Traumatherapie für Geflüchtete

Steigender Bedarf macht staatliche Basisfinanzierung dringlicher

1.309 traumatisierte Flüchtlinge und Folteropfer wurden im vergangenen Jahr vom Wiener Hilfsverein „Hemayat“ betreut. „Die Zahl der traumatisierten Menschen, die Hilfe benötigen, steigt seit Jahren“, berichtet die Geschäftsführerin des Vereins, Cecilia Heiss, am Donnerstag bei einer Pressekonferenz. Um den Bedarf zu decken fordert der Verein eine staatliche Basisfinanzierung.

ct/Agenturen

Seit 25 Jahren arbeitet „Hemayat“ (persisch für „Schutz“ und „Betreuung“) im Spannungsfeld zwischen schwersten Menschenrechtsverletzungen und dem österreichischen Fremdenwesen. „Das Schwierigste war von Anfang an – und das ist es bis heute - die negative Wirkung der Asylverfahren auf die Therapieverläufe“, schildert „Hemayat“-Mitgründerin und Psychotherapeutin Barabara Preitler kürzlich in einem Interview. „Dass Menschen, die wir als gefoltert einschätzen, nicht den Schutz erhalten, der ihnen zusteht, erschwert die Arbeit massiv“, berichtet Preitler. „Wir haben früher mehr Gutachten geschrieben, denn es gab im Asylgesetz einen Passus, dass traumatisierte Flüchtlinge besonders schutzbedürftig seien“.

Steigende Nachfrage, lange Warteliste

Die Nachfrage nach der Betreuung habe in den 25 Jahren seit Gründung des Vereins nie gelitten, sagte die Geschäftsführerin des Vereins, Cecilia Heiss. „Die Zahl der traumatisierten Menschen, die Hilfe benötigen, steigt seit Jahren an.“ Jedoch fehle das nötige Budget, um alle Nachfragenden sofort betreuen zu können. Momentan stehen rund 600 Personen auf der Warteliste. Die Wartezeit kann bis zu drei Jahren dauern. Dringliche Fälle, etwa Suizidgefährdete, werden aber vorgezogen.

Im Schnitt kostet die Betreuung einer Person 1.000 Euro im Jahr. Eine Therapiestunde kommt auf 55, der Dolmetscher auf 29 Euro. Ein Teil der Kosten wird von der Krankenkasse refundiert. Den Rest finanziert der Verein aus Spenden- und Fördergeldern. Über 60 Prozent davon machen private Spenden aus. Dazu kommen zum Beispiel Förderungen vom Innenministerium und der Stadt Wien.

Für die Klienten ist nicht nur die Aufarbeitung vergangener Traumata ein Thema, sondern auch die Konfrontation mit gegenwärtigen Ereignissen. So können etwa Bilder von den Flüchtlingen an der türkisch-griechischen Grenze für Geflüchtete, die es bereits nach Österreich geschafft haben, retraumatisierend wirken, wie Vertreter von „Hemayat“ berichten.

Psychotherapeuten warnen vor Retraumatisierung

Die 43 Psychotherapeuten von „Hemayat spürten die Auswirkung der Ereignisse an der EU-Außengrenze schon jetzt, „weil wir Angehörige hier haben, die Verwandte in Idlib (Kriegsschauplatz in Syrien, Anm.) oder an der griechisch-türkischen Grenze haben“, Preitler. Aber auch die Bilder an sich brächten Traumata unter den Geflüchteten wieder hervor, erklärte Preitler. Etwa, wenn ihre Klienten die Nachrichten im Fernsehen verfolgen und daran erinnert werden, als sie selbst versucht hatten, über die Grenze zu kommen.

„Genau auf diese Weise werden Klientinnen und Klienten von morgen gemacht“, sagte Heiss. „Menschen, die von traumatischen Erlebnissen geflüchtet sind, erleben schon wieder kriegsähnliche Situationen.“ Der Arzt Siroos Mirzaei, der auch seit der „Hemayat"-Gründung im Jahr 1995 mit dabei ist, appellierte an die europäischen Politiker, „die Menschenrechte nicht außer Acht zu lassen". Die Politik müsse sich mit den Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) zusammentun. Es gebe NGOs, die sehr viel Erfahrung hätten und der EU behilflich sein könnten, so Mirzaei.

Neben den 43 Psychotherapeuten arbeiten für „Hemayat“ momentan auch zwei Shiatsu-Therapeuten, 38 Dolmetscher und drei Ärzte. Im Jahr 2019 wurden insgesamt 1.309 traumatisierte Flüchtlinge und Folteropfer aus 47 Ländern betreut. Die zentrale Aufgabe des Vereins ist laut Preitler, „Menschen, die so verunsichert wurden wie nur irgendwie möglich, einen Raum zu geben, in dem sie sich sicher fühlen können.“ Menschen sollen in einer schweren Lebensphase begleitet werden, um „zu lernen sich selbst zu vertrauen und sich zuzutrauen im Land Fuß zu fassen". Einer ihrer früheren Klienten sei nun Facharbeiter in seinem erlernten Beruf, ein anderer Filialleiter. „Es gelingt immer wieder, im Großen wie im Kleinen“, bilanziert die Psychotherapeutin.

Von physischer zur psychischer Folter

„Ich glaube, es gibt etliche Menschen, die unsere Arbeit ein Stück weit in die zweite Heimat Österreich begleiten konnte“, sagt Preitler. In der Betreuung ist der Verein mit vielen bewegenden Klientengeschichten konfrontiert. „Als Mediziner lernt man die Geschichten ein wenig 'abprallen' zu lassen, sonst geht man daran kaputt“, sagt Mirzaei und erzählt von einer Klientin: „Im Wilhelminenspital rief mich eine bosnische Ärztin zu Hilfe für eine Patientin, die in die Luft schaute und lachte, während ihr Mann erzählte, sie sei in der Nacht vor ihrer Hochzeit vergewaltigt worden und seitdem sprach sie nicht mehr. Diese Frau war dann eine der ersten Patientinnen, bei der ich an Hand eines bildgebenden Verfahrens die Folterspuren an den Knochen (schwere Verletzungen im Beckenbereich, Anm.) nachweisen konnte. Sie bekam daraufhin Asyl“, so Mirzaie.

Doch nicht immer hinterlässt Folter nachweisbare Spuren, wie Mirzaie aufzeigt. „Viele Länder gehen zunehmend in Richtung psychischer Foltermethoden, die genauso grausam und 'wirksam' sind wie die physischen. Im Iran ist diese so genannte 'weiße Folter' schon sehr raffiniert und arbeitet mit Schlafentzug, Drogen, Scheinexekutionen, etc. Danach sind die Menschen völlig kaputt, aber die Methoden hinterlassen keine nachweisbaren Spuren“, so Mirzaie. 

Hemayat
HEMAYAT bietet traumatisierten Menschen psychotherapeutische Unterstützung, hier bei einer dolmetschunterstützten Einzeltherapie.
Katharina Gossow
Zeichnung
Kinderzeichnung eines Klienten des Vereins HEMAYAT.
Hemayat
HEMAYAT bietet traumatisierten Menschen psychotherapeutische Unterstützung.
HEMAYAT bietet traumatisierten Menschen psychotherapeutische Unterstützung.
Katharina Gossow
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HEMAYAT bietet traumatisierten Menschen psychotherapeutische Unterstützung, hier bei einer dolmetschunterstützten Einzeltherapie.
Katharina Gossow