Coronavirus

Anschober wegen erhöhter Infiziertenzahl nicht alarmiert

Exakt ein halbes Jahr nach dem ersten offiziellen, in China gemeldeten Coronavirus-Fall ist die Pandemielage aus globaler Sicht noch nicht im Griff. Während in vielen Ländern Infektions- und Todeszahlen erst im Steigen begriffen sind, gibt es in manch europäischem Land Anzeichen für eine zweite Welle. In Österreich ist das nicht unbedingt der Fall, doch sind die Infektionszahlen zuletzt gestiegen.

red/Agenturen

Die Dienstag-Zahlen zeigten mit 43 neuen Fällen gegenüber dem Vortag immerhin einen Rückgang von 26 neuen Fällen. Wien hatte an der Dienstag-Zahl mit 27 den klar größten Anteil. Die Zahl der insgesamt an oder mit Covid-19 Verstorbenen stieg um zwei auf 705. 64 Personen befinden sich in Krankenhaus-Betreuung, sechs davon intensivmedizinisch. Da es in einem 24-Stunden-Fenster mehr Genesene als Neuinfizierte gab, sank die Zahl der aktuell Erkrankten um 17 auf 583.

Das ist aber um rund 200 mehr als vor gut zwei Wochen. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) zeigte sich jedoch nicht alarmiert, sieht die Entwicklung in Österreich weiter positiv. Er verwies nach dem Dienstag-Ministerrat darauf, dass die Situation eigentlich recht stabil sei. In den seit März wieder geöffneten Bereichen gab es „keine negative Entwicklung“. „Meine Sorge würde dann steigen, wenn wir bei einzelnen Clusterbildungen nicht wüssten, woher die kommen“, so Anschober.

Risikobewusstsein nimmt ab

Kritisch sieht der Gesundheitsminister, dass das Risikobewusstsein bei einem „überschaubar kleinen Teil der Bevölkerung“ abgenommen habe. Er appellierte, Mindestabstand und Hygienebestimmungen einzuhalten: „Alle sehnen sich nach einem schönen Sommer – aber bitte mit Verantwortung.“ Aktuell als Lockerungsbefürworter präsentierte sich im Ö1-Morgenjournal Christoph Wenisch, Leiter der Infektionsabteilung am Wiener Kaiser-Franz-Joseph-Spital. Wegen stabiler Patientenzahlen sei klar, dass das so sein muss.

Virologin Monika Redlberger-Fritz hatte bereits am Montagabend im ORF in der „ZIB2“ darauf hingewiesen, dass es Zeit zu handeln sei, wenn die Zahl der täglichen Neuerkrankungen ansteige. Von einer zweiten Welle würde sie derzeit aber nicht sprechen. Allerdings meinte sie, dass die Bevölkerung zu sorglos mit der Gefahr einer Corona-Ansteckung umgehe. Ob wieder strengere Maßnahmen gesetzt werden müssen, komme darauf an, wie sich die Situation in der nächsten Woche entwickle.

Corona-Ampel vereinzelt auf „gelb“

Vor einem Überschwappen von Entwicklungen auf Österreich, die auf eine zweite Welle an Covid-19-Infektionen hindeuten, warnte der Komplexitätsforscher Stefan Thurner. Auch hierzulande gebe es erste Anzeichen für regionale Verschiebungen in diese Richtung – etwa im Raum Linz und Wien. Die Entwicklung positiv getesteter Fälle im Ländervergleich stellt eine neue „Corona-Ampel“ der Forscher dar.

Im von Wissenschaftern um den Leiter des Complexity Science Hub (CSH) Vienna entwickelten Ampelsystem sind dieser Tage wieder mehrere Bezirke von „grün“ auf „gelb“ umgesprungen. Das heißt, dass sich dort die Anzahl positiv getesteter Fälle pro 10.000 Einwohner im Vergleich der vergangenen 14 Tage merklich auf über eins erhöht hat. Das betrifft vor allem Linz, Wels und das Umland dieser Städte sowie St. Pölten und den Bezirk Neunkirchen (NÖ). Wien bleibt nach wie vor „gelb“.

