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Coronavirus

WHO dämpft Erwartung auf baldige Ausrottung des Virus

Eine baldige Ausrottung des neuen Coronavirus ist nach Überzeugung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht in Sicht. „Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben“, sagte Nothilfekoordinator Mike Ryan am Donnerstagabend in Genf. „Wir werden in absehbarer Zukunft nicht in der Lage sein, das Virus zu beseitigen oder auszurotten.“

red/Agenturen
„Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben.“ WHO-Nothilfekoordinator Mike Ryan

Vielmehr müssten die Menschen lernen, mit dem Virus zu leben und in eine gewisse Normalität zurückzufinden. Ryan rief die Länder weltweit auf, alle zur Verfügung stehenden Maßnahmen einzusetzen, um die Infektionsketten zu unterbrechen. Dazu gehöre auch, im Notfall Bars oder Clubs vorübergehend wieder zu schließen oder die Zahl der Besucher zu begrenzen.

„Wenn die Infektionsrate in einer Gesellschaft hoch ist, dann werden Aktivitäten, die viele Menschen zusammenbringen, vor allem in geschlossenen Räumen, weitere Übertragungen der Krankheit verursachen“, sagte Ryan.

WHO-Chef Tedros wehrt sich persönlich gegen US-Attacken

Indes hat sich der Direktor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jüngst persönlich gegen neue, von Medien transportierte amerikanische Attacken verwahrt. „Eine der größten Gefahren ist die Politisierung der Pandemie“, sagte Tedros Adhanom Ghebreyesus am Donnerstag in Genf. Das erschwere den Kampf gegen das Coronavirus und die von ihm ausgelöste Krankheit Covid-19.

„Covid-Politisierungen sollten in Quarantäne geschickt werden“, sagte Tedros. Er bezeichnete Vorwürfe, die US-Außenminister Mike Pompeo im Gespräch mit britischen Parlamentariern gemacht haben soll, als „absolut inakzeptabel“. Britische Zeitungen hatten über ein Gespräch Pompeos mit britischen Parlamentariern berichtet. Mehrere Teilnehmer hätten bestätigt, dass Pompeo erklärt habe, dass Tedros von China „gekauft“ worden sei. Er berufe sich auf Geheimdiensterkenntnisse, soll Pompeo gesagt haben.

Die WHO werde sich nicht von ihrem Fokus auf die Eindämmung des Virus ablenken lassen, sagte die amerikanische WHO-Epidemiologin Maria van Kerkhove. Sie sprach Tedros ebenso wie Nothilfekoordinator Mike Ryan das volle Vertrauen aus. „Wir sind stolz, die WHO zu sein“, sagte Ryan. „Wir werden der Welt weiter dienen, egal, was gesagt wird.“

Die USA werfen der WHO vor, die Gefahr durch das Virus auf Geheiß Chinas anfangs heruntergespielt zu haben. Sie haben deshalb ihren Austritt aus der WHO verkündet. Kritiker sagen, US-Präsident Donald Trump wolle damit von seinem eigenen Krisenmanagement ablenken.

Kampf gegen die gesundheitsschädliche Infoflut

Im Kampf gegen ein Virus, dass Millionen Menschen bedroht, gibt es aber noch eine weitere Front: die Informationsflut mit vielen falschen und missverständlichen Inhalten, die das Vertrauen in Behörden und Experten zu untergraben droht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Wissenschafter mehrerer Disziplinen und Ländern zusammengebracht, die eine neue Forschungsdisziplin schaffen wollen: Infodemiologie.

Das ist das Ergebnis einer Online-Konferenz, die am Dienstag zu Ende gegangen ist. Beteiligt waren Experten aus Disziplinen wie Mathematik, EDV, Soziologie, Psychologie, Gesundheit, Kommunikation und anderen.

WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus hatte schon zu Anfang der Coronavirus-Pandemie vor einer „Infodemie“ gewarnt, die Menschen mit einer schier unendlichen Flut von Information zu erschlagen drohte. Darunter seien Falschinformationen und Verschwörungstheorien, die Menschen verunsicherten. Wie dieses Phänomen in den Griff zu bekommen ist, soll die Disziplin der Infodemiologie zu Tage fördern.

Eine unüberschaubare Menge an Informationen könne sich negativ auf die Gesundheit auswirken, so die WHO, etwa weil sie Stress und Sorgen verstärken und Menschen womöglich dahin trieben, gefährlichen Ratschlägen zu folgen. „Es war noch nie deutlicher als heute, dass Kommunikation eine wesentliche gesundheitspolitische Intervention ist, die ebenso wie Epidemiologie, Virologie und klinisches Management zur Bekämpfung von Pandemien beiträgt“, betonte die WHO.

Es sei nötig, den Informationsfluss in sozialen Medien messen zu können, sagte Pier Luigi Sacco von der Universität IULM in Mailand. Offene Fragen seien unter anderem, wie Menschen lernen können, gute von schlechten Quellen zu unterscheiden, wie Missverständnisse beim Informationsaustausch durch kulturelle Verschiedenheiten unterbunden werden können, wie effektiver kommuniziert werden könne.

WHO HQ Genf
Der Anteil der 15- bis 24-Jährigen an den neuen SARS-CoV-2-Infektionen sei laut einer Studie von ehemals 4,5 Prozent auf bis zu 50 Prozent gestiegen. Vor diesem Hintergrund hat die WHO einen Appell an Jugendliche gerichtet.
Von I, Yann, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2367501