Corona-Impfung

Experten wollen „beiläufige“ Angebote für vulnerable Gruppen

Da sich die Situation in Österreich von einer Phase der Impfstoffknappheit in Richtung eines Überschusses verändert, empfehlen Experten mehr „beiläufige Impfgelegenheiten“ für vulnerable Bevölkerungsgruppen zu schaffen. Sie sollten etwa bei Arbeitsmarktservice, Sozialhilfestellen oder auf Bahnhofsvorplätzen eingerichtet werden, wie es in einem Papier von Experten der Forschungsplattform „Covid-19 Future Operations“ heißt.

red/Agenturen

Formuliert wurde das Positionspapier mit dem Titel „Endlich#Vorbei: Die Pandemie beenden: für alle, nicht nur für einige“ von der Arbeitsgruppe „Gesundheit/Infektionskurve“, die die Politik in Sachen Corona-Maßnahmen berät. Während sich in vielen Bevölkerungsgruppen die Durchimpfungsraten bereits positiv entwickeln, seien einige Gruppen weiter „mit Informationsdefiziten, Unsicherheiten oder Zugangsbarrieren etwa im Zusammenhang mit Impfen oder Testen konfrontiert“. Sozial benachteiligten Menschen müsse man möglichst niederschwellige Impfegelegenheiten „an vornehmlich frequentierten Orten“ bieten, so die Experten, zu denen Peter Klimek vom Complexity Science Hub (CSH) Vienna und der Medizinischen Universität Wien, Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien (IHS) oder der Bundesrettungskommandant des Österreichischen Roten Kreuzes, Gerry Foitik, gehören.

Die Covid-19-Pandemie habe soziale und wirtschaftliche Unterschiede verstärkt. Infektionszahlen seien unter sozioökonomisch benachteiligten Gruppen nachweislich höher, was sich etwa auch an Schulen zeige. Menschen, die von den wirtschaftlichen Verwerfungen wie Arbeitsplatzverlust stärker betroffen sind, leiden u.a. auch stärker unter psychischen Belastungen. Eine Gruppe, die die Autoren auch hervorhebt, sind junge Menschen, die aus Solidarität mit den von Covid-19 stärker bedrohten älteren Generationen dramatisch einschränkt waren und sind. „Alle Maßnahmen der Wiederherstellung des normalen, gesellschaftlichen Lebens sind vor allem auch auf die Auswirkungen auf diese kritischen Gruppen zu gestalten“, so die Experten.

Konkrete Anreize weiterhin wichtig

In dem Papier wird auch auf die deutlich höhere Testbereitschaft unter Menschen mit „höherem formellen Bildungsstand“ hinweisen. Ähnliches gelte für die Impfbereitschaft hierzulande. In anderen gesellschaftlichen Bereichen brauche es daher mehr Impf- und Testangebote mit möglichst geringen Hürden. Zu den besonders vulnerablen Gruppen zählt die Gruppe „Menschen, die von Obdachlosigkeit, Substanzabhängigkeit oder sozialer Ausgrenzung betroffen sind“, aber etwa auch Personen ohne Krankenversicherung oder ohne regulären Aufenthaltsstatus in Österreich. „Weiters sind Personen, denen aufgrund von Sprachbarrieren oder mentalen Beeinträchtigungen, Behinderungen etc. Informationen zu Impf- oder Testprogrammen nicht ausreichend zugänglich sind, mit herkömmlichen Kommunikationsmaßnahmen mitunter schwer erreichbar“, heißt es.

Um zu vermeiden, dass es in diesen Gruppen zu größeren Ausbrüchen kommt, brauche es möglichst persönliche, seriöse und leicht verständliche Ansprache, mit Rücksichtnahme auf etwaige Sprachbarrieren. Um dies zu adressieren, gebe es etwa in den USA bereits beiläufige Impfangebote an stark frequentierten öffentlichen Orten. Zudem hätten sich zielgruppenspezifische Kampagnen beispielsweise über Impfkiosks in benachteiligten Stadtteilen oder Social Media-Kampagnen bewährt.

Die Experten empfehlen auch „konkrete Anreize zur Teilnahme an Impf- und Testangeboten“. Vor der Umsetzung „innovativer Impf- und Testkonzepte“ brauche es „einen Check durch Stakeholder-Organisationen“, die „mit vulnerablen Personengruppen tagtäglich arbeiten und deren Lebenswelten kennen“, wie dem Wiener neunerhaus Gesundheitszentrum oder der Armutskonferenz. Man sollte sich zudem überlegen, wie das Vertrauen in öffentliche Angebote und Gesundheitsdienste gehoben werden kann, so brauche es auch abseits von Krisenzeiten „kontinuierliche und zielgruppenorientierte Kommunikation zu Impfungen“.

 

Obdachloser Mensch
Zu den besonders vulnerablen Gruppen zählen etwa „Menschen, die von Obdachlosigkeit, Substanzabhängigkeit oder sozialer Ausgrenzung betroffen sind“, so das Expertenpapier.
iStock_thyme