Infektiologe sieht weiter gute Chance auf einschränkungsarmen Winter

Der Innsbrucker Infektiologe und Direktor der Uni-Klinik für Innere Medizin, Günter Weiss, sieht trotz steigender Infektionszahlen eine „gute Chance“ auf einen Herbst und Winter „ohne große Einschränkungen". Dies sagte Weiss im APA-Interview. Den von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) skizzierten Weg mit Bettenbelegung in den Krankenhäusern und in den Intensivstationen als Leitindikator und Absage an einen generellen Lockdown inklusive Geimpfter begrüßte Weiss.

red/Agenturen

Den Fokus auf die Hospitalisierungen und die Intensivbettenbelegung hatte Weiss in der Vergangenheit bereits mehrmals gefordert. Man könne zwar derzeit angesichts steigender Infektionszahlen vor allem bei Ungeimpften schon von einer „besorgniserregenden Situation“ sprechen, aber dass des Kanzlers Szenario Realität werde, sei „durchaus möglich“, so der renommierte Mediziner, der auch dem Beraterstab im Gesundheitsministerium angehört.

Weiss mahnte aber stärkere Anstrengungen ein. Er sprach drei wesentliche Punkte an, denen man sich so rasch wie möglich und noch verstärkter widmen müsse, um die Situation zu stabilisieren. Der wichtigste sei die Erhöhung der Impfquote. Hier sei man zwar einerseits bereits gut unterwegs mit dem zur Verfügungstellen von niederschwelligen Angeboten, aber darauf müsse weiter der Hauptfokus liegen. Dazu gehöre auch verstärkte Überzeugungsarbeit bei impfskeptischen oder durch widersprüchliche Informationen verunsicherten Menschen - sowie vor allem auch ein Eingehen auf Menschen mit Migrationshintergrund oder schlechter Anbindung an unser Gesundheitssystem. Es zeige sich bei den Aufnahmen im Krankenhaus, dass Personen aus verschiedenen Communitys sich ungeimpft infizieren: „Hier gilt es vor allem, die neuen Kommunikationswege zu nutzen und Menschen zu gewinnen, denen die Betroffenen vertrauen und diese besser erreichen, um sie von der Sinnhaftigkeit einer Impfung zu überzeugen". Auch die Auffrischungsimpfungen vor allem für Ältere und Vulnerable, die nun in die Gänge kommen, seien ganz essenziell und müssten rasch vorangetrieben werden.

Verbesserungen bei Contact-Tracing und Teststrategie gefordert

Zudem appellierte der Experte daran, sich wieder ein paar „banaler Dinge“ zu erinnern, die in jüngster Vergangenheit „natürlich auch verständlicherweise“ in den Hintergrund getreten seien. Dazu gehören vor allem Hygieneregeln wie die Handhygiene, die eine große Rolle spiele, da bei infektiöseren Virusvarianten mitunter auch Schmierinfektionen zur Übertragung beitragen können. Auch vielleicht da oder dort Masken in Innenräumen aufzusetzen, wäre eine sinnvolle Maßnahme.

Überdies forderte Weiss Verbesserungen beim Contact-Tracing und Teststrategie. Ersteres müsse rascher und gezielter von statten gehen. Sollte es einen positiven Fall geben, müsse dieser innerhalb von 24 Stunden „aufgesucht“ und dessen Kontakte erhoben werden - und nicht wie momentan mitunter erst nach fünf oder sechs Tagen. Und im Bereich der Testungen plädierte der Infektiologe - statt großflächigem Testen - einmal mehr für symptombasiertes Testen, und für solches bei vulnerablen Gruppen sowie in der kritischen Infrastruktur. „Länder wie Deutschland und die Schweiz zum Beispiel testen viel weniger und haben auch keine schlechteren Infektionszahlen“, erinnerte Weiss und mahnte einmal mehr „wissenschaftlich fundierte Auswertungen“ über die Effizienz der Tests ein.

Dezidiert sprach sich der Experte für ein Aus für die Gratis-Corona-Tests aus. Denn wie „komme die Allgemeinheit dazu“, Tests für Personen zu finanzieren, die sich nicht impfen lassen wollen und damit potenziell die Gesundheit anderer gefährden. Mit einem kostenpflichtigen PCR-Test solle man aber nach wie vor Lokale, Veranstaltungen usw. besuchen dürfen, plädierte der Innsbrucker Mediziner unter diesen Voraussetzungen vorerst weiter für die Beibehaltung der 3G-Regel.

Das Modell Dänemark - das Land hat eine der höchsten Impfquoten in Europa, hat alle Restriktionen aufgehoben und die Pandemie quasi für beendet erklärt, weil die Krankheit als nicht mehr „kritisch für die Gesellschaft“ eingestuft wird - bezeichnete Weiss im Moment noch als „vielleicht ein bisschen zu sportlich". Er verwies auf eine leider geringere Impfquote hierzulande: „Doch auch bei uns wird in Anbetracht dessen, dass uns dieses Virus erhalten bleiben wird, der Weg mittelfristig hin zu diesem 'dänischen Modell' führen".