zu danken“, sagt Emiliano, ein Aufseher. Die Isolation, der neue Vorbehalt gegen Körperlichkeit verstärkte bei vielen offenbar auch den „Wunsch, etwas mit Händen zu berühren“.

Auf andere Weise gilt das auch für die Bocca della Verità. Einmal die Hand in das steinerne Maul zu legen, das angeblich Lügnern die Finger abbeißt: Was zu den beliebtesten Touristen-Ritualen in Rom gehört, ist inzwischen eher eine infektiologische Mutprobe. Fast alle Besucher verzichten auf Handschuhe und Masken - des Erinnerungsfotos wegen.

Der Versuch einer Totalsperrung wie im Petersdom schlug fehl, erzählt der melkitische (arabischsprachige griechisch-katholische) Archimandrit Chihade Abboud, Rektor der Kirche Santa Maria in Cosmedin, in deren Vorhalle die Bocca della Verità steht. „Die Leute stiegen über die Barriere oder passten einen Moment ab, wo der Wärter wegschaute. Die Gefahr war, dass sie stolpern und hinfallen.“

Jetzt setzt Abboud auf regelmäßige Sprühdesinfektionen - mit einer eigens vom Kulturministerium gebilligten Lösung, damit der Virenkiller keine Löcher in den antiken Marmor frisst - und auf Eigenverantwortung. Wer will, kann Handgel benutzen. „Zwei, drei Liter“ täglich stellt der Rektor bereit, „vom Guten“. Der Preis hat sich verdoppelt, die Spenden sind, wie die Besucherzahlen, im Keller.

Kussverbot

Wenige Schritte weiter die Kirche San Teodoro al Palatino, Sitz der griechisch-orthodoxen Gemeinde: Für Christen der byzantinischen Tradition ist es ein selbstverständlicher Ausdruck der Frömmigkeit, Ikonen zu küssen. „Wir haben es ihnen verboten“, sagt Pfarrer Simeon Katsinas. „Es ist eine schmerzliche Zeit für die Gläubigen, für alle.“

Am Eingang steht die Ikone des Tagesheiligen, des ägyptischen Wüstenvaters Pischoi (Bischoi, griechisch Paisios). Eine junge Frau mit Kleinkind auf dem Arm verlässt die Kirche; im Hinausgehen berührt sie das heilige Bild und führt ihre Fingerspitzen an den Mund. Dennoch bekräftigt Katsinas, man halte sämtliche Vorschriften ein: Desinfektion, Sitzabstände, Kommunionausteilung mit Mundschutz und Handschuhen. „Eine irre Situation.“ Der Priester klingt genervt.

Die Kommunion selbst wird nach orthodoxem Brauch als in Wein eingebrocktes Brot mit einem Löffel aus dem Kelch gereicht. Wie geht das, ohne dass der Löffel den Mund von Dutzenden berührt? - „Darüber diskutieren wir nicht“, sagt Katsinas. „Die Eucharistie ist ein Mysterium, und wenn das Mysterium nicht existiert, existiert die Kirche nicht.“

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