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Corona-Impfstoff

„Innerhalb der nächsten Wochen bis Monate" Resultate

Der in New York arbeitende österreichische Virologe Florian Krammer ist weiterhin optimistisch, was eine baldige Verfügbarkeit eines Impfstoffes gegen das Coronavirus angeht. Es gebe vermutlich „innerhalb der nächsten Wochen bis Monate“ entscheidende Resultate, dann könne geimpft werden, sagte er am Sonntagabend in ORF-“Im Zentrum“. „In Europa werden wir einen sicheren Impfstoff haben“, betonte Martin Selmayr, Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich.

red/Agenturen

Es würden alle Testphasen durchlaufen, versicherte Selmayr. Er dämpfte allerdings die Erwartung auf eine rasche Verfügbarkeit für alle Bevölkerungsgruppen. Es gibt mit Covax „eine weltweite Initiative zur Entwicklung und fairen Verbreitung eines Impfstoffs“, erläuterte er. Vor allem die Verteilung werde Zeit brauchen und man müsse Geduld haben. Es werde keinen „Impfstoffnationalismus“ und kein „Europa first“ geben. „Risikogruppen und natürlich das medizinische Personal stehen an erster Stelle“, sagte Selmayr.

Er rechne in den USA Ende des Jahres mit einem Impfstoff am Markt, berichtete der aus New York zugeschaltete Krammer. Ob man in Österreich schon im Dezember einen Impfstoff hat, „ist fraglich“. Der globale Markt sei sehr aufgeteilt. Für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist besonders wichtig, „zu garantieren, dass auch die ärmeren Länder Zugang bekommen“, sagte die aus der Schweiz zugeschaltete WHO-Beraterin Ilona Kickbusch. Sie erwartete, dass im kommenden Sommer weltweit damit begonnen werde, vorerst 20 Prozent der Bevölkerung zu impfen - mit einem Fokus auf Hochrisikogruppen.

„Unheimlich gute Datenlage“ nötig

„Ich glaube nicht, dass Grenzschließungen eine positive Entwicklung haben können“, sagte Krammer angesprochen auf die drastischen Maßnahmen zu Beginn der Pandemie und aktuell unterschiedliche Strategien in Ländern mit stark steigenden Zahlen. „Das Virus ist fast überall“, betonte der Virologe. „Es hat nicht die Europäische Union die Grenzen geschlossen“, das seien nationale Regierungen gewesen, hielt Selmayr fest. Er sei froh, dass in der zweiten Phase der Krise „verhältnismäßigere Maßnahmen“ ergriffen worden sind. Kickbusch forderte zur Eindämmung der Pandemie statt Grenzschließungen eine „gute Teststrategie, die es auch erlaubt, Ansteckungen zu verfolgen“. Dafür brauche es eine „unheimlich gute Datenlage“, die in einigen Ländern noch nicht gegeben sei, sagte die WHO-Beraterin. „

Der Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin in Innsbruck, Günter Weiss, hatte zuvor in der „ZIB 2 am Sonntag“ zu den unterschiedlichen Entwicklungen in Österreich und einigen Nachbarländern betont, man dürfe in der Pandemie „einen einzelnen Zeitpunkt nicht überbewerten“. Es handle sich um eine „Wellenbewegung“. Eine ähnliche Situation wie in Österreich und Tschechien ist laut dem Infektiologen vielleicht demnächst in Deutschland möglich, das derzeit relativ gute Fallzahlen aufweist.

Stiko dämpfen Erwartungen an Impfung

Mitglieder der Ständigen Impfkommission (Stiko) des Robert-Koch-Instituts haben allerdings vor zu großen Erwartungen an Corona-Impfungen gewarnt und dabei Geduld angemahnt. Das Stiko-Mitglied Klaus Überla äußerte in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ die Einschätzung, dass zunächst nur wenige Millionen Impfdosen zur Verfügung stehen werden. „Eine Zahl, die unter Fachleuten genannt wird, ist fünf Millionen Dosen“, sagte der Virologe an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Das Stiko-Mitglied Fred Zepp verwies im Gespräch mit der „FAS“ darauf, dass mehr als eine Dosis pro Geimpftem benötigt werde. „Die meisten Impfstoffe, die im Moment in der Entwicklung sind, brauchen zwei Dosen, damit sie wirken. Um alle Menschen in Deutschland zu impfen, brauchen wir dann mehr als 160 Millionen Dosen“, sagte der Epidemiologe der Universität Mainz.

Mitgliedern der Impfkommission zufolge wird es zudem viele Monate dauern, bis genügend Bürger geimpft sind, um Corona-Einschränkungen wie die Maskenpflicht oder das Distanzgebot aufzuheben. Der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens vertrat die Auffassung, es müssten 60 Prozent der Deutschen geimpft sein, um einen „Herdeneffekt“ zu spüren und das Virus zu besiegen. Das werde nach seinem Dafürhalten viele Monate dauern, sagte der Virologe am Universitätsklinikum Ulm.

Dunkelziffer von 700 Millionen

Unterdessen liess die WHO mit einer Zahl aufhorchen. Jeder zehnte Mensch auf der Welt könnte sich laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt haben. „Unsere derzeit besten Schätzungen ergeben, dass etwa zehn Prozent der Weltbevölkerung bereits mit diesem Virus infiziert gewesen sein könnten“, sagte WHO-Experte Mike Ryan am Montag in Genf.

Das würde einer Dunkelziffer von mehr als 700 Millionen unerkannten Infektionen zusätzlich zu den bisher rund 35 Millionen nachgewiesenen Fällen entsprechen. Der Anteil der bereits Infizierten schwanke je nach Land, zwischen Stadt- und Landbevölkerung und auch nach sozialen Gruppen, sagte Ryan.

Selbst bei einer derart hohen Dunkelziffer sei der überwältigende Großteil der Menschen weltweit immer noch dem Risiko einer Covid-19-Erkrankung ausgesetzt, betonte er. Inwiefern Menschen nach einer überstandenen Infektion mit Sars-CoV-2 gegen den Erreger zumindest eine Zeit lang immun sind, ist bisher nicht abschließend geklärt.

 

 

 

 

 

 

 

 

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