Experte: Auswirkungen hoher Inzidenzen auf Kinder beachten

Volker Strenger von der Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) rechnet im Herbst und Winter wegen lockerer Corona-Maßnahmen mit deutlich mehr Infektionen bei Kindern als im Vorjahr. Das sei bis zu einem gewissen Grad vertretbar, weil Corona bei ihnen deutlich seltener schwer verlaufe, vulnerable Gruppen geschützt seien und es Impfangebote gebe. Sollten aber die Erkrankungsfälle bei Kindern deutlich zunehmen, müsse man reagieren. „Da müssen wir auf Sicht fahren.“

red/Agenturen

„Ich glaube, dass die Kinder mehr unter den Schulschließungen gelitten haben als unter den Infektionen“, plädiert der Leiter der Arbeitsgruppe Infektiologie der ÖGKJ im Gespräch mit der APA grundsätzlich für eine Rückkehr zu einem normaleren Leben. Kinder und Jugendliche hätten in der Pandemie sehr stark zurückstecken müssen, und zwar nicht so sehr, um sich selbst zu schützen, sondern andere. Immerhin ist diese Gruppe vergleichsweise seltener von schweren Verläufen betroffen, wie auch Zwischenergebnisse der ersten österreichischen Studie zu Covid bei Kindern und Jugendlichen von Universität Graz, ÖGKJ und AGES zeigen, die von Strenger koordiniert wird.

Für die Studie werden rund 2.500 Kinder und Jugendliche bzw. deren Familien zum Verlauf ihrer Corona-Infektion befragt. Das Besondere an der repräsentativen Erhebung ist laut Strenger, dass auch Personen berücksichtigt werden, die nicht ins Spital mussten. Mittlerweile liegen erste Zwischenergebnisse für die Gruppe der Null- bis 14-Jährigen (755 Befragte) vor: Demnach hatten sechs von zehn Kindern und Jugendlichen bei der Infektion Krankheitssymptome, vor allem die Über-Zehnjährigen. 6,8 Prozent haben deshalb den Haus- oder Kinderarzt aufgesucht.

2,4 Prozent mussten im Spital aufgenommen werden, auf der Intensivstation ist laut den Zwischenergebnissen keiner der Studienteilnehmer gelandet. Allerdings zeigen Daten einer anderen österreichischen Studie, dass eines von 1.000 Kindern mit per PCR-Test nachgewiesener Infektion am Hyperinflammationssyndrom (PIMS, MIS-C) erkrankt, einer überschießenden Immunreaktion mit potenziell lebensgefährlichem Verlauf.

Die Frage, ob und wie stark Kinder und Jugendliche von Long Covid betroffen sein könnten, ist laut Strenger schwer zu beantworten. Laut Definition sind darunter alle Symptome zu verstehen, die nach vier Wochen noch nicht abgeklungen sind. In der aktuellen Studie haben 11,3 Prozent der befragten Kinder nach vier Wochen noch von zumindest einem Symptom berichtet, bei 6,2 Prozent war das nach drei Monaten noch der Fall.

Geplante Sicherheitsmaßnahmen für Schulbetrieb

Das Fatigue Syndrom mit starken Erschöpfungszuständen ist nur eine von vielen möglichen Ausprägungen, betont Strenger. Und es bedeute auch nicht, dass alle Symptome, die man mehr als vier Woche nach der Infektion verspürt, auch wirklich mit Covid zu tun haben. Es gebe zwar Symptome wie Konzentrationsschwierigkeiten und Antriebslosigkeit nach einer Covid-Infektion bei Kindern und Jugendlichen. „Aber viele von den Symptomen gibt es im Rahmen der Pandemie auch bei Kindern, die kein Covid hatten“, so Strenger mit Verweis auf andere Studien zu dem Thema.

Die mittlerweile in Österreich dominante Delta-Variante ist von den Studienergebnissen übrigens nicht umfasst, alle Befragten hatten sich im Jahr 2020 infiziert. „Die Frage ist aber, ob die Delta-Variante - abgesehen von der leichteren Übertragbarkeit - auf den klinischen Verlauf überhaupt so viel Einfluss hat."

Die geplanten Sicherheitsmaßnahmen für den Schulbetrieb unterstützt Strenger. Durch die „Sicherheitsphase“ in den ersten beiden Schulwochen bekomme man einen Überblick über das Infektionsgeschehen und danach sei es durchaus sinnvoll, Maßnahmen wie regelmäßiges Testen oder Maskenpflicht vom Infektionsgeschehen abhängig zu machen. Ab wann welche Stufe des Stufenplans erklommen werden müsse, sei derzeit schwer zu sagen. „Ich würde das aber nicht an den bisher bekannten Inzidenz-Grenzen festmachen.“ Immerhin sei das Setting durch die Impfung ein ganz anderes als im Vorjahr.

Unterschiedliche Regelungen bei den Tests für Geimpfte und Ungeimpfte sind an den Schulen für Strenger auf jeden Fall argumentierbar, im Gasthaus reiche auch der Nachweis von einem der drei Gs (geimpft, getestet, genesen). Im Kindergarten sieht er grundsätzlich keinen Bedarf an regelmäßigen Tests, denn kleine Kinder würden tatsächlich kaum schwer erkranken und Erwachsene mit Angst vor einer Ansteckung könnten sich durch die Impfung ohnehin selbst schützen. Bei sehr hohen Inzidenzen wäre für ihn aber auch hier der Einsatz etwa von PCR-Tests, bei denen der Mund gespült wird, denkbar.

Die für Kinder ab zwölf Jahren zugelassene Impfung empfiehlt Strenger - vor allem weil bei hohen Infektionszahlen in dieser Altersgruppe doch mehr schwere Verläufe zu beobachten sein werden. Selbst wenn man seltene Nebenwirkungen der Corona-Impfung bei Kindern wie Herzmuskelerkrankungen berücksichtige, sei der Nutzen immer noch größer als das potenzielle Risiko, verweist Strenger etwa auf Erfahrungen in den USA. Dort haben bereits elf Millionen Kinder zwei Impfdosen erhalten. Zur oft geäußerten Sorge vor Langzeitfolgen betont der Mediziner, dass bei keiner der bekannten Impfungen später als zwei Monate nach dem Stich Spätkomplikationen aufgetreten seien. Nach Virusinfektionen könne es hingegen selbst Jahre später zu Komplikationen kommen. „Es gibt keinen Hinweis darauf, dass es bei mRNA-Impfungen erstmals zu Spätkomplikationen nach einer Impfung kommen könnte.“ Strenger weist außerdem darauf hin, dass die Impfung für Kinder ab zwölf Jahren nach der ÖGKJ, dem österreichischen Nationalen Impfgremium (NIG), vielen europäischen Staaten und den USA nun auch von der deutschen Ständigen Impfkommission (STIKO) ohne Einschränkung empfohlen wird.