Niederlande unter Druck: Corona-Politik wie Tanz auf dem Vulkan

Statt grünes Licht für einen unbeschwerten Sommer und Urlaub ohne Quarantäne stehen in den Niederlanden erneut alle Signale auf rot. Die Infektionszahlen stiegen zu stark. Bei einer Sondersitzung des Parlaments am Mittwoch in Den Haag verurteilten Abgeordnete die bisherige Politik der Regierung als verantwortungslos. Premier Mark Rutte entschuldigte sich und sprach von einem „Einschätzungsfehler“.

red/Agenturen

Ministerpräsident Mark Rutte und sein Gesundheitsminister Hugo de Jonge hätten viel zu schnell die Maßnahmen am 26. Juni aufgehoben, klagten Abgeordnete, und Warnungen von Experten in den Wind geschlagen. Zwei Wochen später wurde die Notbremse gezogen, einige Lockerungen wurden wieder rückgängig gemacht.

Vor allem die großstädtischen Regionen sind von der neuen Infektionswelle betroffen. Am Mittwoch waren rund 10.500 Neuinfektionen in 24 Stunden gemeldet worden, so viele waren es zuletzt zu Weihnachten. Die 7-Tage-Inzidenz liegt nun bei über 300. Zum Vergleich: In Österreich liegt der Wert bei 15,2.

Das niederländische Institut für Gesundheit und Umwelt RIVM geht davon aus, dass die besonders ansteckende Deltavariante bereits für 60 bis 65 Prozent der Infektionen verantwortlich ist. Auch die Patientenzahlen in Krankenhäusern steigen in den Niederlanden langsam. Zwar infizieren sich nun noch vorwiegend Jüngere, die vergleichsweise selten schwer an Covid erkranken. Doch die Experten beim RIVM befürchten, dass auch Ältere, die noch nicht oder nur teilweise geimpft sind, angesteckt werden. Dann können die Krankenhäuser erneut belastet werden. Positiv ist, dass bereits mehr als 40 Prozent der Einwohner vollständig geimpft sind, fast 70 Prozent haben zumindest eine Dosis erhalten.

Die Sorge ist groß, dass die Niederlande erneut zum Hochrisikogebiet in Europa erklärt werden und damit für viele Niederländer der Urlaub ins Wasser fällt. Zum 26. Juni hatten die Niederlande trotz erheblicher Warnungen gerade mit Blick auf die Deltavariante die meisten Maßnahmen aufgehoben. Im Prinzip galt nur noch der 1,5 Meter Sicherheitsabstand und die Maskenpflicht in Bus und Bahn. Für viele Niederländer war die Botschaft: Das war's mit Corona. Das bekräftigte dann auch noch Justizminister Ferd Grapperhaus, als er vor laufenden TV-Kameras auf die Melodie eines Kinderliedes trällerte: „Mundmaske, wo gehst du hin (...) in den Müll.“

Auch Festivals waren wieder möglich mit Zehntausenden Besuchern, Discos und Nachtclubs öffneten wieder. Es geschah, was viele Experten vorhergesagt hatten: Die Infektionszahlen explodierten. In den letzten sieben Tagen wurden rund 51.000 Infektionen registriert, 500 Prozent mehr als in der Vorwoche. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene bis 29 Jahre infizieren sich. Die Infektionsherde waren Gaststätten und Festivals. Betroffen sind vor allem die Großräume von Amsterdam, Utrecht, Rotterdam und Groningen.

1.000 Infizierte bei Musikfestival

Der Umfang der neuen Welle sei noch nicht deutlich, sagte Aura Timen vom RIVM. „Wir befinden uns in einer neuen Situation mit einer großen Verbreitung unter Jugendlichen und einigen Superspreading Events.“ So ein Ereignis war etwa ein Musikfestival in Utrecht Anfang Juli. Etwa 20.000 Menschen hatten das zweitägige Open-Air-Festival „Verknipt“ (Durchgeknallt) besucht. Rund 1.000 Besucher infizierten sich nach Angaben der Behörden. Die Zahlen könnten sogar noch steigen. Die Organisatoren reagierten geschockt und betonten, dass sie sich an alle Auflagen gehalten hätten.

Das war kein Einzelfall: Bei einem Festival in Breda hatten sich mehrere Hundert Besucher infiziert. In einer Disko in Enschede nahe der deutschen Grenze steckten sich von 600 Besuchern mindestens 200 an. Die Behörden haben inzwischen aufgehört zu zählen. Besucher mussten zwar nachweisen, dass sie geimpft, genesen oder negativ getestet waren. Doch inzwischen weiß man, dass das Testsystem nicht wasserdicht war. Nachweise konnten leicht gefälscht werden. Zugang war auch mit einem 40 Stunden alten Test erlaubt, mit dem großen Risiko einer Infektion in der Zwischenzeit.

Und dann beging Gesundheitsminister Hugo de Jonge einen folgenschweren Fehler. Mit dem lockeren Spruch „Tanzen mit Janssen“ wollte er Jugendliche ermuntern, sich schnell impfen zu lassen. Vom Impfstoff des Herstellers Janssen (Johnson & Johnson) ist nur eine Dosis nötig. Jugendliche konnten sich zum Beispiel morgens impfen lassen und abends bereits tanzen gehen. Doch der Impfschutz wird erst nach zwei Wochen erreicht.