Serbiens Ärzte kritisieren Politik nach Wahlen scharf

Eine Gruppe serbischer Ärzte hat am Dienstag schwere Vorwürfe gegen das Verhalten der Politik sowie der Behörden in der Coronavirus-Krise erhoben. „Der volle Verzicht auf Maßnahmen zur Epidemieeindämmung in der Wahlzeit (Parlamentswahlen wurden am 21. Juni abgehalten, Anm.) hat zum Verlust der Kontrolle über die epidemiologische Situation geführt“, stellten 350 Ärzte in ihrem Schreiben an die Regierung fest.

red/Agenturen

Die informelle Gruppe „Vereinigt gegen Covid-19“ verlangt in ihrem offenen Schreiben, auf das sich das Internetportal „Nova“ berief, sowohl eine Neubesetzung des regierungseigenen Krisenstabes wie auch die Klärung der unterschiedlichen Zahlen über die Coronavirus-Fälle.

Das Internetportal Balkaninsight hatte einen Tag nach den Parlamentswahlen unter Berufung auf die nie veröffentlichten Daten der Regierung nämlich berichtet, dass zwischen 19. März und 1. Juni in Serbien 632 mit Coronavirus infizierte Personen gestorben seien. Offiziell war für diese Zeit von 244 Toten die Rede gewesen. Das Internetportal berichtete weiter, dass es in den Tagen vor den Parlamentswahlen täglich zwischen 300 und 340 neue Coronafälle in Serbien gegeben habe. Offiziell lag der höchste Tageswert bei 97.

Unterschiedliche Zahlen ungeklärt

Von den Behörden wurden die unterschiedlichen Zahlen zunächst nicht eindeutig geklärt. Vielmehr unterschieden sich die täglich vom Krisenstab veröffentlichten Zahlen über die neue Krankheitsfälle in Serbien während der vergangenen Tage wesentlich von der Summe jener Zahlen, die von einzelnen regionalen Behörden veröffentlicht werden.

Laut Angaben des regierungseigenen Krisenstabes gab es am Montag 359 neue Coronavirus-Fälle. Das Internetportal „Nova“ errechnete gleichzeitig auf Basis der von regionalen Behörden veröffentlichten Daten, dass es mindestens 791 Neuinfizierte geben dürfte. Gesundheitsminister Zoran Loncar erklärte das damit, dass sich Personen wiederholt testen lassen würden, weshalb es von einer Person teilweise mehrere Resultate geben würde. Anderseits würden auch jene Personen als erkrankt geführt, die als Covid-Patienten behandelt würden, wenngleich dies durch das Attest noch nicht bestätigt worden sei.

Nach Angaben der Johns Hopkins Universität wurden in Serbien bisher 21.253 Kranke und 482 Tote registriert. Die Zahl der derzeitigen Krankheitsfälle liegt bei 6.623.

Ausnahmezustand und Proteste

Durch den Ausnahmezustand vom 15. März bis zum 6. Mai war es den serbischen Behörden gelungen, die Coronavirus-Krise unter Kontrolle zu bringen. Daraufhin wurden allerdings alle Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie aufgehoben. Es wurden Fußballspiele mit Publikum, das Tennis-Turnier Adria Tour, bei dem sich unter anderem der Weltranglistenerste Novak Djokovic infizierte sowie einzelne Wahlkundgebungen abgehalten.

Direkt nach den Parlamentswahlen, die die regierende Serbische Fortschrittspartei von Präsident Aleksandar Vucic klar gewonnen hatte, wurde die Situation erneut als „besorgniserregend“ bezeichnet. Eine Ankündigung von Vucic über die mögliche erneute Verhängung von Ausgangssperren hatte Anfang Juli zu massiven Protesten und Ausschreitungen in Belgrad und in einigen anderen Städten geführt. Von den Behörden werden die jüngsten Zahlen von Neuinfizierten meist mit diesen Protesten in Verbindung gebracht.