Pflegeeinrichtungen fühlten sich allein gelassen

Besonders gefährdet sind ältere und gesundheitlich vorbelastete Personen. So waren ein Drittel der an oder mit Covid-19 verstorbenen Menschen in Österreich Bewohner von Pflegeheimen. Beim Schutz dieser Risikopatienten waren die Leiter und Pfleger der Einrichtungen in der Krise oft auf sich allein gestellt, wie der Bundesverband Lebenswelt Heim beklagte. Sie seien mit unzureichender Schutzausrüstung und Tests sowie fehlender Rechtssicherheit konfrontiert gewesen.

Neue Lockerungen ab Mittwoch

Am Mittwoch, mit Monatsbeginn, treten indes neue Lockerungen in Kraft, die entsprechende Verordnung wurde am Dienstag veröffentlicht. So ist wieder jeder Sport auch ohne Abstand erlaubt. Die Maskenpflicht für Kellner fällt. Buffets mit Selbstbedienung werden prinzipiell wieder möglich. Für kleine Bars wird die Thekenausschank möglich sein. Wieder erlaubt ist auch die Prostitution. Für die Nachtgastronomie soll bis Ende der Woche ein Paket mit Lösungsvorschlägen erarbeitet werden.

Eine positive Auswirkung der Pandemie ist ein Rückgang der Verkehrstoten im ersten Halbjahr 2020. Bis 29. Juni starben 146 Menschen im Straßenverkehr. Das sind laut ÖAMTC um 26 Prozent weniger als im ersten Halbjahr 2019 (197). ÖAMTC-Experte David Nose warnte vor zu viel Euphorie: „Nach dem Corona-Lockdown gab es durch den ausgebliebenen Transitverkehr sowie die deutlich eingeschränkte Inlandsmobilität wochenlang keine Staus. Als Dauerzustand wäre das jedoch undenkbar.“

WHO: Pandemie nicht annähernd vorbei

International forderte die Weltgesundheitsorganisation (WHO), zu testen, soziale Kontakte zurückzuverfolgen und Quarantäne-Regeln zu befolgen. WHO-Chef Tedros Adlahnom Ghebreyesus betonte: „Es ist noch nicht einmal annähernd vorbei.“ Das Pandemie-Ausmaß hätte mit den zur Verfügung stehenden Mitteln verhindert werden können. Es habe aber Versäumnisse bei der Umsetzung grundlegender Gegenmaßnahmen sowie eine mangelnde Einheit innerhalb und zwischen den Ländern gegeben.

USA weiterhin ein Krisenherd

Ein Krisenherd sind nach wie vor die USA. Auf den starken Anstieg der Infektionszahlen in den eher südlichen Bundesstaaten hat Arizona reagiert, indem Lockerungen zurückgenommen wurden. Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern seien jetzt wieder verboten. In Texas und Teilen Kaliforniens wurde zuletzt eine Schließung von Bars angeordnet. Los Angeles verfügte zudem für das kommende lange Wochenende eine Schließung aller Strände, um Menschenmengen zu vermeiden.

Eine Verschärfung der Kontaktbeschränkungen könnte in weiten Teilen Englands bevorstehen. In 36 Städten und Regionen stiegen die Covid-19-Fälle an, berichtete am Dienstag der „Telegraph“. In Leicester sind – als erster Stadt in England – bereits Lockerungen zurückgenommen worden. Um die Maßnahmen durchzusetzen, ist auch eine Gesetzesänderung geplant. Die Neuinfektionen in der Stadt haben in der vergangenen Woche zehn Prozent aller Fälle in England ausgemacht.

Eine Ausgangssperre wegen einer Reihe von Neuinfektionen ist für rund 300.000 der insgesamt etwa fünf Millionen Einwohner von Melbourne verhängt worden. Die Bewohner von mehr als 30 Wohnvierteln der australischen Metropole sollten ab Mitternacht bis zum 29. Juli ihre Häuser möglichst nicht verlassen, sagte der Regierungschef des Bundesstaates Victoria, Daniel Andrews. Der Bundesstaat Victoria registrierte seit Donnerstag 233 Neuinfektionen, die meisten davon in Melbourne.
 

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BKA / Regina Aigner